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Theaterkritik

Kunstvoll

weichgespült

über der

Wäscheleine



(C) Thalia Theater Hamburg

Bewertung:    



Keine wallenden Röcke der kaschubischen Großmutter Anna Bronski - nein - flatternde Bettlaken hat die Bühnenbildnerin Annette Kurz für die neue Roman-Adaption von Luk Perceval an langen Wäscheleinen auf die Bühne gehängt. Sie hat dem Hausregisseur des Thalia Theaters Hamburg bereits einige dieser genialen raumgreifenden Bühnenbilder für seine Inszenierungen von Shakespeares Hamlet und Macbeth oder die Theaterfassung des Dostojewskij-Romans Die Brüder Karamasow geschaffen. Auch für Percevals Fallada-Adaptionen Kleiner Mann was nun (Münchner Kammerspiele, 2009) und Jeder stirbt für sich allein (Thalia Theater Hamburg, 2012) entwarf Annette Kurz große Bühneninstallationen. Diesmal sind es also weiße Laken, die man mittels Seilzügen heben und senken kann. In der Tiefe wirken sie wie ein mehrmastiges Schiff, dessen Segel sich auch hin und wieder, von Windmaschinen angetrieben, bedrohlich blähen.

Einfach nur heiße Luft ist es dann aber nicht, was Regisseur Perceval bei seiner zweiten Beschäftigung mit einem Roman über die Zeit des Dritten Reichs in den Zuschauerraum blasen lässt. Nimmt man allerdings Percevals Inszenierung von Falladas Jeder stirbt für sich allein zum Vergleich, fällt die Inszenierung der Blechtrommel von Günter Grass doch inhaltlich etwas ab. Es handelt sich hier im besten Falle um eine szenisch ausgebaute Lesung in einer Videoinstallation mit musikalischer Begleitung. Zweimal hat es Grass' Roman einer deutsch-polnischen Familiengeschichte schon auf die Bühne geschafft. 2011 am Berliner Gorki Theater, von Jan Bosse als 3½-stündiges Typenkabarett inszeniert, und gerade im Januar als gut 2stündige Ein-Mann-Show in der Regie von Oliver Reese am Schauspiel Frankfurt. Nun hat ihn Luk Perceval gemeinsam mit seiner Dramaturgin Christina Bellingen in einer 100-Minuten-Fassung auf die Bühne des Hamburger Thalia Theaters gebracht. Wie man hört, war der in Danzig geborene Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass bei der Premiere am Samstag anwesend und auch recht angetan vom Ergebnis. Nicht ganz so der Rezensent.

Ähnlich wie in der Romanverfilmung von Volker Schlöndorff lässt Perceval einen Jungen (David Hofner) immer wieder ganze Passagen des Romans aus dem Off erzählen. Zu Beginn werden so die Figuren vorgestellt, wie sie der nach dem Krieg in einer Nervenheilanstalt lebende 1,21 m große Protagonist Oskar Matzerath, der als Dreijähriger im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte beschloss nicht mehr zu wachsen, anhand der Fotos aus dem Familienalbum und dem Gedächtnis erinnert. Sie treten aus dem Schauspielensemble zur Rampe hervor und verschwinden danach wieder zwischen den Wäschestücken. Dazu läuft Grass' Text als Videoprojektion über die weißen Laken des Bühnenbilds. Es sind zunächst einzelne Buchstaben, die Oskar als sein großes und kleines Alphabet bezeichnet, und später ganze Sätze, die mal auf dem Kopf und mal richtig herum das Geschehen auf der Bühne visuell begleiten.

Die Besetzung des berühmten Blechtrommlers am Thalia Theater ist aber die eigentliche Überraschung der Inszenierung. Perceval lässt die schmale Schauspielerin Barbara Nüsse mit verbeulter Blechtrommel wie ein traurig melancholischer Alter seinen Erinnerungen nachhängen. Nicht die erste Hosenrolle für die 72jährige am Thalia Theater. Sie brillierte bereits als Obergruppenführer Prall und Kammergerichtsrat Fromm in Jeder stirbt für sich allein und erst letztens als Hagen von Tronje in Antú Romero Nunes' großer Ring-Fassung nach Wagner und Hebbel. War es bei Jan Bosse noch ein kollektives Erinnern eines siebenköpfigen Schauspielensembles, ist Nüsses Oskar die einzige Figur der Inszenierung, die wie ein ständiger Chronist und Kommentator seinen Platz an der Rampe kaum verlassen wird. Die anderen sechs Hamburger DarstellerInnen rekonstruieren in kurzen, aufeinanderfolgenden Spielszenen und wechselnden Rollen rückwirkend Oskars Leben, das durch mehrere geschichtliche Ereignisse geprägt ist.

Dass es da eine Auswahl geben muss, versteht sich. Es ist aber nicht ein Best of Blechtrommel geworden. Regisseur Perceval orientiert sich hier an besonders emotional einschneidenden Erlebnissen der Hauptfigur. Und natürlich ist es für Oskar zunächst die Beziehung zur unglücklich verliebten Mutter und seinem mutmaßlichen Vater Jan Bronski (André Szymanski). Cathérine Seifert gelingt die Darstellung der Agnes Matzerath in einigen Szenen sehr gut. Ihre Verkörperung der Maria, die in Oskar die ersten sexuellen Regungen auslöst, gerät dagegen in betont falschem Dialekt fast zur Karikatur. So sind auch andere Auftritte, wie etwa von Gabriela Maria Schmeide als Lehrerin Fräulein Spollenhauer, die Oskar vergeblich versucht die Trommel zu entreißen, oder von Tilo Werner als Liliputaner und Zirkuskünstler Bebra nahe am Kabarett. Wieder Gabriela Maria Schmeide trägt als italienische Zirkuskünstlerin Roswitha ein Hitlerbärtchen. Andere Figuren wirken aber auch sehr einfühlsam, wie etwa der jüdische Spielwarenverkäufer Sigismund Markus (Tilo Werner) oder die Oskar vergötternde Gretchen Greff (Gabriela Maria Schmeide), deren Mann sich wegen der Anzeige bei der Sittenpolizei erhängt. Tilo Werner steht dabei mit hängendem Kopf auf einem Medizinball und wird im nächsten Moment zur Jesusfigur in der Kirche, der Oskar gleichen will.

Eher blass dagegen Alexander Simon als Vater und Reichsdeutscher Alfred Matzerath, der seine Gefühle zu Suppen macht, und hin und wieder etwas ungelenk poltert. Thomas Niehaus geistert als versoffener Melancholiker und verhinderter SA-Trompeter Meyn durch die Laken, so wie alle irgendwann im Trauermodus festzustecken scheinen. Das „Es war einmal“ klingt hier wie ein vielstimmiges Märchen aus finsteren Zeiten. Vieles, wie etwa die berühmte Aal-Szene, die Ereignisse der Reichskristallnacht oder der Kampf um die Polnische Post, wird nur erzählt, von der Off-Stimme oder von Nüsses Oskar selbst. Sie schlägt dabei oft auf den verbeulten Rand der Blechtrommel und setzt zum berühmten Glas-zersingenden Schrei an, der ihr aber immer wieder im Halse gefriert. Oskars eigene Verstrickungen in die Vergangenheit sind hier nur zu erahnen. Er hat sich der Welt der Erwachsenen entzogen, um doch immer wieder schicksalhaft in sie einzuwirken. Ihre und auch seine Schuld scheint schwer auf ihm zu Lasten.

Das eh schon sehr minimalistische Spiel auf der Bühne wird immer wieder durch Musik und gemeinsamen Gesang unterbrochen. Es erklingt deutsches Liedgut wie "An der Saale hellem Strande" und "Ist die schwarze Köchin da?", oder man singt mehrstimmig traurige Choräle. Alles in allem ist der Abend ein eher undramatisches Oratorium deutscher Vergangenheitsbewältigung. Den großen Geschichtsabriss, den Günter Grass von Danzig bis in die Nachkriegszeit der Bundesrepublik vor uns aufblätterte, verdichtet Luk Perceval zu einer rein emotionalen Frage nach dem Warum. Das erinnert stark an sein Projekt Front, einer Polyphonie über die Grauen des Ersten Weltkriegs. Die Geschichte ist aber nun mal kein Abzählreim für Kinder, die nicht erwachsen werden wollen. „Ene, mene, muh und Schuld bist du.“ Oskar Matzrath bleibt eine Kunstfigur im Spiegel der Zeit, die Luk Perceval und selbst seine herausragende Interpretin Barbara Nüsse nicht zu echtem Leben erwecken können.



Die Blechtrommel am Thalia Theater Hamburg - Foto (C) Armin Smailovic

Stefan Bock - 31. März 2015
ID 8544
DIE BLECHTROMMEL (Thalia Theater Hamburg, 29.03.2015)
Regie: Luk Perceval
Bühne: Annette Kurz
Kostüme: Ilse Vandenbussche
Musik: Lothar Müller, Martin von Allmen
Video: Philip Bußmann
Licht: Mark Van Denesse
Dramaturgie: Christina Bellingen
Darsteller:
Thomas Niehaus (Trompeter Meyn)
Barbara Nüsse (Oskar Matzerath)
Gabriela Maria Schmeide (Gretchen/Roswitha Raguna/Fräulein Spollenhauer u.a.)
Cathérine Seifert (Agnes Matzerath/Maria Truczinski)
Alexander Simon (Alfred Matzerath)
André Szymanski (Jan Bronski)
Tilo Werner (Greff/Sigismund Markus/Bebra u.a.)
Premiere war am 28. März 2015
Weitere Termine: 2., 7., 14., 22., 29. 4. / 16., 17. 5. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.thalia-theater.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



 
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