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Gastspiel

Wolfram Koch spielt aus dem Buch Die Bande von Einar Schleef



Bildquelle: Ruhrfestspiele Recklinghausen

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Laut der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek hat es in Deutschland nach dem Krieg nur zwei Genies gegeben: „im Westen Fassbinder, im Osten Schleef“. Während dem Film- und Theaterregisseur Rainer Werner Fassbinder zum 70. Geburtstag gerade wieder eine Ausstellung in Berlin gewidmet wurde und zum 87. Geburtstag des anderen ostdeutschen Theatergenies Heiner Müller überall in der Stadt gelesen wird, ist es um den am 17. Januar 1944 in Sangerhausen/Thür. geborenen Autor, Regisseur und bildenden Künstler Einar Schleef etwas stiller geworden.

Nach seinem Tod im Jahr 2001 hatte es nur den von Edith Clever recht pathetischen am Berliner Ensemble eingerichteten Soloabend Gertud (nach Schleefs Roman über seine Mutter) oder die Aufführung der Nietzsche-Trilogie in der Regie von Thomas Bischoff an der Volksbühne gegeben. Eingehender beschäftigte sich der Theaterregisseur Armin Petras in einigen Inszenierungen in Dessau, Leipzig, Frankfurt/M und Berlin mit den Werken Schleefs. Letztes kleines Highlight in Berlin war zum 40. Jahrestag des Mauerbaus das Erscheinen des Bildbandes Ich habe kein Deutschland gefunden mit Fotos und Texten des zwischen den beiden deutschen Staaten gespaltenen Künstlers.

*

Zeit also, um mal wieder an den Schriftsteller Einar Schleef zu erinnert, dachte sich der bekannte Film- und Theaterschauspieler Wolfram Koch, und entwickelte gemeinsam mit dem jungen Regisseur Jakob Fedler (einst Assistent von Dimiter Gotscheff) einen Solo-Abend mit 4 Erzählungen Einar Schleefs aus dem 1982 erschienenen Buch Die Bande. Zehn Geschichten von deutscher Gegenwart. Dazu verknüpfte Koch die Erzählungen mit Briefen von Schleefs Mutter an ihren seit 1977 in West-Berlin lebenden Sohn. Die Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen mit dem Schauspielhaus Bochum hatte bereits im Juni 2015 im Theaterzelt Recklinghausen Premiere.

Wie man liest, fand der tief im Westen noch unter dem Namen Tod eines Lehrers gestartete Schleef-Abend zumindest in Bochum keinen recht großen Publikumsanklang. Laut den Ruhrfestspielen interpretiert Wolfram Koch „einen Monolog aus literarischen Fragmenten des genialen Einar Schleef, dessen Geschichten einfühlsam und lakonisch die Welt seiner Mutter, die Einsamkeit und Glücklosigkeit der kleinen Leute umkreisen“. Für diese Art erzählerischer Miniaturen aus dem Leben in der ostdeutschen Provinz ist Schleef bei seinen Fans bekannt und beliebt. Und nun, am Abend des Heiner-Müller-Geburtstages im wieder bestuhlten Saal der Berliner Volksbühne, sind sie auch zahlreich zum Berliner Gastspiel erschienen. Zumindest waren etliche Schauspielerkollegen Wolfram Kochs im Publikum, um den hier bereits in Stücken von Dimiter Gotscheff zu sehenden oder mit Bühnenpartner Samuel Finzi am DT auftretenden Koch als Schleef-Interpreten zu erleben.

Ich bins deine Mutter nennt sich nun das Stück. Und mit diesem Satz beginnt Wolfram Koch auch hocherhobenen Arms im braunen Kittelkleid auf goldfarbenem Denkmalsockel stehend (Bühne und Kostüme: Dorien Thomsen) seinen denkwürdigen Solo-Abend an der Volksbühne. Koch mimt hier einerseits das Kyffhäuserdenkmal aus der Erzählung Das Denkmal, zu dem seine Mutter Gertrud und ihre Freundin Elli einen Ausflug machen, und dann wieder Schleefs Mutter selbst, die extra von Sangerhausen nach Berlin fährt, um in einer Telefonzelle mit ihrem Sohn im Westen zu telefonieren. Das ist hochkomisch und tragisch zugleich, wenn Koch mit verzerrtem Gesicht als Elli von dem wegen verdorbener HO-Schlagsahne beeinträchtigtem Erlebnis der beiden alten Freundinnen erzählt, das im Bus nach Hause seinen durchschlagenden Höhepunkt findet, und dann wieder als Gertrud pantomimisch nach Münzen angelt, während sie in der Telefonzelle ihrem Sohn ihr Leid klagt.

Verstärkt wird das immer wieder durch die Passagen aus den Briefen der Mutter, in denen die früh Verwitwete ihre Einsamkeit schildert und sich darüber beschwert, dass der Sohn sich so selten meldet. In zwei dicken Bänden ist dieser eindrucksvolle Briefwechsel erschienen. Die Erzählung Tod des Lehrers greift das Thema des Verlassenseins immer wieder auf. Hier geht es neben einem Friedhofsbesuch der Mutter auch um den ehemaligen Zeichenlehrer Schleefs, Herrn Richter, der immer wieder die Mutter nach dem Schüler ausfragt und irgendwann Selbstmord begeht. In schnellen komischen Wechseln auf dem Sockel sitzend stellt Wolfram Koch einen bedrückend peinlichen Besuch Schleefs beim Lehrer und seiner Frau dar. Koch zieht hier aber alle Register seines großartigen komödiantischen Könnens.

Auch die beiden Erzählungen Das Haus und Wittenbergplatz changieren geschickt zwischen Komödie und Tragödie. Das Besondere an der Inszenierung ist, dass alle vier Erzählungen ständig wechselnd ineinander verwoben werden. Fast ansatzlos springt der Schauspieler zwischen den Figuren hin und her. Mal ist er der heroische Maurer auf dem Sockel, der stolz von seinem Hausbau erzählt und nachdem sich Frau und Sohn von ihm entfremdet haben, das Haus zweimal anzündet und schließlich Selbstmord begeht. Dann wieder windet er sich über den Boden als verzweifelnder Ehemann, der nicht weiß, ob er zu seiner Frau, die sich mit anderen Männern trifft, zurückgehen oder vor den U-Bahnzug springen soll. "Wie ein Stern" - mit diesem Lied von DDR-Schlagersänger Frank Schöbel über das Glück der kleinen Leute endet diese schöne Erinnerung an einen großen Autor, den Wolfram Koch über eine kurzweilige Stunde lang auf seinen kleinen Sockel hebt.




Stefan Bock - 10. Januar 2016
ID 9067
ICH BINS DEINE MUTTER (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 09.01.2016)
Regie: Jakob Fedler
Bühne und Kostüme: Dorien Thomsen
Mit: Wolfram Koch
Premiere bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen war am 13. Juni 2015


Weitere Infos siehe auch: https://www.ruhrfestspiele.de


Post an Stefan Bock

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