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Tanztheater

iTMOi

mit der Akram Khan Company


iTMOi mit der Akram Khan Company: Die weiße Frau im Mittelpunkt - Foto (C) JLouis Fernandez

Bewertung:    



Glockengeläut, Schreck und Grusel eröffnen den Tanz, ein dramatischer Tanz um Leben und Tod. Akram Khan eröffnet das Stück wie ein böser hämischer Teufel im flatternden Priestergewand, lachend und schreiend zugleich. Seine Gegenspielerin und doch auch Verbündete ist eine 300 Jahre alte weiße Frau im bodenlangen Reifrock und weißem übergroßen Hut. Es ist mehr als ein Hut, er ist Symbol von letztendlicher Unschuld.

Eine Schallplatte knistert.

In diesem kompromisslos modernen Tanzstück geht es um das Thema des Lebens, um die Seele, den Tod, das Leben danach. Und wenn Akram Khan, Tänzer und Choreograf mit bengalischen Wurzeln, etwas von Strawinski (1882-1971) übernommen hat, dann ist es ein unstillbarer Entdeckungsdrang, das Leben selbst zu erforschen. Der Rhythmus und auch die Widersprüchlichkeit von Leben und Tod, Himmel und Hölle, von Mann und Frau, von Schwarz und Weiß ist es, was ihn interessiert. Und auch er thematisiert das Dazwischen von Konvention und Regelbruch. Die Musik folgt mathematischen Mustern und hat inhaltliche Motive und Rituale wie eine Hochzeit der Gegensätzlichkeiten, ganz wie Strawinski. Diese werden übernommen und dennoch völlig neu komponiert, es entsteht eine Soundcollage aus dramatischen Tönen und Klängen, auch zahlreichen Dissonanzen. Manchmal ist der Hintergrund rot, dann plötzlich der Fußboden. Ein riesiges, quadratisches Gestell kommt von der Decke, während auf der Erde das Runde getanzt wird.

Die Quadratur des Kreises?

Ohne Vorwarnung peitscht die Musik das Leben, die Tänzer voran, lässt sie bis zur Rage tanzen, zusammenbrechen, unbarmherzig hämmert das Leben auf sie ein. Mit seinen Tänzern taucht er ein in die Seelenabgründe des menschlichen Daseins, oft ist es ein Schock, wir alle müssen immer wieder etwas opfern. Kuss der Erde - gebannt und regungslos bleibt die Kulisse dunkel, nach einem wirbelnden Höhepunkt herrscht Stille, kommt alles urplötzlich zum Stillstand. Le sacre du printemps. Es geht um die Anbetung der Erde, und das Leben wird geopfert in Form einer auserwählten Jungfrau, die sich zu Tode tanzt. Es ist Kult, Ritual, Thema von Wahn und Gemeinschaft und unterliegt einer ständigen Transformation. Das Frühlingsopfer.

Die Uraufführung 1913 in Paris war so aufrüttelnd, Nijinsky tanzte sich in Trance, die Musik muss wie eine Kakophonie gewirkt haben. Es gab einen Tumult, das Stück war ein Skandal sondergleichen. Strawinski hatte etwas Unvorstellbares gewagt zu zeigen, dass Menschen an ihrem Wahnsinn zugrunde gehen. Die Dissonanzen waren eine neue Formsprache, das wollte niemand, es gab ein rasendes Durcheinander.

Auch hier und heute - 100 Jahre später - wird Musik übereinander geschichtet, wie auch die Tänze ineinander gehen, eine Dichte lässt das Publikum stocken.

Wir sehen Geschöpfe auf der Bühne, sie lassen sich verführen, machen sich schuldig. Das Oberste Gericht befindet: Nichts und niemand kann uns retten. Und wieder läuten die Kirchenglocken.

„Ich will nicht sterben!“ Doch jeder stirbt, und wenn, dann stirbt das Ganze, nicht nur ein Teil. Der Tod schreit. Alarm! Wir alle geraten in andere Welten, in Sphären, die wir nicht kennen und doch so fürchten. Schwarz und Weiss vereinigen sich im romantischen Liebestaumel und müssen beide von uns gehen.

Der Teufel, der Tod zieht sich aus, fordert „Give yourself up to me“! Das Böse und das Gute sind gebunden oder auch verbunden. Die Welt kämpft den unausweichlichen Todeskampf. Sphärenklang und Sturmgedonner.

Plötzlich erklingt zum ersten Mal Strawinski’s heitere Klarinettenmelodie. Jetzt sind auch wir Zuschauer wie nackt. Ein Planetenton erschallt, eine goldene Kugel schwingt von der Decke wie ein Pendel, zwingt die Tänzer in Deckung zu gehen. Was ist es, was die Welt zusammenhält? Ist das Ganze ein einzigartiges Gefüge, dem auch wir uns nur beugen können?

Wichtig, dass die Tänzer aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommen, man sieht das ihren Tänzen, Bewegungen und Zuckungen an. Auch Flamenco-Einflüsse tauchen auf. Es hat etwas von Religiosität und Spiritualität, Elemente von Menschlichkeit drücken sich aus in Tanz, Musik und Stimme, ein Gesamtkunstwerk. Ziel allein ist Bewusstsein zu erlangen.

Diese Tanzvorführung ist düster, radikal. Es ist eine Zusammenarbeit vieler Künstler [Namen s.u.]. Und viele Choreografen haben den Sacre bereits herausgebracht: Mary Wegmann (1957), Pina Bausch (1975), Sasha Waltz (2013) u.v.a. Anfangs fühlte sich Akram Khan überfordert, es war eine Auftragsarbeit, und er wollte der Aufführung von Pina Bausch nichts hinzufügen. Aber er und alle Mitwirkenden haben ein außerordentlich schönes Tanzstück mit großer Dichte geschaffen.

Tosender Applaus und dankbare Tänzer.



iTMOi mit der Akram Khan Company: Hingabe an Weltengesetze - Foto (C) JLouis Fernandez

Liane Kampeter - 14. Februar 2015
ID 8434
ITMOI (Kampnagel Hamburg, 12.02.2015)
Regie, Choreogrfie: Akram Khan
TänzerInnen: Kristina Alleyne, Sadé Alleyne, Ching-Ying Chien, Denis »Kooné« Kuhnert, Hannes Langolf, Yen-Ching Lin, TJ Lowe, Christine Joy Ritter, Catherine Schaub Abkarian, Nicola Monaco und Cheng-An Wu
Musik: Nitin Sawhney, Jocelyn Pook und Ben Frost
Kostüme: Kimie Nakano
Licht: Fabiana Piccioli
Bühne: Matt Deely
Dramaturgie: Ruth Little
Weitere Termine: 14. + 15. 2. 2015
Gastspiel der AKRAM KHAN COMPANY / LONDON


Weitere Infos siehe auch: http://www.kampnagel.de


Post an Liane Kampeter

http://www.liane-kampeter.de



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