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Premierenkritik

10. April 2014 - Neues Theater Halle

WARTEN AUF GODOT

von Samuel Beckett



Kein Godot, nirgends


Unter der Regie von Matthias Brenner läuft gerade ein Klassiker am Neuen Theater Halle: Samuel Becketts Warten auf Godot. Brenner sieht die Verpflichtung der Fernseh-Kommissare Wolfgang Winkler (Estragon) und Jaecki Schwarz (Lucky) als Coup. Mit (Lokal)- Prominenz und dank des Weltliteraturstoffes gelingt ein Kommentar zur Sparpolitik in Sachsen-Anhalt.

*

Das Warten. Diese passive Tätigkeit kann durchaus positiv verstanden werden. Die deutschsprachige Punk-Band „Fehlfarben“ hat es gar dem hektischen Getümmel entgegengesetzt und selbstbewusst als Stärke, als befreienden Mut zum Müßiggang, behauptet: „Wir warten / Wir warten / Ihr habt die Uhr / Wir die Zeit.“ Genau hier setzt die Inszenierung des Intendanten und Regisseurs Matthias Brenner an. Im Nacken die Sparpolitik des Landes, erläuterte er eine halbe Stunde vor Beginn: „Bedenken Sie, meine Damen und Herren, das Licht am Ende des Tunnels könnte ein entgegenkommender Zug sein.“ Zu lange und zu viel darf nicht gewartet werden. Und kommt Godot, immer noch ein Symbol für eine gelungene Identität oder für himmlische Zustände, überhaupt irgendwann? Oder braucht es dem gar nicht, wenn sich nur gehörig bewegt und eben nicht gewartet wird?

Brenner lässt Wolfgang Winkler und Jaecki Schwarz auf die alten Granden des Neuen Theaters, auf Reinhard Straube (Wladimir), Hilmar Eichhorn (Pozzo) und Alex Gärtner treffen. Mehr lokale Identität geht nicht. Und zeitgleich signalisiert diese Besetzung ein solides Theaterwerkhandwerk, das mit klassischen Mitteln in die weite Welt zeigt. Ein minimalistisches Spiel, ganz entlang des Textes, wird ausdrucksstark geboten. Brenner erklärte im stolzen Bewusstsein eines historischen Goldrandabends, die zumeist ältere Generation lauschte gespannt: „In Halle hat man bislang auf so ziemlich alles gewartet. Nur, von kleineren Inszenierungen abgesehen, fast nie auf Godot.“ Trotz aller Geistigkeit wolle man nicht langweilen. Der Stil der alten Schule, deutlich in Abgrenzung zu den heutigen Theatermitteln, nimmt sich ernst. Er will noch etwas sagen. Und das mit Nachdruck.

In der Inszenierung liegt der Fokus dann auch auf der Sprache, auf dem Rhythmus. Das spärliche Bühnenbild tut das Übrige. Manchmal, zwischen all der Clownerie, ist der über alles liegende Sinnverlust fast körperlich spürbar, atmet die Inszenierung atmosphärische Dichte. Da stehen dann die drei Felsen inmitten des braunen Kiesels, wechselt das Licht, funkelt der Mond am Himmel, ziehen die Wolken eintönig vorüber. Der Kreislauf der Natur soll monoton und zwingend sein, ganz so, wie der ewige Konflikt zwischen Arm und Reich. Ein Ende desselben ist nur möglich, wenn Godot kommt. Und auf den warten die Landstreicher Wladimir und Estragon, Straube und Winkler spielen sie mit Bierruhe und schelmischer Spitzbübigkeit. Früher, in ihrer Jugend, waren sie noch bürgerlich. Jetzt verharren sie im Stillstand, haben ihr Recht verschleudert, warten auf die Erlösung, ihnen bleibt nur noch Schabernack: „Ich bin mein ganzes Leben lang im Dreck rumgekrochen, da soll ich Nuancen sehen?/ Die Welt ist voll von unseren Schreien. / Nur wir, wir ändern uns nie.“ Entschließen sie sich zu handeln, bleiben sie einfach stehen. Und Godot kommt einfach nicht, nicht heute und nicht morgen.

Derweil stapft Hilmar Eichhorn vorbei, spielt mit praller farbiger Wucht den Typus des Großgrundbesitzers und gibt Anweisungen an den Knecht: „Denke, du Schwein!“ Mal knallt er mit der Peitsche, beim Fressen fallen ihm die Augen aus dem Kopf, genüsslich werden die Füße ausgestreckt. Selbstgefälligkeit aus Prinzip: „Eben sagten sie noch 'Mein Herr', nun haben sie schon Fragen, das wird übel enden.“ Dann leidet er wieder unter seiner Abhängigkeit, ohne die Anerkennung der Anderen ist er nichts. Der Diener Lucky, auch als Typus erkennbar, atmet schwer, steht schräg verdeppert. Hinter den dicken Brillengläsern verschwimmt die Würde, schwere Schläuche hängen um den Hals. Hat er auf Befehl gedacht, wird er zur Strafe niedergeknüppelt.

Mittendrin steht der Wunsch nach Sinn. Die fehlenden Zeit- und Ortsangaben sollen den Ewigkeitswert kitzeln, die Handlung entwickelt sich nicht. Nur noch das Begehren nach der Erlösung, nur noch die unerfüllte Dauerschlaufe der Hoffnung hält den Suizid fern. Gesetzmäßigkeiten und Stillstand werden im Kleinen dargestellt und sollen dennoch die große Weltordnung charakterisieren: „Der Tag erglänzt für einen Augenblick, dann kommt von Neuem die Nacht!“ Was war? Was ist? Was folgt? Brutale Sinnlosigkeiten als ewiger Kreislauf? Mit Spielereien die Zeit vertreiben? Der bloße Bittsteller-Modus der Landstreicher kommt nicht vom Fleck, der Klassiker des Absurden Theaters soll auf die Gegenwart bezogen sein. Hier kann das Warten keine Option sein. Godot ist nicht da. Und wird niemals von allein kommen. Brenner hat der Stadt mithilfe der Weltliteratur und der älteren (Lokal)-Prominenz eine Botschaft gegeben. Auch das im klassischen Stile. Das Warten kann auch eine passive Trägheit sein und muss zwingend überwunden werden. Und wenn Godot niemals kommt, kann man sich wenigstens bewegen.



Warten mit lokaler Starbesetzung: Hilmar Eichhorn (vorne), Reinhard Straube und Wolfgang Winkler - Foto (C) Hardy Mako


Bewertung:    

Mathias Schulze - 26. April 2014
ID 7775
WARTEN AUF GODOT (Neues Theater, 10.04.2014)
Inszenierung: Matthias Brenner
Bühne: Jens Richter
Kostüme: Claudia Hoppe
Licht: Rolf Rabitz
Dramaturgie: Claudia Remus
Besetzung:
Wladimir ... Reinhard Straube
Lucky ... Jaecki Schwarz
Estragon ... Wolfgang Winkler
Pozzo ... Hilmar Eichhorn
Ein Junge ... Axel Gärtner
Premiere war am 10. April 2014
Weitere Termine: 22., 23. 4. / 3. 5. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://buehnen-halle.de/


Post an Mathias Schulze

journalist-schulze.de



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