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nachDRUCK # 6

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Rezension

Menuchims Lied

HIOB nach dem Roman von Joseph Roth


(C) Schauspiel Köln

Bewertung:    



Gut zwei Meter über dem Bühnenboden im Depot 1 spielt sich das Schicksal des russischen Juden Mendel Singer ab – etwas entrückt vom Publikum und näher an Gott, wenn man so will. Gott ist das zentrale Thema, um das das Leben des frommen Lehrers kreist. Auch auf die Gefahr, mit diesem Fixpunkt die eigene Familie von sich zu stoßen. Sein Sohn Jonas will zum Militär und alles tun, was er als orthodoxer Jude nicht tun darf. Die Tochter Mirjam sucht sich bei den Kosaken einen Liebhaber nach dem anderen. Schemarjah, sein anderer Sohn, entkommt mithilfe der Mutter dem Militär und flieht nach Amerika. Bleibt noch Menuchim, der jüngste Sohn, verkrüppelt und unter epileptischen Anfällen leidend. Er könnte zwar behandelt werden, aber der Vater verweigert es: Nur Gott könne ihn gesund machen.

Alles ist hier statisch in der kleinen russischen Stadt, in der die Familie lebt, festgewachsen in Tradition und Alltag. Bewegung kommt erst mit dem Umzug nach Amerika in die Sache. Und das im wörtlichen Sinne: Die Spielplattform beginnt sich zu drehen, unter lautem Stöhnen und mit ordentlich Dampf. Die Holzstämme, die an der Plattform lehnten, fallen zur Seite, und übrig bleibt das bloße Stahlskelett, auf dem die Spielfläche montiert ist. Der Effekt ist beeindruckend. Es wirkt, als sehe man in den Maschinenraum eines Dampfschiffes.

Mendel und seine Frau Deborah reisen nach Amerika, um Mirjam dem Einfluss der Kosaken zu entziehen. Allerdings muss die Familie Menuchim zurücklassen. Er hätte aufgrund seiner Gesundheit keine Chance, dort einzureisen. Das lastet wie ein Fluch über der Familie, und so findet sie auch im gelobten Land kein Glück. Vielmehr spitzen sich die Ereignisse zu: In den Wirren des Ersten Weltkriegs ist Jonas verschollen, und Schemarjah fällt. Ihre Mutter Deborah stirbt, und ihre Schwester Mirjam verliert den Verstand. Am Ende bleibt Mendel Singer allein in der Fremde und hadert mit Gott. Er, der immer bedingungslos geglaubt hat, kann nicht verstehen, weshalb ihn – ohne ersichtliche Sünde – diese schweren Schicksalsschläge treffen. Und dann gibt es doch noch ein kleines Wunder, das wesentlich mit dem Lied zusammenhängt, das im Laufe des Abends immer mal wieder erklingt: Menuchims Lied.

Hiob ist großes Schauspielertheater, vor allem Bruno Cathomas glänzt als gläubiger und gebeutelter Mendel Singer. Sabine Orléans (Deborah) überzeugt als leidendes Muttertier, in der deutlichen mehr Widerspruchsgeist steckt als in ihrem Mann. In dem Ausmaß wie er mag sie sich nicht kasteien. Jakob Leo Stark (Jonas) und Thomas Müller (Schemarjah) müssen neben Mendels Söhnen eine Reihe weitere Figuren spielen – dadurch werden ihre Rolle und Bedeutung für den Abend leider etwas verwischt. Katharina Schmalenberg ist an diesem Abend für ihre erkrankte Kollegin Julia Riedler eingesprungen und meistert dies bravourös. Niklas Kohrt verkörpert Menuchim eindringlich, ohne dabei peinlich zu sein. Axel Pape schließlich rundet das gute Ensemble ab.

Rafael Sanchez’ Inszenierung ist formstark und streng. Unaufgeregt gehen die Ereignisse ihren Gang. Schwarz und Weiß überwiegen in der Farbgebung. Das rote Kleid, das Deborah einmal trägt, bleibt eine Ausnahme. Ein interessanter Schachzug der Bearbeitung ist es übrigens, beschreibende Passagen des Romans zu erhalten, etwa indem die Figuren in der dritten Person über sich selbst reden. Als hinderlich erweist sich einmal mehr die Bühne in der Ersatzspielstätte Depot 1: Sanchez und sein Bühnenbildner Simeon Meier haben das Geschehen auf der Spielplattform gut fokussiert und ins Zentrum gerückt. Pech nur, wenn man als Zuschauer relativ weit außen sitzt. Peripherie bekommt bei der enormen Bühnenbreite von etlichen Metern im Depot 1 leider eine ganz neue Dimension. Eine Sogwirkung der Darstellung – auf die das Schauspielertheater ein wenig abzielt – mag sich da nicht so recht einstellen.
Karoline Bendig - 1. Februar 2015
ID 8405
HIOB (Depot 1, 29.01.2015)
Regie: Rafael Sanchez
Bühne: Simeon Meier
Kostüme: Heidi Fischer
Musik: Katharina Debus, Cornelius Borgolte
Licht: Jürgen Kapitein
Dramaturgie: Sibylle Dudek
Mit: Bruno Cathomas (Mendel Singer), Sabine Orléans (Deborah), Katharina Schmalenberg (Mirjam), Jakob Leo Stark (Jonas/Mac/Menkes), Thomas Müller (Schemarjah/Groschel), Niklas Kohrt (Menuchim) und Axel Pape (Doktor/Rabbi/Kapturak/Psychiater/Skowronnek)
Premiere war am 10. Januar 2015
Weitere Termine: 1., 10. , 24. 2. / 1., 7., 11., 21. 3. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielkoeln.de


Post an Karoline Bendig



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