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Einer gegen alle

EIN VOLKSFEIND
am Schauspiel Köln


Bewertung:    



Dr. Thomas Stockmann gibt eine Party. Nach entbehrungsreichen und eher einsamen Jahren im hohen Norden Norwegens bekleidet er jetzt die angesehene Position des Kurarztes für das Kurbad, den ganzen Stolz seiner Heimatstadt. Das will gefeiert werden. Gereicht werden – neben Bier und Würstchen – später am Abend auch Smoothies mit Schuss. Nur Stockmanns Bruder Peter will nicht einstimmen und steht lieber abseits. Dass zwischen den beiden Brüdern eine nicht allzu große Liebe besteht, wird sich im Laufe des Abends noch zeigen, an dem Thomas Stockmann zum Volksfeind wird. Dabei hat er nur Gutes im Sinn: Eine Analyse des Wasser des Kurbades - von ihm in Auftrag gegeben - hat erwiesen, dass es hochgradig ungesund ist.

Roger Vontobels Inszenierung im Depot 1 vom Schauspiel Köln beginnt mit einer Feier; auf der Bühne von Claudia Rohner eine Kette mit farbig leuchtenden Glühbirnen über einem roten Schlagzeug, links und rechts davon um die Spielfläche zwei weitere Zuschauertribünen. Ganz nah ist man hier den Schauspielern, zumindest in den ersten Reihen, und sieht zugleich weiteren Zuschauern ist Gesicht. Erst für die letzten Szenen wird der Raum geöffnet, die Zuschauertribünen auf der Bühne an den linken und rechten Rand verschoben, und Thomas Stockmann sitzt allein am Schlagzeug, vor ihm die Pflastersteine, die in sein Haus geworfen wurden.

Der Raum, in dem sich Ein Volksfeind abspielt, ist zunächst einmal ein öffentlicher. Der Reiz dieser Setzung ist klar - verhandelt das Stück doch, wie mit der Entdeckung des verseuchten Wassers, das eigentlich die Einnahmen in der Stadt sprudeln lassen sollte, umgegangen wird. Zunächst stehen Presse und die Mehrheit der Bevölkerung, repräsentiert durch den Vorstand des Hauseigentümerverbands, hinter Stockmanns Anliegen, die Verseuchung öffentlich zu machen und für Abhilfe zu sorgen. Doch nach den geschickten Ausführungen in Person von Peter Stockmann, eben nicht nur Thomas’ Bruder, sondern auch Bürgermeister der Heimatgemeinde, zu den vermutlichen Kosten einer Behebung der Verunreinigung, machen sie einen Rückzieher. Die Revolution, den Umsturz der herrschenden Verhältnisse, den Redakteur Hovstad im Sinn hatte, entpuppt sich als Sturm im Wasserglas, und Thomas Stockmann, der sich an die Spitze der Bewegung stellte, ist der Gelackmeierte. Oder vielleicht doch nicht, wie die letzte Szene impliziert.

Ein Volksfeind handelt u.a. davon, was man der Öffentlichkeit an Informationen zumuten kann und was nicht und was man lieber untereinander klärt – im Verborgenen, natürlich nur zum Besten des Volks. Und es gibt Stellen, in denen es sehr sinnfällig ist, dass die Öffentlichkeit am Kölner Schauspiel gewissermaßen mit auf der Bühne sitzt. Aber Regisseur Vontobel macht zu wenig daraus. Außer in Szenen, in denen die Volksansprache offensichtlich ist und das Publikum als solches dann auch immer wieder einbezogen wird, wird nicht wirklich klar, warum sich alles im gewissermaßen öffentlichen Raum abspielt. Das Ganze führt zudem zu einem gewissen Fokusverlust. Natürlich ist es ganz nett, wenn Schauspieler aus dem Publikum kommen und reden oder sich neben einzelnen Zuschauern auf Sitzen niederlassen, Bruno Cathomas etwa die Zuschauer um sich herum beinahe kumpelhaft in seine Ausführungen mit einbezieht, aber die Hauptorientierung bleibt doch immer frontal, und es gibt Szenen, in denen es schlicht und weg stört, dass Menschen auf der anderen Seite im Bild sitzen, zumal das Licht – von wenigen Ausnahmen abgesehen – hier nicht gerade fokusfördernd wirkt, sondern den Raum eher aufreißt. Da ist es auch nicht hilfreich, dass vor allem im ersten Teil die Schauspieler auch den Raum hinter den Zuschauertribünen nutzen, weil sie gelegentlich hintereinander herrennen oder mit Fahrrad und Motorrad ihre Runde(n) drehen.

Dieser ganze Aufwand wirkt ein wenig wie eine Ablenkung vom Wesentlichen. Das ist schade, denn die Schauspieler machen ihre Sache überwiegend sehr gut, wenngleich sie auch ein bisschen mit dem Raum zu kämpfen scheinen. Es sind vor allem die Nebenfiguren, die interessieren: Katharina Schmalenberg als Thomas Stockmanns Gattin, die das Familienwohl stärker im Blick hat als er und daher zu Kompromissen bereit ist. Robert Dölles Chefredakteur, der zum Umsturz bläst und sehr schnell klein beigibt. Ein Maulheld eben, der sich nur traut, Stockmanns Frau unsittlich zu berühren. Thomas Brandts Billing, Redakteur beim Volksboten, hat ebenfalls eine große Klappe, verteufelt die herrschenden Verhältnisse, schwenkt aber schneller als gesehen auf die Seite des Bürgermeisters um. Jörg Ratjen gibt einen sehr vorsichtigen, alle Eventualitäten abwägenden Buchdrucker Aslaksen, zugleich Vorsitzender des Hauseigentümervereins. Wenn er Thomas Stockmann zusichert, die Mehrheit der Menschen in der kleinen Stadt stünde hinter ihm, ist irgendwie schon klar, dass die Aussage mit Vorsicht zu werten ist. Paul Faßnacht als Stockmanns Schwiegervater fällt dagegen etwas ab. Vor allem in seinem ersten Auftritt ist nicht ganz ersichtlich, was diese Figur umtreibt. Der zweite Auftritt gegen Ende ist dagegen deutlich klarer und stringenter gestaltet.

Nicht ganz überzeugend dann leider die Hauptkontrahenten, die einen Bruderkampf zum Machtkampf in der Stadt ausarten lassen, bei dem der gewiefte Bürgermeister schnell gegenüber seinem aufbrausenden und schlichtweg undiplomatischen Bruder Thomas die Oberhand behält: Bruno Cathomas gibt den scheinbar freundlichen und verbindlichen Bürgermeister, der – trotz einer Wuttherapie – dennoch irgendwann die Kontrolle über sich verliert, mit nur halb überzeugender Lässigkeit und einer guten Portion Fahrigkeit. Paul Herwig, Gast am Kölner Schauspiel, ist sehr schnell in seiner selbstverliebten und für alle anderen unnahbaren Haltung, als dass er irgendwann zum Sympathieträger werden könnte. Das ist zwar durchaus das Spannende bei Ibsen, dass man Thomas Stockmann in seinem Anliegen unterstützen mag, nicht aber in der verborten und besserwisserischen Art und Weise, in der er es um jeden Preis durchsetzen möchte. Bei Paul Herwig ist sein missionarischer Eifer, der zu einer Selbstermächtigung im Sinne der Demokratie führt, sehr früh sehr deutlich. Sein Kostüm, weiße Hose, Hemd und Jacke, ist vielleicht auch etwas zu viel des Guten, um für einen differenzierten Blickwinkel zu sorgen.

*

Ein Volksfeind ist ein Stück, das heute eine ganze Menge zu sagen hat, nicht ohne Grund wird es deshalb immer wieder gespielt. Roger Vontobels Inszenierung ist nicht zwingend, hätte als Schauspielertheater mit einer guten alten Frontalsicht unter Umständen besser funktioniert. Inkonsequent auch die Handhabung der Musik (Keith O’Brian), vor allem im ersten Teil wird gerne und ausgiebig das Schlagzeug benutzt, später kommen Gitarrenklänge dazu, zwar immer noch live, aber eher aus dem Off. Der Zuschauer wird zu bei Vontobel und seinem Team zu einer Party eingeladen, auf der er aber dann sehr schnell vergessen wird. Etwas an Drumherum weniger wäre hier vielleicht mehr gewesen.
Karoline Bendig - 28. November 2016
ID 9709
EIN VOLKSFEIND (Depot 1, 26.11.2016)
Regie: Roger Vontobel
Bühne: Claudia Rohner
Kostüme: Tina Kloempken
Musik: Keith O’Brian
Licht: Hartmut Litzinger
Dramaturgie: Thomas Laue
Mit: Paul Herwig (Thomas Stockmann), Katharina Schmalenberg (Kathrine Stockmann), Bruno Cathomas (Peter Stockmann), Robert Dölle (Hovstad), Thomas Brandt (Billing), Jörg Ratjen (Aslaksen), Paul Faßnacht (Morton Kiil, Kathrine Stockmanns Pflegevater), David Gyergyay/Leif Lefherz/Joris Bendokat/Clemens Büder (Morton und Eilif, Stockmanns Kinder) und Keith O’Brian (Musiker)
Premiere am Schauspiel Köln: 20. Mai 2016
Weitere Termine: 10., 26. 12. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielkoeln.de


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