Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Theaterkritik

Im märchenhaften Erfolgstaumel betrogen um das eigene Herz

Armin Petras adaptierte Wilhelm Hauff


Das kalte Herz am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU_Ostkreuz

Bewertung:    



Schon in der ersten Szene löst die Vielzahl der auf der Bühne grüppchenweise angeordneten Figuren Irritation aus. Noch gefühlt mindestens hundert weitere Personen werden im Verlauf der Adaptation im Scheinwerferlicht der Bühne stehen. So bereichert der mehrfach ausgezeichnete Theaterregisseur Armin Petras seine Inszenierung zuerst einmal um eine Vielzahl an Bildeindrücken. Es wird gewettert, geschrien, gesungen, gerannt, mal schwäbisch traditionell und mal Freistil getanzt, was das Zeug hält. Des Weiteren werden feierlich sehenswerte Kunststücke vorgeführt, es gibt Videoprojektionen und Tonbandwiedergaben. Die dramaturgische Ausgestaltung von Wilhelm Hauffs Erzählung Das kalte Herz eröffnet dergestalt stets unvorhergesehene Wendungen. Erstaunlicherweise jedoch, ohne dass die Art der Adaptation den Geschehensverlauf mit ihrer Ideenfülle bereichert, denn das Nebeneinander verschiedener Ansätze der Erzählweise verwirrt eher, als dass es die Handlung durch ihre neue Zugangsweise erhellt.

Zeitlos ist die Erzählung von Peter Munk, genannt der Kohlenmunk-Peter (Johann Jürgens), der im Schwarzwald in ärmlichen Verhältnissen die Köhlerei seines verstorbenen Vaters führt. Er träumt davon, mehr Geld zu haben und angesehener zu sein. Neidisch vergleicht Peter sich mit angesehenen Männern, deren Eigenschaften für das stehen, was er gerne erreichen möchte. Exemplarisch erscheint hier als zweifelhaftes Vorbild Peters der sogenannte Tanzbodenkönig (Christian Schneeweiß). Diesen beneidet Peter um seine Freundin Lisbeth (Caroline Junghanns), seinen Reichtum und seine Attraktivität. Für andere Dorfbewohner verkörpert der Tanzbodenkönig jedoch durchaus auch weniger gute Eigenschaften, wie Geiz, Selbstsucht und Gefühllosigkeit.

Peter hört von einem Waldgeist im Schwarzwald, dem sogenannten Glasmännlein (hier weiblich und im grünen Tanztrikot: Berit Jentzsch). Dieses erfüllt jedem, der an einem Sonntag zwischen elf und zwei Uhr geboren ist, drei Wünsche, wenn es in einer bestimmten Weise angerufen wird. Sollte einer dieser Wünsche jedoch töricht sein, wird der dritte Wunsch nur unter Vorbehalt erfüllt. Schon Peters erster Wunsch ist töricht: er möchte besser tanzen können als der Tanzbodenkönig. Außerdem wünscht er sich stets so viel Geld zu haben wie ein beneideter, dritter Dorfbewohner und eine stattliche Produktionsstätte für Glas mit ausreichend Kapital.

Kein dauerhaftes Glück ist der Erfüllung dieser Wünsche beschieden, da Peter einfältig mit den neu gewonnenen Fähigkeiten und Gütern umgeht. Als er sich bald wieder in den Wald aufmacht, um seinen letzten Wunsch nach Reichtum und Anerkennung einzulösen, begegnet ihm dort jedoch nicht das Glasmännlein, sondern der Holländermichel (Wolfgang Michalek). Der Holländermichel verspricht Peter das nötige Geld, nämlich eine Millionen, für den sozialen Aufstieg. Er äußert jedoch einen Gegenwunsch. Er möchte, dass Peter sein lebendiges Organ Herz ihm vermacht und es gegen einen kalten Stein eintauscht. Alsbald ausgetauscht, forciert dieses kalte Herz eine Gefühlkälte Peters, die es ihm nun ermöglicht, durch Ausbeutung anderer und fehlende Rücksichtnahme stetig sein eigenes Kapital zu vergrößern. Doch wird er den Reichtum genießen können?

Johann Jürgens verkörpert Peter glaubhaft als unsympathischen Tor, der sich schon bald bis auf die Unterhose entblößt und auch später mit unreflektierter Einfalt die eine oder andere Untat heraufbeschwört. Wenn der Handlungsverlauf szenisch nicht nachvollziehbar wird, erzählt Caroline Junghanns in der Rolle von Peters begehrtem Lustobjekt Lisbeth die jüngsten Entwicklungen der Geschichte mit lebendigem und klarem Vortrag. Ihre Figur übernimmt so eine Rolle der erzählenden Beobachterin, ausdrucksstark auch durch eine gesangliche Wiedergabe des Gedichtes "Das kalte Herz" (1882) von Demetrius Schrutz. Die aus dem Handlungsverlauf hervorgehenden Konsequenzen für Lisbeth kommen nuanciert zur Geltung.

Jedoch sind die interessanteren Figuren in Petras Inszenierung der Holländermichel und das Glasmännlein. Berit Jetzsch und Wolfgang Michalek verkörpern diese zauberkräftigen Waldgeister verschmitzt, wendig und elegant. Beide scheinen auf der Bühne allgegenwärtig, auch wenn sie für die Handlung gerade nicht im Vordergrund stehen. Der eindrucksvollste Theatermoment der Inszenierung eröffnet sich, nachdem Peter sein Herz dem Holländermichel abgegeben hat und dieser es liebkosend umfängt. Triumphierend tanzt er nun zu Velvet Undergrounds Song „I’m waiting for the man“ zusammen mit dem Glasmännlein eine schneidige Showbühnen-Choreographie. Wurde das Glasmännlein überlistet oder ist es hier eine Art Verbündeter? Hat das vom Glasmännlein bisher versinnbildlichte sozioökonomische Prinzip früherer, bescheidener Formen der Industrialisierung am Beispiel der Glashütten gar abgedankt? Der Holländermichel symbolisiert in der Stuttgarter Inszenierung auch die Flößerei und die damit einhergehende Erschließung der Handelswege über die Nagold, den Neckar und den Rhein. Rücksichtslos gierig gewinnt er im gnadenlosen Kapitalismus. Solche zauberhaft dargebotenen, effektvoll sozialkritischen Momente hätte sich der Zuschauer mehr gewünscht.



Das kalte Herz am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU_Ostkreuz
Ansgar Skoda - 30. November 2014
ID 8284
DAS KALTE HERZ (Schauspiel Stuttgart, 23.11.2014)
Regie: Armin Petras
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Katja Strohschneider
Video: Rebecca Riedel
Musik: Miles Perkin
Licht: Kevin Schock
Choreographie: Berit Jentzsch
Dramaturgie: Jan Hein und Bernd Isele
Besetzung:
Kohlenmunk … Johann Jürgens
Seine Mutter … Rahel Ohm
Lisbeth … Caroline Junghanns
Holländermichel … Wolfgang Michalek
Tanzbodenkönig/ Onkel … Christian Schneeweiß
Glasmännlein … Berit Jentzsch
Eine Frau … Manja Kuhl
Black Forest … Miles Perkin
Waldmenschen … Frederik Bott, Jessica Cuna, Alexey Ekimov, Lucie Emons, Laura Locher, Rudy Orlovius, Susanne Schieffer und Philipp Sommer (Schauspielstudierende der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart)
Das Dorf … Lisa Bauer, Samuel Bollinger, Mirko Bombach, Agnesa Brinkmann, Hanna Brinkmann, Steffi Bulac, Moritz Dörmer, Jonathan Engele, Holger Faust, Carmen Faust-Elsässer, Anna Fischer, Jens Fischer, Nadja Grunwald, Jonathan Haarig, Iris Heinz, Artur Hermann, Anne Herrmann, Lukas Hogen, Nadine Jenter, Julia Kurz, Kerstin Maier, Bastian Niklas, Tamara Ossner, Matthias Pyka, Viktoria Rottenanger, Lisa Sauter, Jürgen Schempp, Ralf Schmid, Anne Schmieg, Markus Schuler, Hanna Seiz, Jessica Siedersberger, Manfred Stingel, Hans-Georg Zimmermann und Sebastian Zitzmann (Volkstanzgruppe Frommern Schwäbischer Albverein)
Premiere war am 22. Februar 2014
Weitere Termine: 27. 12. 2014 / 8. 1., 25. 2. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-stuttgart.de


Post an Ansgar Skoda

ansgarskoda.wordpress.com




  Anzeige


THEATER Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

ANTHOLOGIE

BAYREUTHER FESTSPIELE

CASTORFOPERN

CD / DVD

INTERVIEWS

KRITIKEN

PORTRÄTS

PROMOTION

ROSINENPICKEN
Glossen zu Theater & Musik von Andre Sokolowski

TANZ IM AUGUST

URAUFFÜHRUNGEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal



Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2016 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de