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DDR-Dramatik

Toten-

beschwörung



(C) Esra Rotthoff

Bewertung:    



„Mit der Wiederkehr der Farbe droht die / Auferstehung / … Der Tod ist ein Irrtum.“ heißt es in einem Gedicht von Heiner Müller. Für den ehemaligen Schlosser Gleb Tschumalow, der 1921 nach drei Jahren aus dem Bürgerkrieg gegen die Weißen heimkehrt, ist das Sterben eine imperialistische Verschwörung. In Sebastian Baumgartens Inszenierung von Heiner Müllers selten gespieltem Revolutionsdrama Zement (was allerdings erst im Mai beim Theatertreffen in der Regie von Dimiter Gotscheff zu sehen war) trägt der totgeglaubte Held der roten Revolution (eindrucksvoll gespielt von Peter Jordan) die Farbe seines Geschäfts auf der nackten Haut. „Das tägliche Brot der Revolution ist der Tod ihrer Feinde.“ Der unerwartet aus dem Krieg Auferstandene trifft in Müllers 1972 entstandenen Überschreibung des gleichnamigen Romans von Fjodor Gladkow statt auf einen im Aufbau befindlichen Sozialismus wieder auf den Tod in Gestalt von Hunger, Krankheit und Terror. Die Privilegien der Krieger sind abgeschafft. „Der Tod ist für alle“, schlägt es dem Revolutionär entgegen.

Müllers Stücke sind, wo sie sich mit der Geschichte von Revolutionen befassen, im besten Sinne Totenbeschwörungen, mit dem Hintergrund, durch die Befragung des Vergangenen, Zukünftiges gestalten zu können. „Zukunft entsteht allein aus dem Dialog mit den Toten.“ Dieses ständige Ausgraben der Toten geschieht für Heiner Müller also aus „Liebe zur Zukunft“. Und so kriechen am Maxim Gorki Theater die Darsteller auch wie Geister aus einer längst vergessenen Zeit, als ewige Untote der Geschichte aus der Unterbühne. Eine Grube notdürftig mit Brettern abgedeckt, auf denen sie zunächst hilflos schwanken, so als könnten sie jederzeit auch wieder in ihr verschwinden. Gegenstück als Auf- und Abgangsort ist am zunächst weißen Bühnenhorizont ein großer gelber Stern. Ein Blick in die Zukunft? Bei Sebastian Baumgarten weiß man das nie so genau. Der Hintergrund wird mehrfach neu übertüncht, mal weiß, mal rot, Parolen werden per Video darauf eingeblendet. Maschine, Macht, Staat, Volk, Angst - die selbst neu angepinselten Renovierer malen die Zukunft als großes Kreuzworträtsel an die Wand.

Wieder zum Leben erwecken möchte Tschumalow das alte Zementwerk, an dem der Rost nagt und in dessen Halle Ziegen weiden. Es regiert der Bauch und die einzigen Köpfe, wie der des Ingenieurs Kleist (Falilou Seck) sind voll Hass auf das Neue. Er möchte nicht befreit werden. Baumgarten lässt hier den Text vom Prometheus-Befreier Odysseus chorisch einsprechen. Ein antikes Gleichnis Müllers auf die Langwierigkeit von gesellschaftlichen Veränderungen, mit Rückschlägen, der Symbiose von Peiniger und Opfer sowie dessen Furcht vor der Freiheit. Tschumalow, seine eigenen Ressentiments gegen das Bürgertum beiseite schiebend, setzt sich ganz pragmatisch durch und enteignet den Kopf des Ingenieurs für die Revolution. Den Kampf gegen die Widerstände auch in sich selbst spiegelt der zweite Antikentext Herakles 2 und die Hydra, den Peter Jordan allein als große monologische Kraftanstrengung performt.

Aber auch daheim findet Tschumalow einiges verändert. Seine Frau Dascha (Sesede Terziyan) hat sich gegen ihn verhärtet und ist zur treuen Parteisoldatin geworden. Ihre Tochter Njurka verhungert im Kinderheim. Dascha möchte sich windend ihren Unterleib ausreißen. Weibliche Emanzipation wird mit dem Verlust von Privatheit und Individualität erkauft. Die Revolution und der Staat sind zur seelenlosen Maschine geworden. Die Bürokratie beherrscht alles. Im Steppschritt zum Schreibmaschinensound tanzt der Bezirkssekretär Badjin (Thomas Wodianka) seine Dekrete. Dazu wird im Takt gestrichen und sich wie Roboter bewegt. „Ich will eine Maschine sein. Arme zu greifen Beine zu gehn kein Schmerz kein Gedanke." Baumgarten fügt hier Zeilen aus Müllers Hamletmaschine ein. Das ewige Einerlei der Versammlungen als Arme schwenkendes Kasperletheater auf Stühlen. Die Parolen werden bevorzugt ins Megafon gebrüllt, wie auch insgesamt ein eher aufgeregt lauter Ton vorherrscht, den das Ensemble aber in ein erstaunlich energiegeladen körperbetontes Spiel umsetzt.

Dazu gibt es wie immer bei Baumgarten jede Menge Popart-Symbole, Spruchbänder und Videos mit animiertem Revolutionskitsch. Große Hämmer, Sicheln - ein ewiges Schwimmen im Zeichenmeer. Der Apparat schützt sich hier mit riesigen Papp-MPis. Bourgeois, Abweichler und Übereifrige werden abgeurteilt oder aus der Partei entfernt. Auch das zweite idealistische Revolutionspärchen Polja Mechowa (Cynthia Micas) und Sergej Iwagin (Dimitrij Schaad, der unglaublich sicher für den erkrankten Aleksandar Radenkovic eingesprungen ist) arbeitet hart an sich und der bürgerlichen Vergangenheit. Was weg kann, wird mit großer Schaufel in die Grube entsorgt. Der ehemalige Kämpfer Tschumalow ist für eine Zigarettenpause. „Die Revolution erstickt im Fett“ konstatiert Polja. Der Euphorie weicht die Ernüchterung nach der Parteisäuberung. Mit der Taschenlampe geht man dann wieder auf die Suche. Den Enthusiasmus auf dem Transparent konterkariert Müllers Engel der Verzweiflung an der Bühnenrückwand. „Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.“ Bei allem ausgestellten Revolutionspessimismus verzichtet der Regisseur aber nicht auf den versöhnenden Schluss mit der Befreiung der Toten und Eingliederung der rückkehrenden Gegner.

Diese Befragung der Vergangenheit mittels recht heutigem, frechem Text-und Bildsampling funktioniert im Vergleich zu Gotscheffs ästhetisch würdevollem Weihespiel wider Erwarten erstaunlich gut. Die Ambivalenz seiner Inszenierung zeigt der Regisseur auch im Autor selbst. Schon zu Beginn lässt Baumgarten Thomas Wodianka einen Text Heiner Müllers zur Deutschen Form der Revolution sprechen, in dem sich Müller zwar mit dem ideologischen Gegenentwurf zur Nazi-Diktatur, nicht aber mit dem daraus resultierenden Staat der DDR, der Bürokratie und dem Stalinterror identifiziert. Das „Geisterschiff der Revolution“ beschwörend, hebt Wodianka dann wieder den Finger und schließt mit der Feststellung, dass die Geschichte der Bundesrepublik noch nicht fertig geschrieben ist. Für Baumgartens lustige Anstreicher ist auf die Frage nach der Weltrevolution, Deutschland allerdings zurzeit fest in Pfarrershänden.
Stefan Bock - 28. Januar 2015
ID 8397
ZEMENT (Maxim Gorki Theater, 26.01.2015)
Regie: Sebastian Baumgarten
Bühne: Hartmut Meyer
Kostüme und Video: Jana Findeklee und Joki Tewes
Musik: Andrew Pekler
Licht: Jens Krüger
Dramaturgie: Ludwig Haugk.
Besetzung:
Peter Jordan (Gleb Tschumalow), Sesede Terziyan (Dascha Tschumalowa), Thomas Wodianka (Badjin), Aleksandar Radenković/Dimitrij Schaad (Sergej Iwagin), Cynthia Micas (Polja Mechowa), Falilou Seck (Kleist/Tschibis/Arbeiter), Aram Tafreshian (Maschinist/Borschtschi/Dmitri Iwagin/Einarm) und Mateja Meded (Motja/Makar)
Uraufführung am Berliner Ensemble war im Oktober 1973
Premiere (am Gorki): 16. Januar 2015
Weitere Termine: 15. 2. / 1. 3. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de


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blog.theater-nachtgedanken.de

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