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Maja Beckmann als Bess in Breaking the Waves am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Conny Mirbach

Bewertung:    



In Wellen brechen Worte aus ihr heraus, die nicht von ihr selbst kommen. Bess, die Hauptfigur in Breaking the Waves nach dem Film von Lars von Trier (1996) erscheint geistig zurückgeblieben und phantasiebegabt zugleich, wenn sie harte Worte an sich richtet. Zu Beginn von David Böschs Inszenierung sitzt Maja Beckmann als Bess inmitten aufgetürmter, betonartig massiver, kreuzförmiger Wellenbrecher. Nebel umwabert die Szenerie. Das über die gesamte Inszenierung beibehaltene Bühnenbild (Falko Herold) schafft eine düstere Friedhofsstimmung. Bess richtet dunkel, tief und laut machtvolle Worte an sich, um im nächsten Moment leise, unterwürfig und kindlich zu antworten - sich für das eigene Tun entschuldigend und Besserung gelobend. Ist es tatsächlich Gott, der solche Selbstkasteiungen fordert? Bess hat scheinbar verinnerlicht, dass höhere Instanzen ihr Tun beaufsichtigen, bewerten, einschränken oder bestimmen. In der nächsten Szene treten als strenge und verhärmte Autoritäten ihre Mutter (Gabriele Hintermaier) und ein kaltherziger Gemeindepfarrer (Robert Kuchenbuch) machtvoll auf. Sie fordern tatsächlich Bess‘ Gehorsam und guten Willen ein, doch diese verfolgt naiv, aber unbeirrt ein eigenes Ziel. Sie lässt sich nicht davon abbringen heiraten zu wollen – und zwar Jan, der außerhalb ihrer tiefreligiösen Küstengemeinde lebt und den sie seit wenigen Tagen kennt.

Zuschauer, die nun mit Bess um ein wohlwollenderes Schicksal an einem wärmeren Ort als diesen unwirtlichen, kargen Berg von Kreuzen bangen, werden enttäuscht. Denn die Lichtgestalt, zu der Bess ihren Jan überhöht, ist ein einfacher Arbeiter von der Bohrinsel, der kurz nach der Hochzeit auf eben diese zurückkehrt und Bess am Heimatort zurücklässt. Wolfgang Michalek überzeugt kräftig gebaut mit seiner Darstellung von Jan als derben Genussmenschen, der mit seinen Bohrinselkollegen gerne einen über den Durst trinkt, unfromme Seemannslieder spielt und sich gerne von schönen, jungen Frauen wie Bess anhimmeln lässt. Heftiger wogen die Wellen der Liebessehnsucht scheinbar um Bess, die sich ihren Jan fortan jammernd zurückwünscht. Ihr flehentlicher Ruf um göttlichen Beistand wird schon bald erhört. Denn kurze Zeit später kehrt Jan tatsächlich heim, jedoch nach einem schweren Unfall vom Halse abwärts gelähmt. Die Ärzte gehen davon aus, dass sich sein Zustand nicht bessern wird. Während sich Bess nun aufopferungsvoll um ihren Ehemann kümmern möchte, wünscht er sich, dass sie auch ohne ihn eigene Erfüllungen findet und sich etwa andere Männer als Liebhaber sucht. Damit er sie mit seinem Wunsch in ihrer Liebe zu ihm nicht kränkt, greift er zu einem Trick. Er behauptet, die Vorstellung ihrer körperlichen Liebe mit anderen Männern würde ihn am Leben erhalten.

Die Stuttgarter Adaptation des preisgekrönten Films setzt ihren Fokus eindeutig auf die Figur der Bess, die bedingungslos lieben darf, ohne zu hinterfragen. Ihre wiederholten Selbstgespräche, in denen sie vermeintliche Ansprüche anderer an ihr Tun ordnet, wirken jedoch eher kindlich als leidenschaftlich. Auch die Nebenfiguren, die Bess vor Unheil bewahren und schützen möchten, wie etwa ihre Freundin Dodo (Hanna Plaß) oder der fürsorgliche Arzt Dr. Richardson (Matti Krause) sind zu blass und eindimensional gezeichnet, als das ihre Interventionen dem Tun Bess‘ gegenüber eine berührende Dynamik erzeugen würden. Arg schematisch abgearbeitet scheinen die Abgründe, die sich in der Figurenkonstellation auftun – die dunklen Exzesse von Bess, ihre vermeintliche Prostitution oder ihre Verstoßung aus der Gemeinde werden nur angedeutet. Das zunächst eindrucksvolle Bühnenbild wird im Stückverlauf durch Lichtprojektionen oder wenige Accessoires wie ein Krankenbett ergänzt, verliert jedoch trotzdem zunehmend an Reiz, wie auch die Inszenierung selbst mehr und mehr an Spannung verliert.




Breaking the Waves am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Conny Mirbach

Ansgar Skoda - 26. Mai 2015
ID 8667
BREAKING THE WAVES (Schauspiel Stuttgart, 23.05.2015)
Regie: David Bösch
Bühne & Video: Falko Herold
Kostüme: Meentje Nielsen
Musik: Karsten Riedel
Licht: Gregor Roth
Dramaturgie: Anna Haas
Besetzung:
Bess … Maja Beckmann
Jan … Wolfgang Michalek
Dodo … Hanna Plaß
Dr. Richardson … Matti Krause
Pfarrer … Robert Kuchenbuch
Bess’ Mutter … Gabriele Hintermaier
Terry … Johann Jürgens
Pits/ Live-Musik … Karsten Riedel
Premiere war am 9. Mai 2015
Weitere Termine: 31. 5./ 5., 10., 21. 6./ 1., 14. 7. 2015


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de/


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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