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Repertoire

Abfallende Welt



Jan Plewka in Elfriede Jelineks Winterreise am Schauspiel Köln | Foto © Tommy Hetzel

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Auf der steil schräg abfallenden Bühne sehen wir einen einzelnen Körper. Eine Frau (Barbara Petrisch) im füllig überbordenden Nacktkostüm ragt in einem Loch inmitten der finster-schwarzfarbigen Bühne empor. Sie redet drauflos und unterstreicht mit ihren willfährigen Worten ein Bild von Trostlosigkeit und Traurigkeit. Später betreten andere Figuren die Bühne. Doch auch für sie ergibt sich kein sicherer Stand. Der Boden unter den Füßen fällt stets steil ab. Ein treffendes Bild für das Gefühl der Heimatlosigkeit und des Fremdseins in der Welt.

In ihrer Dankesrede anlässlich der Zuerkennung des Mülheimer Dramatikerpreises 2011 für Winterreise überhöht Elfriede Jelinek ihre Inspirationsquelle Franz Schubert als „das größte Genie, das je gelebt hat“. Schubert vertonte 1827 mit Winterreise Wilhelm Müllers gleichnamigen Gedichtzyklus (von 1824) über Einsamkeit, Liebe, Wahnsinn und Todessehnsucht des einsamen Wanderers mit schaurig-düsteren Klavier- und Gesangsmelodien. Jelinek verwendet in ihrem Drama (von 2011) Motive aus den Werken Schuberts und Müllers, die sie umdeutet, variiert, radikalisiert und in neue Sinnzusammenhänge stellt.

Stefan Bachmann, derzeit umstrittener Intendant am Schauspiel Köln, holte nun seine gefeierte Burgtheater-Inszenierung von Jelineks Winterreise an sein Haus. Die österreichische Erstaufführung wurde 2012 zweimal mit dem österreichischen Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnet (beste deutschsprachige Aufführung, beste Ausstattung).

Wiederkehrende Themen des Stückes sind das Fehlen und der Mangel von etwas. In der Eingangsszene fehlen andere Menschen. Später heißt es „Ich stecke bis zum Hals in meinem Scheitern.“ oder „Wer beurteilt mich mit ungenügend in der Schule des Lebens?“ Während eine einfache Handlung in den Hintergrund tritt, ist es eine belebende Sprache, die bewegende Wanderung durch den Zeitgeist unternimmt. Geläufige Ausdrücke werden in neue sozialkritische Zusammenhänge gestellt und erweitern so den eigenen Gedankenhorizont. Wenn vom „Verschwinden“ oder „Vorbeigehen“ die Rede ist, akzentuiert sich immer wieder das Thema Zeit, das unterschiedliche Zeitempfinden verschiedener Generationen und die eigene Vergänglichkeit.

Gegliedert wird der Theaterabend durch eigenwillige Interpretationen ausgewählter Lieder aus Schuberts Zyklus, welche als Darbietungen zwischen den einzelnen Szenen eingebaut sind. Rocksänger und Selig-Frontmann Jan Plewka schlägt bewusst leise Töne an, wenn er mit Felix Huber am Piano die melancholisch-schwermütigen Lieder performt.

Inhaltlich rücken stets neue Themen in den Fokus. Wenn die Rede von „der reichen Braut“ und „der verkauften Braut“ ist, behandelt Jelinek etwa einen Bankenskandal und allgemeines Profitstreben als Mechanismus der globalen Finanzkrise. Auf der Bühne liefern sich fesche Männer im Anzug (Martin Reinke, Simon Kirsch) und geschminkte Frauen im Kostüm (Dorothee Hartinger, Melanie Kretschmann) in der Schräge einen gewichtigen Smalltalk. Investoren möchten marode Banken wie eine bucklige Braut aufhübschen, können jedoch nicht verhehlen, dass hinter dem schönen Schein kein ebensolches Sein steckt. Verwiesen wird hier auf den fatalen Deal einer Bankenhochzeit zwischen der Bayerischen Landesbank und dem Hypo-Alpe-Adria-Konzern, dem Bilanzfälschungen vorgeworfen wurden.

Neben Flüchtlingen vor europäischen Küsten geht es auch um heimische Entführungsopfer, die in den Medien Berühmtheit erlangen. Eine ganze Weile bleibt die Bühne dunkel und von verschiedenen Seiten erklingen die Stimmen der Darsteller aus dem Off. Sprecher mokieren sich über ein ungeteiltes Interesse der Öffentlichkeit an einem bekannten Entführungsopfer. Aggressiv und ungebremst bricht sich ein Sozialneid bahn: „Wer fragt nach ihr? Viel zu viele fragen immer noch nach ihr. Wer fragt denn nach uns? Viel zu wenige fragen nach uns? Genau!“

Defizite der eigenen Existenz sind auch Thema, wenn es um das Verlagern von persönlichen Beziehungen in das Internet geht. Plewka singt etwa durch das Loch in der abfallenden Bühnenwand hervorlugend in Dauerschleife „Von der Straße her ein Posthorn klingt“, während eine auf der Bühnenwand liegende unglückliche Jungfer (Gerrit Jansen) realen Kontakt sucht. Eine reale Befriedigung ihrer libidinösen Wünsche scheint trotz der schier endlosen Möglichkeiten des Internets nicht in Sicht. Der Automat liefert einfach keine nachhaltigen und brauchbaren Angebote. Auch die Biographie der Autorin Jelineks wird vielfach Thema, etwa wenn das Drama die komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter oder die Demenz ihres Vaters behandelt. Leider ist der lange Monolog des an Demenz erkrankten Vaters in seiner engen Assoziationskette doch recht ermüdend und langatmig.

In Winterreise sprechen wechselnde Darsteller immer ein „ich“. Im Kampf um Gegenwart und eine Zukunft in fortgeschrittenem Alter wird der eigene Umgang mit Vergangenem und Gegenwärtigem reflektiert und es werden über das "ich" beim Zuhörer stets eigene Assoziationen und Gedanken wachgerufen. Durchgehend verstärkt die Inszenierung mit musikalischen Elementen und Stimmen aus dem Off den Eindruck eines Hörraums, der mit der Wiederholung einprägsamer Sätze und Motive arbeitet. Die Form der variierenden Wiederholung werden szenisch auf die Spitze getrieben, wenn die zu Anfang aufgetretene ältere Dame im Fettkostüm (offenbar eine Wiedergängerin Jelineks) larmoyant selbst ihre Kritiker zitiert, die ihr „stets die gleiche Leier“ in ihrem eigenen Werk vorwerfen. Hier überrascht Bachmanns Adaptation plötzlich mit einem interessanten Kniff, indem sie gegen Ende des Monologes Ski-Hütten-Feeling aufkommen lässt. Kretschmanns Figur drischt nun im Ski-Dress hemmungslos biestig auf die Larmoyanz der alten Dame ein und stampft sie de facto in Grund und Boden. Währenddessen erklingt der Refrain des volkstümlichen Schlagers „Ein Stern (… der deinen Namen trägt)“ von Nik P. beziehungsweise im Cover von DJ Ötzi laut dröhnend in Endlosschleife. Feinsinn ade, nichts tut mehr weh. Jeder darf sich im wohligen Gegröle bedeutsam fühlen. Ausgelassen wird gefeiert, auf Skiern die Schräge runtergesegelt, die Bühne zugemüllt und gekübelt, was der Rachen herzugeben vermag.



Simon Kirsch und Gerrit Jansen in Elfriede Jelineks Winterreise am Schauspiel Köln | Foto © Tommy Hetzel

Ansgar Skoda - 8. Juni 2018
ID 10741
WINTERREISE (Depot 1, 05.06.2018)
Regie: Stefan Bachmann
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Esther Geremus
Musik: Jan Plewka und Felix Huber
Dramaturgie: Andrea Vilter
Sound und Video: Philipp Haupt
Licht: Felix Dreyer / Jan Steinfatt
Mit: Dorothee Hartinger, Gerrit Jansen, Simon Kirsch, Melanie Kretschmann, Barbara Petritsch und Martin Reinke sowie Jan Plewka (Gesang) und Felix Huber (Klavier)
Premiere am Schauspiel Köln: 5. Mai 2018
Weitere Termine: 08., 29.06. / 04., 05.07.2018
Eine Übernahme vom Burgtheater Wien


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel.koeln


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