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Ganz nett



Bildquelle: theaterschiff.de

Bewertung:    



Wie gemacht dafür auf einem Schiff gespielt zu werden, ist er in der Tat, der Monolog Novecento von Alessandro Baricco. Der Text des italienischen Musikwissenschaftlers, Journalisten und Schriftstellers handelt – sehr kurz gesagt – von dem Ozeanpianisten Novecento, der auf dem Schiff „Virginian“ geboren wurde, nie von Bord ging und sich schlussendlich mit dem Schiff in die Luft sprengen lässt, als das Schiff abgewrackt wird. Erzählt wird die Geschichte des Ozeanpianisten von seinem Freund Tim Tooney, Trompeter in der Atlantic Jazzband an Bord der „Virginian“. Auf dem Hamburger Theaterschiff ist Novecento nun mit Frank Roder als Erzähler und Jochen Kilian am Klavier zu sehen.

Beworben wird Novecento im Programm des Hamburger Theaterschiffs so:


„Eine unglaubliche Lebensgeschichte – leicht und sehr unterhaltsam. Ein mitreißender Theaterabend über die Kraft der Musik und der Phantasie, über innere Freiheit und sehr eigene Entscheidungen.“


Bereits dieser Ankündigungstext darf zu denken geben: Wie wohl kann eine Geschichte über die Kraft von Musik und Phantasie, innere Freiheit und Entscheidungen „leicht und sehr unterhaltsam“ sein? Zudem: Bariccos Text mag unterhaltsam sein, leicht ist er nicht.

Zunächst einmal ist Novecento natürlich kein Monolog über einen Ozeanpianisten – wohl aber eine wunderschöne Parabel. Auch geht es hier nicht (primär) um das Leben auf See. Es ist vielschichtiger Text über menschliche Freiheit, über die Überforderung des Individuums im 20. Jahrhundert angesichts der Multiplizität der Optionen. Daher auch der Name Novecento, italienisch für „20. Jahrhundert“ – und darum geht er, der Ozeanpianist, nie von Bord: Er bevorzugt die Abgeschlossenheit seines kleinen nautischen Universums gegenüber einer Welt, die „kein Ende hat“. Zu guter Letzt, ja, ist Novecento natürlich auch ein Text über künstlerisches Genie und die Macht von Phantasie und Musik.

Novecento hat kein realistisches Setting, und der parabolische Charakter wird mit der Eröffnung des Stücks deutlich: Zu Beginn des Monologs steht eine Vaudeville-artige Eröffnungsrede, in der das Publikum erfährt, dass es selbst Passagier auf der „Virginian“ ist, ein Schiff mit einer absurden Besatzung, darunter ein klaustrophober Kapitän und ein blinder Steuermann. Nur ist ja zum Zeitpunkt der Erzählung die „Virginian“ samt Novecento bereits versenkt; so also ist die Gesamtanlage des Monologs, einschließlich des Ortes des Publikums, bereits denkunmöglich, absurd. Der Erzählcharakter von Novecento schwankt zwischen boulevardesker Heiterkeit, Melancholie und Morbidität – und entfaltet in diesem Wechselspiel seine ganze Kraft und die Vielzahl seiner Ebenen und Lesarten.

Von all dem nun ist in dieser Inszenierung wenig zu spüren. Freilich, das Denken ist immer dem Publikum überlassen – man kann es nicht zwingen, die Vielschichtigkeit eines Stückes zu erkennen. Mindestens aber kann man ihm etwas anbieten. Und genau das tut dieses Inszenierung eben nicht. Frank Roder spielt Novecento durchgehend so wie seinen Ringelnatz-Abend: irgendwie heiter bis wolkig. Was dort aber passend ist, nimmt Novecento seinen ganzen Charme. Indem das Stück „leicht und sehr unterhaltsam“ gerät, ergreift es eben auch nicht mehr. Ob es ein Publikum stört, das den Text vorher nicht kennt – vielleicht nicht. Wenn man aber Novecento gelesen hat, vermisst man all die Universen, die darin über die bloße Handlungsebene hinaus noch enthalten sind und die emotional von Frank Roder nicht ausgespielt werden. Auch dank musikalischer Intermezzi von Jochen Kilian wird man ganz nett unterhalten – mehr aber auch nicht. Schade.
Ann-Kristin Inwersen - 17. September 2016
ID 9554
NOVECENTO (Hamburger Theaterschiff, 14.09.2016)
Regie: Sylvia Richter
Ausstattung: Silke von Patay
Mit: Frank Roder (Erzähler) und Jochen Kilian (Klavier)
Premiere war am 24. Februar 2016
Weitere Termine 19., 22. 10. / 24. 11. / 4. 12. 2016 // 15. 1. 2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.theaterschiff.de/


Post an Dr. Ann-Kristin Iwersen



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