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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Der Mörder ist immer der Fremde



Wir sind keine Barbaren! von Philipp Löhle am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) Matthias Horn

Bewertung:    



Der Chor ist auferstanden! Und singen kann er auch noch! Hier heißt er „Heimatchor“, ist mit 13 Mitgliedern etwas kleiner als früher (aber früher war alles mehr) und erinnert doch in schönster Weise an die Weber, die Orestie und Woyzeck aus der Intendanz von Holk Freytag, dem man neulich in Bad Hersfeld so rüde den Stuhl vor die Türe stellte.

Er singt, was Heimatchöre so singen, eine Lobpreisung des schönen Vaterlandes. In diesem - speziell in einer Mietswohnung, die in Dresden stehen könnte, aber nicht muss (bei der Uraufführung vor einem halben Jahr stand sie in Bern, wo das Stück trefflich die parallele „Masseneinwanderungsinitiative“ der SVP kommentierte, auf deren Erfolg sich heute auch gern die AfD beruft) - leben Barbara und Mario, er E-Auto-Konstrukteur, sie Veganköchin, klassisches grünes Wählerpotential. Dass ihr Eheleben erschlafft ist, liegt sicher nicht daran, befeuert aber Neid und Phantasie, als aus der neubezogenen Nachbarwohnung Geräusche erklingen, die lustvollen Sex erahnen lassen.

Dort sind Sara, Fitnesstrainerin und Coach sowie ihr Partner Paul, mit bemerkenswerter Schlichtheit im Geiste gesegnet, nun zu Hause. Ein krampfiges Kennenlernen wie üblich, schnell wird geduzt, und das erste Porzellan zertöppert, aber man arrangiert sich und hält sich fürderhin für eine Art befreundet, so wie bei facebook vielleicht. Es hätte schlimmer kommen können.

Und es kommt schlimmer: Barbara bekommt zum Geburtstag den von Mario lang ersehnten tischplattengroßen Fernseher und freut sich mühsam. Doch ehe der Gatte sich seinem Beleidigtsein hingeben kann, klopft es nachdrücklich an der Tür. Draußen steht ein (für uns unsichtbarer) Fremder und bittet um Obdach. Klar, dass die beiden, also vor allem Barbara, das nicht abschlagen kann.
Jener Gast war zuvor bei den Nachbarn, wurde aber gefühlsduselfrei abgewiesen. Das kommt kurze Zeit später zu Tage, ebenso, dass Barbara und Mario, also vor allem Barbara jetzt einen Schwarzen beherbergt. Ob Afrikaner oder Asiate, ob Clint oder Bobo, ob Moslem oder wasweißich, bleibt im folgenden Disput unklar, nicht jedoch die antagonistischen Geisteshaltungen der beiden Damen.
Der Gott des Gemetzels erscheint im Hinterkopf des Betrachters, zumindest teilweise, da die Herren hier nur Statisten sind. Am Ende der fulminanten Debatte (Cathleen Baumann und Karina Plachetka schenken sich nichts und sind auch sonst ganz hervorragend drauf) hängt der Haussegen gründlich schief.

Als Schauspieler sind die Herren dabei keineswegs Statisten, Thomas Eisen verpasst seinem Paul einen von der Gedanken Blässe kaum angekränkelten Proll-Charme und ist dabei fast beängstigend authentisch (zum Glück weiß ich es besser). Raphael Rubino in seiner ersten Dresdner Rolle kann mithalten und hat seine besten Szenen am Ende, als sich die Handlung mehr und mehr um ihn dreht.

Aus dem Chor jemanden hervorzuheben ist naturgemäß schwer, zu würdigen ist aber unbedingt die hohe Präzision bei einem durchaus schwierigen Text.

Schließlich findet man sich wieder in der Hausgemeinschaft, die Männer, weil die häusliche Ruhe ein hohes Gut ist, die Frauen, weil der offenbar gut gebaute Fremdling deren Phantasie beflügelt.
Der Heimatchor gibt dazwischen immer mal das gesunde Volksempfinden zum Besten und dient ansonsten als Requisitenschieber.

Man ahnt, die Idylle hält nicht lang. Barbara fühlt sich mehr und mehr für das Wohlergehen des Gastes in allen Lebensbereichen zuständig und erhöht damit ihr eigenes. Bis zum Klassiker – Ehemann kommt früher nach Hause – ist es da nicht weit. Jener sucht dann nebenan Trost und psychologische Betreuung.
„Was ist das für eine banale Geschichte, passiert überall, jeden Tag außerdem“, um den von mir geschätzten Berliner Liedermacher Arno Schmidt zu zitieren. Aber nun beginnt eine Kaskade des Schreckens.

Erst ist die eheliche Wohnung halb verwüstet, der teure Fernseher von der Wand gerissen, von Barbara keine Spur. Mario und die Nachbarn vermuten, sie ist mit ihrem Tarzan durchgebrannt.
Ist dies noch halbwegs romantisch, erstirbt das Lachen im Saal bei der Nachricht, Barbaras Leiche wäre verscharrt im Wald gefunden worden. Mario ist nur noch ein heulendes Häufchen Elend. Der Täter ist schnell klar, Bobo/Clint muss es gewesen sein, dessen Flucht ist der beste Beweis.

Nun hat der Heimatchor seine große Stunde, mit moralischem Rückenwind klärt er auf, dass das so nicht mehr weitergeht mit der Zuwanderung. Unter diesen frischen Eindrücken klingt das sehr plausibel.

Barbaras Schwester Anna erscheint, natürlich darf sie wie Mario erstmal nebenan wohnen. Bobo/Clint wird gefasst und kurz darauf verurteilt, was für ihn Abschiebung „nach Hause“ bedeutet, die er wohl nicht lang überleben wird. Geschieht ihm recht, brüllt der Chor, und was will man da gegenhalten? Zu frisch ist das erfahrene Grauen.

Doch Anna interessiert sich für das Motiv des vermeintlichen Mörders, spricht mit ihm im Gefängnis und ist danach überzeugt, dass der es nicht gewesen wäre. Nur wer dann? Noch ehe sie den Verdacht aussprechen kann, wird sie unter tätiger Mithilfe des Chores aus dem Haus geprügelt. Jener versucht die Szenerie zu verdecken, das passt einfach nicht ins Bild.

Am Ende werden die nunmehr Alteingesessenen Sara und Paul wie dazumal Barbara und Mario Ohrenzeugen eines munteren Treibens nebenan. Es sind Neue eingezogen. Die Erde dreht sich weiter.

Ein spärlich-präzises Bühnenbild (Anke Grot) mit Wänden aus Sperrholz in einem halben Sechseck, die den Spielraum sehr verengen und sich am Ende effektvoll zu einer Mauer aufklappen, äußerst stimmige Kostüme (der Chor im gutbürgerlichen Sonntagsstaat, die beiden Paare in Alltags-Outfit) von Irène Favre de Lucascaz, eine Musik (Markus Reschtnefki), die unterstützt, aber sich nicht in den Vordergrund drängt… und es geht auch mal ohne Video.

Barbara Bürk hat das Ganze zu einer runden Sache zusammengefügt, vor allem gelingt es ihr, die Kurve vom boulevardesken Start zu den sich am Ende im Fünf-Minuten-Takt ändernden Extremkonstellationen zu bekommen, ohne Verwirrung zu stiften. In seiner Überspitzung ist dies alles andere als ein leicht zu inszenierender Stoff, die Versuchung des schlichten Agitproptheaters ist latent vorhanden, doch zum Glück gibt Barbara Bürk ihr nicht nach.

Man nimmt mehr Fragen als Antworten mit nach Hause, und so soll es doch auch sein.



Wir sind keine Barbaren! von Philipp Löhle am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) Matthias Horn


Das noch junge Stück von Philipp Löhle hat eine schon beachtliche Aufführungsgeschichte, Mannheim (deutsche UA), Köln, Graz und demnächst Halle habe ich bei schneller Ecosia-Recherche (ja, auch ich bin ein Guter) gefunden, das dürften nicht die letzten Orte sein, die Relevanz des Stoffes hat es unbedingt verdient.

Übrigens fand ich dabei auch noch einen Artikel aus der FAZ, mit selber Überschrift, aber über den Kampfsport „Ultimate Fighting“. Wenn das keine schöne Pointe ist…


Sandro Zimmermann - 14. September 2014
ID 8091
WIR SIND KEINE BARBAREN! (Kleines Haus, 13.09.2014)
Regie: Barbara Bürk
Bühne: Anke Grot
Kostüm: Irène Favre de Lucascaz
Musik: Markus Reschtnefki
Dramaturgie: Beret Evensen
Licht: Olaf Rumberg
Besetzung:
Barbara ... Cathleen Baumann
Mario ... Raphael Rubino
Sara ... Karina Plachetka
Paul ... Thomas Eisen
Anna ... Cathleen Baumann
Heimatchor ... Kathrin Baumgart, Johannes Döring, Maria Geringer, Marina Hänel, Marie Hänsel, Bertolt List, Wolfgang Narz, Bernd Oppermann, Wolfgang Rabisch, Emanuel Reichelt, Jana Sperling, Claudia Weltz und Sigrid Woehl
Uraufführung am Konzert Theater Bern war am 8. Februar 2014
Dresdner Premiere: 13. 9. 2014
Weitere Termine: 23. 9. / 15. + 23. 10. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de


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