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Tanztheater

Fallsüchte



360º von Ricardo Ambrózio | Foto (C) Henrique Miranda

Bewertung:    



Der in Brasilien geborene und in Brüssel lebende und arbeitende Tänzer und Choreograf Ricardo Ambrózio stellte gestern Abend im Berliner Acker Stadt Palast zwei seiner neuesten Tanz-Soli vor.

Das eine (15 min) war mit 360º und das andere (25 min) mit A sweet Lullaby to Mr. Nameless betitelt. Zwei Geschichten von und mit zwei Einzelnen: Frau, Mann, SIE, ER.



[So wie man sich auch mühen mochte: Es waren keinerlei Informationen zur Solistin des ersten Stückes zu bekommen - weder dass es einen Besetzungszettel gegeben hatte noch dass wenigstens im Web, und insbesondere auf der HP Ambrózios, auf die Tänzerin verwiesen worden wäre; wir erfuhren also leider nicht, wer die Solistin war und können sie daher auch nicht bei ihrem Namen nennen. Sorry!]


Fallsucht wird normaler Weise mit Epilepsie gleich-/übersetzt, aber von seiner reinen Wortzusammensetzung könnte es auch lediglich bedeuten, dass es eine(n) Fallsüchtige(n) gibt, der halt dann "süchtig ist zu fallen". Also schlichtweg hinzufallen. Diese Art von Phänomen war dann in beiden Tanzstücken beobachtbar, und SIE wie ER schienen sich diesbezüglich irgendwie zu überbieten oder gegenseitig überbieten zu wollen; SIE hatte hierfür ungefähr zehn Minuten weniger als ER, was allerdings nicht unspektakulärer anzusehen war.

360º (IHR Solo) wäre "aus der Beobachtung unseres Alltags, in dem sich unser Körper in einem Ozean von Informationen, Impulsen und Interaktionen befindet" entstanden. "In einem kontinuierlichen und frenetischen Rhythmus sind wir nicht in der Lage Zeit für den Punkt Null und/oder das Leere zu finden." heißt es da auf ackerstadtpalast.de erklärend. Doch das Beste und das Überraschendste: Am Schluss steigt SIE aus ihrer Hose und aus ihrem Hemd, drapiert die Kleidungsstücke auf den Boden und legt sich rücklings darauf, um gleichsam nach und nach in immer größere und eruptivere Erregungsschübe zu "verfallen", dass es schließlich aussieht als ob SIE von einem unter ihr befindlichen Erreger koitiert würde; grandiose Täuschung!

Und in SEINEM fast schon federleichten als wie schwerelosen Solo sollte Folgendes dann stattgefunden haben: "Ein Mann begibt sich auf eine entropische innere Reise" und würde angeblich in Frage stellen, "was wichtiger ist" also "seine Geschichte, die er nicht mehr erinnert, oder die Geschichte, die er aus seinen Gefühlen erfinden wird und die nur ans Jetzt gekoppelt ist". Durchaus bedrohlich fuchtelt ER dann auch mit einem Küchenmesser hin und her, wo einerseits so eine Art von Aggression sich selber gegenüber als auch gegen uns bzw. seine Umwelt ablesbar zu seien scheinen. Und zum Schluss hin inflationiert ER SEINE individuelle Fallsucht bis zur absoluten Dunkelheit...




A sweet Lullaby to Mr. Nameless von Ricardo Ambrózio | Foto (C) Henrique Miranda

Andre Sokolowski - 22. Januar 2017
ID 9797
UNTAMED EVENING (Acker Stadt Palast, 21.01.2017)

360º

Konzept, Direktion: Ricardo Ambrózio
Perfomance: Untamed dancer

A sweet Lullaby to Mr. Nameless
Konzept, Choreografie, Performance: Ricardo Ambrózio
Musik: Rodrigo Ramalho & andere Künstler
Kostüme: Renata Lamenza

Deutschlandpremiere war am 21. Januar 2017
Weiterer Termin: 22.01.2017


Weitere Infos siehe auch: http://ackerstadtpalast.de


http://www.andre-sokolowski.de



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