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100. Geburtstag von Georg Tabori

20. Mai 2014 - Gastspiel des Théâtre National du Luxembourg

DIE DEMONSTRATION

von Georg Tabori


Gedenktafel für Georg Tabori (1914-2007) am Haus Schiffbauerdamm 6/7 in Berlin | Bildquelle: Wikipedia

Anlässlich des 100. Geburtstags des großen jüdisch-europäischen Theatermanns George Tabori am 24. Mai 2014 veranstaltet das Berliner Ensemble bereits seit dem 18. Mai eine ganze Woche unter dem Motto „100 Jahre George“. Auf dem Programm stehen dabei Filme seiner früheren Inszenierungen, Lesungen und natürlich Aufführungen von Taboris Stücken und Regiearbeiten aus dem Repertoire des Berliner Ensembles, an dem er von 1999 bis zu seinem Tod 2007 arbeitete. Die Festivitäten kulminieren am 24. Mai in einem großen Fest für George.


George Tabori wurde 1914 als Sohn des jüdischen Journalisten und Schriftstellers Cornelius Tábori in Budapest geboren. 1932 begann er in Berlin zunächst eine Hotelfachlehre, musste dann aber 1933 wieder nach Budapest fliehen. Durch seine Emigration 1935 nach England entging George Tabori dem Holocaust. Sein Vater wurde 1944 in Auschwitz umgebracht. Den Tod des Vaters und die glückliche Errettung der Mutter verarbeitete Tabori später in seinen Theaterstücken Die Kannibalen und Mutters Courage. Ab 1947 arbeitete Tabori u.a. für Alfred Hitchcock als Drehbuchautor in Hollywood. In den USA traf er auch Bertolt Brecht und fing daraufhin selbst an Theaterstücke zu schreiben, die auch Ende der 1960er Jahre in New York uraufgeführt wurden. 1971 kehrte Georg Tabori wieder nach Deutschland zurück. Von Claus Peymann 1983 ans Schauspielhaus Bochum eingeladen, folgte er dem Regisseur und Theaterintendanten auf seinen Stationen über das Burgtheater Wien bis ans Berliner Ensemble.


Von den 11 Theaterstücken, die Tabori in seiner Zeit am Berliner Ensemble inszenierte, zeigt das BE nun Becketts Warten auf Godot (Premiere 2006) und Taboris eigenes Stück Die Juden (Premiere 2003). Mit Mein Kampf (Premiere 2009) in der Regie von Hermann Beil und Die Kannibalen, von Manfred Karge gerade erst im März frisch in Szene gesetzt, sind weitere Inszenierungen von Tabori-Stücken zu sehen. Höhepunkt ist aber zweifellos ein Gastspiel des Théâtre National du Luxembourg mit Taboris 1967 in New York uraufgeführtem Stück Die Demonstration. Damals noch unter dem provokanten Titel The Niggerlovers und mit Stacy Keach sowie dem jungen Morgan Freeman durchaus prominent besetzt. Erst 2011 kam es dann unter dem Regisseur und Intendanten der Ruhrfestspiele Recklinghausen Frank Hoffmann zu seiner deutschen Erstaufführung. In einer Wiederaufnahme war und ist Die Demonstration jetzt am 20. und 21. Mai am BE zu sehen:

Der Plot ist schnell erzählt. Monsieur X, ein 92jähriger französischer Jude, sitzt mit seiner Frau Madam Y in seiner schicken New Yorker Wohnung und hadert seit Jahren damit, einziger Überlebender seiner im Holocaust umgekommen Familie zu sein. Dieses Recht will sich der immer noch kampfeslustige Alte nun mit einem nachträglichen Martyrium verdienen. Monsieur X plant eine Reise in den Süden der USA, um an Ort und Stelle - sozusagen direkt da, wo es wirklich weh tut - für die Rechte der Schwarzen zu demonstrieren. Aus Angst um die Gesundheit ihres bereits etwas betagten Gatten (der bekannte deutsche Schauspieler Martin Brambach gibt ihn slapstickhaft als Tattergreis mit wirrer Grauhaarperücke und Krückstock) hat Frau Y (Christiane Rausch) zwei kampferprobte, schwarze New Yorker Bürgerrechtsstreiter geladen, um ihrem Mann eine möglichst echte und abschreckende Demonstration der zu erwartenden Konsequenzen zu geben.

Das wohlmeinende, gutsituierte X-Y-Wohlstandspärchen hätte das wohl lieber unterlassen. Hier liegt der Witz allein schon im Wortspiel Demonstration. Freckles und Creampuff (dargestellt von den nigerianischen Schauspielern Michael Ojake und Jubril Sulaimon), zwei ausgebuffte Einpeitscher auf so mancher Protestdemo, gehen nun ihrerseits recht respektlos zu Werke und auch etwas unsanft mit dem Alten und seiner Wohnung um. Anhand eines krakelig geschriebenen Spickzettels mit guten Ratschlägen eines Bekannten von Monsieur X handeln nun die Beteiligen alle möglichen Szenarios von rassistischen Beschimpfungen über direkte Polizeigewalt bis zum geifernden Lynch-Mob ab. Dabei fällt es Monsieur X offenbar nicht sonderlich schwer von der Opferrolle des blutenden „Negers“ in die des pöbelnden Rassisten und wieder zurück zu switchen. "We Shall Overcome, Black and White werden ändern die Welt", singt er zynisch.

Und so entwickelt sich ein alle political correctness missachtender, typischer Taboristoff zwischen Tragikomödie und Farce, bei dem einiges an Kunstblut und jede Menge Lachtränen vergossen werden. Täter und Opfer wechseln beständig ihre Rollen, bis Monsieur X keine Lust mehr hat und aus dem Spiel, das für die beiden Schwarzen in den 1960er Jahren der USA jeder Zeit ernste Bedrohung ist, aussteigen will. Doch das ist hier nicht mehr so einfach möglich. Das „Flirten mit der Gewalt“ gerät etwas außer Kontrolle. In kleinen ruhigen Momenten gedenkt das alte Paar der gemeinsam erlittenen Schmerzen ihrer früheren Gefangenschaft im Gestapoknast in Rouen. Sichtlich derangiert ist der greise Held dann aber dankbar für die aufschlussreiche Präsentation und nun erst recht bereit für seine Reise gen Süden. Schmerz oder Scherz, man kann sich hier nie wirklich sicher sein. Ein hinterfotziger Spaß zwischen oberflächlichen, verlogenen Klischees und tiefer Wahrheit. Und wie schon der kluge, listige Theatermagier George Tabori selbst sagte: „Alles ist verlogen, außer Theater. Auf der Bühne ist jede Lüge wahr.“




Die Demonstration von Georg Tabori - Foto (C) Bohumil Kostohryz



Bewertung:    



Stefan Bock - 21. Mai 2014
ID 7852
DIE DEMONSTRATION (Probebühne im Berliner Ensemble, 20.05.2014)
Regie: Frank Hoffmann
Bühne und Kostüme: Jean Flammang
Musik: René Nuss
Dramaturgie: Andreas Wagner
Mit: Christiane Rausch; Martin Brambach, Michael Ojake und Jubril Sulaimon
Premiere der europäische EA in Luxembourg war am 7. Dezember 2010
Weiterer Berliner Termin: 21.05.2014
Gastspiel des Théâtre National du Luxembourg in Koproduktion mit Ruhrfestspiele Recklinghausen


Weitere Infos siehe auch: http://www.tnl.lu/de/2014/05/19/die-demonstration-in-berlin


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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