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(C) Thalia Theater Hamburg

Bewertung:    



Weniger magischer Realismus, eher satte Milieustudie ist Hans Falladas 1934 erschienener Roman Wer einmal aus dem Blechnapf frisst. Fallada beschäftigte sich nach Kleiner Mann - was nun? zum zweiten Mal mit der Suche nach dem kleinen Glück in den Zeiten der Weimarer Republik. Anders als der kleine Angestellte Johannes Pinneberg, der 1930-32 an den Folgen der Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit zu leiden hat, ist der ehemalige Buchhalter Willi Kufalt nach einer fünfjährigen Haftstrafe wegen schwerer Unterschlagung und Urkundenfälschung noch tiefer unten angekommen. Die Angst vor dem Draußen sitzt tief, und dennoch gibt sich Kufalt noch nicht auf. Er will unbedingt anständig werden, hofft auf ein gutes, sicheres Einkommen und ein ganz unauffälliges Leben mit eher kleinen Ansprüchen. Dass es trotz Anstrengung anders kommt und Willi seine Knastvergangenheit nicht wie Häftlingskleidung abstreifen kann, muss er nach und nach bitter erfahren.

Und so beginnt Luk Percevals dritte Fallada-Inszenierung auch gleich mit der Ablehnung eines Arbeitsgesuches, das Willi Kufalt aus dem Zentralgefängnis Neumünster gestellt hatte. Hans Fallada verarbeitete im Roman seine eigenen Erfahrungen einer Haftstrafe wegen Betrugs. Perceval hatte bereits einigen Erfolg mit Fallada. Seine Inszenierungen Kleiner Mann - was nun? und Jeder stirbt für sich allein wurden beide zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Am Thalia Theater Hamburg steht nun Tilo Werner im gestreiften Lichtschein, der Willis Zelle andeuten soll, an der Rampe und sinniert über sein zukünftiges Leben draußen. An der Rückwand der Bühne hängt ein langer Vorhang, auf den von hinten ein stilisiertes Kettenkarussell projiziert wird. Ein Traum von Freiheit und Leben, der sich für Willi nicht erfüllen wird. Ein großer, bedrohlicher Schatten mit Zylinder wird ebenfalls auf den Vorhang geworfen. Er gehört dem Tenor Hendrik Lücke, der immer wieder wie zum Hohn aber dennoch wunderschön Operettenklassiker aus der Zeit wie "Alle Tage ist kein Sonntag", "Die Liebe kommt, die Liebe geht" oder "Ich bin nur ein armer Wandergesell" singt.

Tilo Werners Kufalt wird noch öfter vorn an der Rampe stehen und seine Gedanken ins Publikum sprechen. Er ist das klare Zentrum dieser Inszenierung, die in den anderen Romanfiguren nur begleitende Karikaturen sieht. Das war auch schon das Prinzip der beiden anderen Fallada-Inszenierungen von Luk Perceval. Das ausnehmend spielfreudige Thalia-Ensemble mit Stephan Bissmeier, Kristof Van Boven, Christina Geisse, Bernd Grawert und Oliver Mallison nimmt das Angebot zu Slapstick und Klamotte dankbar auf und teilt die weiteren Rollen unter sich auf. Besonders hervorstechen können dabei Kristof Van Boven als aasiger Kleinkrimineller und Willis Knastkumpel Walter Batzke sowie Bernd Grawert, der einen rheinländischen Gefängnisleiter hin karikiert oder auch den halb wahnsinnigen Heimbruder und Alkoholiker Beerboom verkörpert.

Die Romanstationen wie das protestantische Besserungsheim, die Schreibstuben, in denen Willi für einen Hungerlohn schuften muss, der Landbote mit einem ebenfalls dauerbesoffenen Chefredakteur, oder Willis kleines Zimmer zur Miete werden nur durch rollende Bürodrehstühle und ein Metallbett ebenfalls auf Rädern angedeutet. So wechseln die Szenen recht schnell wie kurze Tänzchen am Rande des Abgrunds. Wie eine lustige Rasselbande drehen die kurz selbständigen Schreibstubengenossen ihre Ratschen zum Zeichen der stupiden Arbeit des Adressentippens. Als Vorbestrafter kommt Willi immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Anfangs noch widerständig auf sein Recht pochend, wird er schließlich klein bei geben und sich selbst eines Diebstahls bezichtigen, den er gar nicht begangen hat.

Einmal ein wenig Lebensglück mit einem Mädchen haben. Aber auch die Verlobung mit Hilde platzt wegen der fälschlichen Anschuldigung durch die Polizei, Geld gestohlen zu haben. „Aus, ab dafür, Ende!“ Liebe, Freundschaft - alles nur Illusion. Man ist allein, resümiert Willi. Kleines Leben, kleine Rente, kleines Grab. Dann doch lieber etwas Großes anstellen, was sich lohnt. Willi bäumt sich ein letztes Mal auf. Doch auch der Tipp für einen Überfall auf die Auslage eines Juweliers am Jungfernstieg geht schief. Ex-Knastkumpan Batzke erledigt das im Alleingang, wie Willi in der Zeitung lesen muss. Ein herrliches Kalauergewitter zwischen Tilo Werner und Bernd Grawert als Pflastersteinverkäufer ist das letzte, worüber hier noch gelacht werden kann. Danach steht Willi wieder wie am Anfang resignierend im Streiflicht seiner Gefängniszelle. Ein ernüchterndes Fazit beschließt diesen fast zweieinhalbstündigen, aber dennoch recht kurzweiligen Abend.

Wenn auch die Diskriminierung Vorbestrafter in der heutigen Gesellschaft wesentlich subtiler erfolgt, zeigt Percevals Inszenierung doch auch ohne aktuellen Bezug recht deutlich, wie ein autoritäres System aus Bevormundung, Strafe und Stigmatisierung unerbittlich jeden Versuch des Strebens nach persönlicher Freiheit, Selbstbestimmung und Menschlichkeit untergräbt.



Wer einmal aus dem Blechnapf frisst am Thalia Theater Hamburg | Foto (C) Armin Smailovic

Stefan Bock - 28. März 2017
ID 9942
WER EINMAL AUS DEM BLECHNAPF FRISST (Thalia Theater, 24.03.2017)
Regie: Luk Perceval
Bühne: Annette Kurz
Kostüme: Annelies Vanlaere
Dramaturgie: Christina Bellingen
Besetzung:
Stephan Bissmeier (Pastor Marcetus)
Kristof Van Boven (Walter Batzke)
Christina Geiße (Hilde Harder)
Bernd Grawert (Beerboom)
Oliver Mallison (Jauch)
Tilo Werner (Willi Kufalt)
sowie Stephan Bissmeier, Kristof Van Boven, Christina Geisse, Bernd Grawert, Oliver Mallison und Hendrik Lücke (Live-Gesang)
Premiere war am 24. Februar 2017
Weitere Termine: 05., 06.04.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.thalia-theater.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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