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Gastspiel

Sinn im Sinnlichen

Martha Graham Dance Company


Abdiel Jacobsen und Xin Ying in Sidi Larbi Cherkaoui’s Mosaic | Foto © Brigid Pierce

Bewertung:    



Das Ensemble tanzt barfuß. Der Klang der Füße erzeugt in einem Wechselspiel mit der Musik eigene Rhythmen. Ausdrucksvolle Bewegungen deuten eine Kraft der Emotion an. Choreografien bebildern Reisen des Lebens oder ritualisierende Arbeitsweisen des Körpers. Tänzerisch ausdrucksstark und fokussiert eröffnen sich zunächst abstrakt bleibende soziale, politische, psychologische oder sexuelle Kontexte.

An der Oper Bonn begeisterte die Martha Graham Dance Company aus New York, eines der führenden Ensembles für zeitgenössischen Tanz in Amerika. Bei ihrem Tanzgastspiel zeigte die Compagnie vier unterschiedlich lange Darbietungen. Sie ging aus der 1926 von Martha Graham gegründeten School of Contemporary Dance hervor. Die 1894 in Pennsylvania geborene Pionierin des Modern Dance war eine der prägendsten Tänzerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie revolutionierte das Verständnis von Tanz. Zuvor waren Tanzaufführungen durchweg dem Genre des Balletts verpflichtet. Graham erweiterte dies grundlegend, indem sie andere Bewegungsmuster und ein damals noch relativ neues Körper- und Bewegungsverständnis entwickelte. Ihr Bewegungsvokabular betont, dass das Zentrum der Bewegung vom Bauch her kommt. Ausgangspunkt ist das Atmen, die einhergehende Anspannung und Entspannung. Der Atem wird gepresst und dann wieder entlassen. Die Selbsterforschung des Körpergefühls beeinflusste sichtlich Grahams Choreographien.

Archaisch muten die agilen Bewegungsmuster und Paarungen an, welche die Tänzerinnen und Tänzer in der 18minütigen Vorführung von Grahams Choreographie Dark Meadow Suite (1946) nur leicht und körperbetont bekleidet vorführen. Sie treten zu Klängen von Carlos Chavez tänzerisch in eine dynamisch-facettenreiche Verbindung mit dem eigenen Selbst und mit der Gemeinschaft in beeindruckend synchronen Formationen.

In Ekstasis (1933) tanzt die Taiwanesin PeiJu Chien-Pott, Haupttänzerin der Compagnie, zur kontemplativen Musik von Lehman Engel ein vitales sechsminütiges Solo. Sie verdreht, verkrümmt und balanciert ihren ganzen Körper wiederholt neu aus und präsentiert so eine beeindruckende Beweglichkeit.

Das erfrischende Stück Mosaic (2017) ist die dritte Performance des Abends und die einzige Arbeit eines anderen Choreographen. Sidi Larbi Cherkaoui, ein 41jähriger Tänzer und Choreograph flämisch-marokkanischer Abstammung, widmet sich in dem etwa 20minütigen Stück zur Musik verschiedener Interpreten temporeich den Energien und Facetten des Nahen Ostens. Das Ensemble verharrt zunächst als Gruppe wie eine organische Kreatur posierend, bevor das Gebilde aus Tänzern zu beben beginnt. Eine der Tänzerinnen wird nun plötzlich spannungsvoll aus der Gruppe katapultiert. Diese Tänzerin eröffnet alsbald eine Bewegungsabfolge, in deren Verlauf sich mehr und mehr der anderen Tänzer elegant mit einschwingen. So eröffnet sich ein Reigen heftiger und anmutiger Figuren, bevor sich das Gebilde an Tänzern wieder neu zusammenfügt, effektvoll verharrt und dass bebende Prozedere auf ein Neues beginnt.

Grahams Chronicle (1936) ist nach der Pause die letzte und mit 28 Minuten auch längste Choreographie des Abends. Zu Musik von Wallingford Riegger werden in der ausnahmslos mit Frauen besetzten Choreografie Machtdynamiken bebildert. Kaum unterscheidbare Frauen mit streng nach hinten geflochtenen Haaren und unscheinbarem Einheitsdress marschieren synchron wie unter militärischem Drill auf. Sie lassen sich von der einzigen individuell gezeichneten Tänzerin devot zu diversen Figuren anleiten und verkörpern dabei selbst oft bloß mechanisch-leblose Abstufungen der vorgegebenen Formen. Mit Chronicle thematisiert Graham die Bedrohung des Faschismus zur damaligen Zeit. 1936 hatte sie ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen in Deutschland verweigert, weil sie sich mit dem NS-Regime nicht identifizieren wollte.

Für Ekstasis, Chronicle und Dark Meadow Suite kreierte Graham auch selbst die prägnanten und figurenbetonten Kostüme. Auch die Musik wurde oft eigens für Grahams Tanzperformances komponiert. So schaffen Grahams Choreographien stets einen stimmigen und in sich geschlossenen Eindruck. In ihren werkgetreuen Aufführungen wirken sie beinahe historisch – ähnlich wie die Bilder oder die Musik der klassischen Moderne, die hinaus aus der alten Formensprache ins 20. Jahrhundert führen. Cherkaouis wesentlich jüngeres Mosaic verhält sich hierzu ein bisschen wie ein aufmunternd spritziger Kontrapunkt.



Martha Graham’s Dark Meadow Suite | Foto © Brigid Pierce

Ansgar Skoda - 19. Februar 2018
ID 10532
DARK MEADOW SUITE/ EKSTASIS/ MOSAIC/ CHRONICLE
Gründerin: Martha Graham
Geschäftsführende Leitung: LaRue Allen
Künstlerische Leitung: Janet Eilber
Assistenz Künstlerische Leitung: Denise Vale
Production Supervisor: Haejin Han
Licht: Yi-Chung Chen
Kostüme: Jennifer O’Donnell
Assistenz Production Supervisor: Bum Ki Kim
Company Manager: Simona Ferrara
Tänzerinnen und Tänzer: PeiJu Chien-Pott, Abdiel Jacobsen, Lloyd Knight, Ben Schultz, Xin Ying, Natasha M. Diamond-Walker, Charlotte Landreau, Lloyd Mayor, Ari Mayzick, Lorenzo Pagano, Anne Souder, So Young An, Laurel Dalley Smith, Anne O’Donnell, Leslie Andrea Williams, Alyssa Cebulski, Marzia Memoli und Cara McManus
Gastspiel der Martha Graham Dance Company im Theater Bonn am 16. Februar 2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.marthagraham.org/


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Performance | Tanz



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