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Ballett | Tanz

Tanzgala

15/16

des Theaters Osnabrück


A sweet spell of Oblivion mit Courtney Richardson und Julian Lacey | Foto (C) Gene Schiavone

Bewertung:    



Das Theater Osnabrück hatte zur diesjährigen TANZGALA geladen und wartete mit einem gelungen zusammengestellten Potpourri tänzerischer Darbietungen auf. Anlässlich des Endes der Spielzeit fand diese außergewöhnliche Veranstaltung nun das vierte Jahr in Folge statt. Neben der hauseigenen Dance Company waren nationale und internationale Größen des Genre Tanz zu Gast, deren Einladung durch die finanzielle Unterstützung der „Osnabrücker Tanzpaten“ ermöglicht wurde.

Die Leiter der Osnabrücker Dance Company, der Choreograph Mauro de Candia und die Tanzdramaturgin Patricia Stöckmann, führten charmant und mit viel Esprit als Moderatoren durch den Abend. Die dargebotenen Tanzvariationen der Gala reichten von klassischem Ballett bis hin zu modernen Choreographien.

*

Eingeleitet wurde der Abend von der Dance Company Osnabrück, die den Part Sweet Shadows aus dem anspruchsvollen Tanzprojekt „Tri-Angle“ zum Besten gaben. Der Gedanke hinter „Tri-Angle“ ist die Begegnung markanter Inszenierungen dreier Choreographen, die ein Zusammenspiel und gleichzeitig eine Auseinandersetzung moderner, aber dennoch völlig verschiedener Tanzstile erlaubt. In Sweet Shadows herrschen fließende Bewegungen vor, immer wieder sind schüchterne Annäherungsversuche zwischen den einzelnen Tänzern, aber auch der Versuch einer Darstellung der jeweiligen Individualität erkennbar. Ergänzt wurde die überragende Eleganz dieser Darbietung zu einem späteren Zeitpunkt von einem zweiten Part des tänzerischen Dreiecks: David Lukas Hemm und Lennart Huysentruyt zeigten mit Prélude ebenfalls gekonnt einen Ausschnitt dieser künstlerischen Begegnung, der diese Spielzeit Premiere feierte. Abermals handelte es sich um einen hervorragenden Eindruck der choreographischen Handschrift Mauro de Candias, die dem Osnabrücker Publikum bereits aus vergangenen Inszenierungen bekannt sein dürfte.



Mönche und Nonne. Für mich... von Martin Schläpfer | Foto (C) Jörg Landsberg


Eigens für diesen Abend wurde vom Choreographen Martin Schläpfer eine Uraufführung versprochen, die dann unter dem Titel Mönche und Nonne. Für mich... von den Tänzern Marlúcia do Amaral, Marcos Menha und Alexandre Simões vom Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg vorgestellt wurde und beim Publikum für Begeisterung sorgte. Zu Musik von Bach und Asaf Avidan entfachten die drei Tänzer einen leidenschaftlichen Kampf um die Tanzkunst, der mit Präzision und Können ausgefochten wurde.

Auch die Inszenierungen Andante, getanzt auf Spitze von Yulanne de Groot und Pascal Schut von Introdans, stellte eine Besonderheit des Repertoires für diesen Abend dar. Der mittlerweile 84jährige Hans van Manen, laut Patricia Stöckemann einer der Größten seines Faches, zeichnete sich für diese Tanzdramaturgie verantwortlich. Als Ergebnis dieser Arbeit brachte er einen wunderbar anzusehenden Tanz auf die Bühne, der vor Erotik nur so sprühte: Obwohl die beiden Tänzer auf der Bühne immer wieder zueinander fanden, bestand doch gleichzeitig auch eine gewisse Distanz, die geradezu eine Zerreißprobe für die Liebenden aufwies.

Dass ein Zusammenfinden der Liebenden nicht immer positiv ausgehen muss, bewies das romantische Ballett Giselle von Theophile Gautier, welches gleich zweimal mit einem Pas de Deux zu sehen war. Amyra Badro und Francisco Patricio von der Ballettschule Basel legten einen mustergültigen Auftritt hin, dem das Duett von Ilena Montagnoli und Mikhail Kaniskin vom Staatsballett Berlin in nichts nachstand.

Sweet Spell of Oblivion [s. Foto o. re.], der süße Zauber des Vergessens, dürfte demnach gelegentlich als Absage an menschliche Empfindungen und des Funktionierens mehr als willkommen sein. Diese Inszenierung entführte die Zuschauer in ein perfektes Zusammenspiel aus Musik und Tanz, virtuos ausgeführt von Courtney Richardson und Julian Lacey vom renommierten Semperoper Ballett. Ganz eindeutig war hier, dass der gute Ruf des Balletts angesichts dieser Kunstfertigkeit völlig zu Recht besteht.

Der Solo-Auftritt von Ty Boomshire, der beinahe völlig ohne musikalische Untermalung auskommen musste, strapazierte hingegen merklich die Rezeptionsgewohnheit und ließ die Antwort auf die Frage nach dem Sinn der abstrakten Performance gänzlich offen. Vermutlich lag der Grund hierfür darin, dass es sich um einen losgelösten Teil des Stücks 7 Dialogues handelt, welches im Rahmen eines bisher einmaligen Tanzprojektes namens „Dance On“ einstudiert wurde. „Dance On“ hat es sich zur Aufgabe gemacht hat, Tänzern über die übliche berufliche Leistungsspanne bis zu einem Alter von ca. 40 Jahren, eine Plattform als eigenes Ensemble zu geben. So ambitioniert dieser gesellschaftspolitische Impuls auch sein mag, verlor das Solo an diesem Abend aber dennoch aufgrund des fehlenden Kontextes.

Eine ordentliche Portion Humor durfte auch nicht fehlen und rundete an mehreren Stellen die Gala inhaltlich ab. Der Tänzer Raffaele Morra von „Les Ballets Trockadero de Monte Carlo“, welches für seine Travestienummern bekannt ist, bot zwei großartige Auftritte dar, die viel Ähnlichkeit mit Slapstick aufwiesen. Als Primaballerina mit stark behaarter Brust tanzte er den „sterbenden Schwan“ und einen „Russian Dance“ und sorgte für kurzweilige Unterhaltung und viel Gelächter beim Publikum. Auch beim abschließenden Applaus für alle Tänzer dieser Gala stach die Ballerina mehrmals heraus, da sie sich etwas voreilig alleine verbeugte. Auch wenn es sicherlich nicht so geplant war, stellte dies kein Problem dar: Den einzelnen Applaus hatte sich der Ausnahmekünstler, der nicht nur bildlich gesprochen aus der Reihe tanzte, mehr als verdient.

Ein weiteres Highlight des Abends zeigten Debora Di Giovanni, Andrei Morariu und Francesco Nigro vom Ballett Dortmund. In The Sofa geht es um den Liebesreigen zwischen Mann und Frau – und dem doch recht ähnlichen zwischen Mann und Mann. Ein komödiantisch und dabei auch recht athletisch gestalteter Machtkampf zwischen den potenziell Liebenden, ein anfängliches Sträuben und Aufbegehren, das schließlich in der völligen Hingabe gipfelt, wurde einer Varieté-Nummer ähnlich rasant gestaltet und begeisterte aufs Äußerste durch eine großartige Darstellung, bei der das Sofa als „Tatort“ den Mittelpunkt des Spektakels bildete.



The Sofa mit Debora di Giovanni und Andrei Morariu | Foto (C) Bettina Stöß


Auch die letzte Nummer der Gala, The Meninos, sorgte gelungen für Schmunzeln und viel Gelächter. Das gesamte Ensemble von Introdans , hatte in künstlerischer Zusammenarbeit mit Mauro de Candia eine Parodie auf Carmen erarbeitet. Jeweils fünf männliche du weibliche Toreros kämpfen um ihren Platz in der Gesellschaft und es stellt sich die Frage nach der einzig wahren Carmen. Dass dieses Stück die Gala beschloss, war kein Zufall. Die Zusammenarbeit mit Introdans erinnerte bewusst an Candias erste Engagements als Choreograph in eben diesem Ensemble. Ein in jeder Hinsicht gelungener Abschluss eines noch gelungeneren Abends, der wohl noch lange nachklingen wird.

Sina-Christin Wilk - 12. Juni 2016
ID 9380
Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-osnabrueck.de/spielplan/spielplandetail.html?stid=82


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