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Premierenkritik

SHAKESPEARE und PARTNER spielen Wie es euch gefällt beim Sommertheater in der Klosterruine am Alex



2014er Sommertheater-Plakat von (C) SHAKESPEARE und PARTNER

Bewertung:    



Nachdem SHAKESPEARE und PARTNER Ende Juli das Sommertheater am Alex mit der Komödie der Irrungen eröffneten, hatte nunmehr Wie es euch gefällt in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche Premiere.

Shakespeares Komödie aus dem Jahre 1600 liegt der kurz zuvor erschienene Roman Rosalinde von Thomas Lodge zugrunde. Aus diesen und noch anderen ungeklärten urheberechtlichen Problemen fand das Stück erst 1623 Einzug in den Kanon der Werke Shakespeares. Was dem Erfolg dieser Liebeskomödie über die Jahrhunderte keinen Abbruch tat. Ähnlich wie in der ein Jahr später entstandenen Komödie Was ihr wollt spielt Shakespeare hier lustvoll mit den Gefühlen und Geschlechter-Identitäten seiner Protagonisten.

Bei den Geschlechter-Verkehrungen in der gewohnten Rollenausrichtung haben SHAKESPEARE und PARTNER natürlich auch so ihre Erfahrungen. Den großen Spaß an den Liebesverwirrnissen versucht man hier noch dadurch zu steigern, dass die Frauenrollen von den Männern und die männlichen Parts von den Frauen des Ensembles gespielt werden. Dass das von besonderem Witz sein kann, hat vor ein paar Jahren bereits Katharina Thalbach bewiesen, als sie alle Rollen im Stück mit Schauspielerinnen besetzte und damit die Tradition der Darstellung in England zu Zeiten Shakespeares einfach umdrehte.

Die Geschichte um zwei verfeindeter Herzöge, in der Liebe und Hass, Zuneigung und Verrat dicht beieinander liegen, soll in der Inszenierung von Andreas Erfurth nun also zu einem ganz speziellen Bühnenvergnügen werden. Die Mauern der alten Klosterruine bieten dafür die beste Kulisse. Dabei wird auf einem kleinen Podest wie schon bei den Irrungen ohne aufwendiges Bühnenbild gespielt. Den Ort gibt Shakespeare auch nicht näher an. Wir befinden uns zunächst am Hofe des Herzogs Frederick, einem finsteren Usurpators, der seinen Bruder Herzog Ferdinand in den Ardenner Wald verbannt hat. Der Witz dabei ist, dass Regine Gisbertz (neu im Ensemble) beide Parts übernommen hat und dies mit ausgesprochen großem Talent zur schnellen Wandlung meistert.

Wir begegnen aber noch einem anderen sich feindlich gesinntem Bruderpaar. Der älteste Sohn des verstorbenen Sir Rowland de Boys, Oliver (ein weiteres Mal die vielbeschäftigte Regine Gisbertz) hat den jüngsten Sohn Orlando (Jillian Anthony) ebenfalls um das Erbe des Vaters gebracht. Der mittlere Sohn Jakob ist aus Gründen der Übersichtlichkeit gestrichen. Oliver sinnt seinem recht ungestümen jüngeren Bruder nach dem Leben und hetzt ihn in einen Kampf mit dem hünenhaften Ringer Charles (Rike Joinig als finsterer Huckepack-Wrestler im Kapuzenmantel), den Orlando aber wider Erwarten aus den Stiefeln haut. Das imponiert den beiden höfischen Grazien und Cousinen Rosalind und Celia dermaßen, dass sich Rosalind, Tochter des verbannten Herzogs Ferdinand, Hals über Kopf in den jungen Recken verliebt. Nachdem Herzog Frederick, Vater der Celia, Orlando und die Tochter des alten Widersachers jeweils nacheinander ebenfalls in den finsteren Wald verbannt, beginnt das lustige Bäumchen-wechsle-dich-Spiel mit den verliebten Paaren und Geschlechtern zauberhafte Blüten zu schlagen.

Die Cousinen folgen nämlich Orlando, ohne zunächst von ihm zu wissen, in den Ardenner Wald. In der Rolle der Rosalind erleben wir den Schauspieler Saro Emrize, der nun aus seiner Frauenrolle in die Rolle einer Frau, die einen Mann spielen muss, switcht und sich kurzer Hand MC Ganymed nennt. Alles klar? Kai Frederic Schrickel als Celia darf sein Bühnengeschlecht und Röckchen behalten und bekommt als AlienA nur eine lustige Sonnenbrille und einen Rollkoffer als Touri-Verkleidung. Girls Just Want to Have Fun nach Cindy Lauper, und so begegnen die beiden getürmten großstädtischen Girlies im Ardenner Wald, der, mangels echter Bäume, mit ein paar Luftballons gekennzeichnet ist, noch weiteren schrägen Gestalten. Eine davon haben sie höchstselbst mitgebracht, den Hofnarren Grapschtein (auch Touchstone oder schlicht zu deutsch: "Probierstein"). Rike Joinig gibt den Witzkerl gerufenen Spaßvogel, der nicht auf den Mund gefallen ist, ganz szenemäßig mit bunter Punkfrisur.

Musik spielt neben Liebeslust und -frust in Shakespeares Komödie ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle. Vor allem die bereits im Walde befindlichen Protagonisten, die es sich hier fern der Zivilisation in ihrer kleinen, netten Weltflucht bequem gemacht haben, geben einiges zum Besten. So der gute Herzog Ferdinand als John-Lennon-Verschnitt zur Gitarre. Seine Gefühlswallungen muss er sich in einem Zuber mit Eiswürfeln wieder runterkühlen. Der melancholische Edelmann Jaques (Dierk Prawdzik hier als Zwitterwesen Jacky) singt "In einem Kühlen Grunde" oder gibt auch mal Elvis the Pelvis. Er streut immer wieder Tiefsinniges z.B. zu den 7 Mannesaltern ein und philosophiert übers Reifen und Rotten mit einer Biogurke in der Hand. Von Jacky kommt auch das Motto des Abend: "Alle Welt ist nichts als Bühne." Männer und Frauen sind für ihn bloße Spieler mit mehr als einer Rolle. Was hier auch trefflich vorgeführt wird.

Schon Shakespeare machte sich mit seinem Stück über die vorherrschende Verklärung der Natur als Schäferidyll weidlich lustig. Und auch in der Klosterruine ist der Ardenner Wald voller wunderlicher Randexistenzen und verliebter Trottel wie Schäfer Silvius (Rike Joinig als depperter Müllsammler) und Bauerntölpel Wilhelm (Jillian Anthony) sowie liebreizender Waldfeen, die da Phoebe und Traute heißen (beide Sebastian Bischoff). Und nun wird heftig über Kreuz begehrt, dass es selbst den Narren graust. Das eigentlich füreinander bestimmte Traumpaar Rosalind und Orlando macht sich dabei zusätzlich noch mit einem Spiel das Leben schwer. Zur Klärung der Frage: "Ist Liebe heilbar?" muss der verhinderte Graffiti-Künstler (I spray for you) und "Blankversmetzger" Orlando wiederholt bei Ganymed um die Liebe seiner Angebeteten werben. Was letztlich beide in einige Gefühlsverwirrungen stürzt. Liebe säuseln die Blätter oder Listen to Shakespeare.

Dass bei diesem wirren Gewusel doch noch jeder Topf seinen Deckel bekommt, grenzt an ein Wunder, sogar der böse Bruder Oliver entdeckt schließlich sein Herz für Cilia, was einer wundersamen Wendung der Geschichte mit einem Löwen und einer Schlange zu danken ist. Das Ganze führt in eins der typisch ausufernden Shakespeare-Happy-Ends mit Vierfach-Hochzeit. An diesem Abend wird natürlich auch ungeniert die Lizenz zum Blödeln ausgeben. Und dafür ist bekanntlich kein Kalauer zu flach. Aus Orlando wird schon mal Zalando, und der obligatorische Griff in den Schritt darf auch nicht fehlen. So schließt das Stück dann ganz passend mit dem weisen, für Männer wie Frauen gleichlautenden Ratschlag des Epilogs: Wie es euch gefällt.

Zu bemerken wäre noch, dass Musikerin Bettina Koch selbstgehäkelte Conchita-Wurst-Bärte zum Verkauf anbot, die, merkwürdiger Weise, leider nur beim weiblichen Publikum reißenden Absatz fanden. Da muss man wohl noch einiges an Überzeugungsarbeit bei der holden Männlichkeit leisten.



Schlussbeifall nach Wie es euch gefällt mit SHAKESPEARE und PARTNER in der Klosterruine am Alex - Foto (C) Stefan Bock



Stefan Bock - 8. August 2014
ID 8004
WIE ES EUCH GEFÄLLT (Ruine der Franziskaner-Klosterkirche, 06.08.2014)
Regie: Andreas Erfurth
Ausstattung: Ulrike Eisenreich
Piano: Bettina Koch
Mit: Jillian Anthony, Regina Gisbertz, Rike Joeinig, Sebastian Bischoff, Saro Emirze, Dierk Prawdzik und Kai Frederic Schrickel
Premiere war am 6. August 2014
Weitere Termine: 7., 15. - 17. 8. sowie 13. 8. (Burgfestspielen Dreieichenhain in Dreieich/Hessen) und 26. - 29. 8. 2014 (Schirrhof Potsdam)


Weitere Infos siehe auch: http://www.shakespeareundpartner.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de




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