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Berliner Premiere

Odysseus als Godot

WAITING FOR THE RAIN


Bewertung:    



Wie die blonde, hochgewachsene Frau (Aleksandra Adamska) sich dort auf der Bühne mit ruckartigen Strichen die Haare bürstet, könnte sie glatt als moderne Loreley durchgehen – oder auch als Amazone, sind ihr militärgrünes Kleid und die stoffumwickelten Knie doch so gar nicht weiblich-adrett. Tatsächlich aber soll es sich hier um die Penelope aus Homers Odyssee handeln, wie uns das Programmblatt verrät. Der polnische Regisseur Krystian Kobyłka und das Opolski Teatr Lalki i Aktora bringen mit Waiting for the Rain nun eine der vier großen Bühnenproduktionen des internationalen Kooperationsprojekts „Meeting the Odyssey: an Adventure Beyond Arts, Myths and Everyday Life in Europe“ an die Spree. Künstler aus ganz Europa sind an diesem Projekt beteiligt, das mit seinen Segelschiffen von 2014 bis 2016 durch ganz Europa tourt und dabei in 11 Ländern Station macht.

Die Macher der „Odyssee 2.0“ wollen den großen Topoi der antiken Mythologie im Alltagsleben der Europäer von heute nachspüren. In Waiting for the Rain vereint man antikes Drama so furios mit moderner Ästhetik, dass an dem Gelingen dieses Vorhabens kein Zweifel gehegt werden muss. Auf Sprechtext wird weitgehend verzichtet, wenn Penelopes langes Harren auf den Gatten Odysseus in einer einstündigen Performance thematisiert wird. Stattdessen sollen Schauspiel, Tanz, Gesang und Instrumentalmusik Penelopes Warte- und Leidenszeit bebildern und vertonen.

Zweifellos geht dieses Konzept auf: Denn die zu Beginn noch stolz einherschreitende Penelope leidet trotz der Männerschar, die sie umgibt, an einer für das Publikum fast physisch spürbaren Einsamkeit. Die einzigen weiblichen Figuren, die ihr Identifikationsfläche bieten oder auch eine weibliche Konkurrenz im Werben um einen Liebhaber darstellen könnten, sind leblos. Es sind eigentümliche Frauengestalten, mehr Glieder- als Schaufensterpuppen, wenig vertrauenerweckend mit ihren aufgerissenen Mündern und hohlen Augen. Zudem sitzt dort, wo ihr Magen sein sollte, ein Lautsprecher. Hier erklingen die Stimmen, die Penelopes Agonie lakonisch kommentieren: so sieht ein moderner griechischer Chor aus.

An der Interaktion mit diesen Puppen zeigt sich auch die wahre Natur der fünf Männer, die vor Penelope anfangs noch den Hut ziehen und sie wortwörtlich auf Händen tragen. Bald kommt hinter der Fassade von Galanterie die animalische Grobheit ihrer Verehrer zum Vorschein, denn sie umgarnen die Puppen lediglich, um sie wenig später anzuschreien und von ihnen mit physischer Gewalt Besitz zu ergreifen. Penelope hält dies nicht davon ab, alle Liebhaber der Reihe nach in ihr Bett zu lassen, für das die zentrale Vorrichtung des Stückes erneut zum Einsatz kommt: eine mobile Holzwand, die gekippt zur rollbaren Bühne umfunktioniert wird. Die in Kakophonie mündende Begleitmusik der Liebesszene kündigt an, dass die Protagonistin spätestens hier seelischen Bankrott und Entmenschlichung erlebt. Während Penelope mit zerfetztem Kleid und verschmierter Schminke ihren Schmerz heraussingt, werfen sich die Männer, sie im Laufschritt umkreisend, den Kopf einer Puppe zu, die sie zuvor mit zärtlicher Sorgfalt in ihre Bestandteile zerlegt haben. Was es bedeutet, mit den Gefühlen einer Person zu spielen, lässt sich dramaturgisch kaum treffender erfassen.

Der Penelope, mehr Puppe als Mensch, begegnet ihr Odysseus nur als Schimäre, als Projektion einer Nachtvision, die jeder Greifbarkeit und Körperlichkeit entbehrt. Aufgelöst wird die zuvor zum Zerreißen gespannte Atmosphäre in einer berückend schönen und intelligent choreographierten Schlussszene. Ob Penelopes körperlich wie emotional peinvolles Warten nun tatsächlich mit der Ankunft ihres Mannes belohnt wird, ist am Ende fast schon nicht mehr von Belang.

Lobend erwähnt werden muss neben der stimmlich wie tänzerisch überzeugenden Aleksandra Adamska vor allem auch Sambor Dudziński, der nicht nur als Multiinstrumentalist und Sänger in Erscheinung tritt, sondern ebenfalls das Mischpult bedient und für Soundeffekte verantwortlich zeichnet. Nicht zuletzt ist es auch der Zusammenarbeit mit dem Berliner Per Aspera-Team zu verdanken, dass die atmosphärisch dichte Performance den richtigen Rahmen bekommen hat. Das ehemalige Stummfilmtheater Delphi in Berlin-Weißensee ist als Spielort schon allein deshalb die richtige Wahl, weil es eine ausgezeichnete Akustik bietet und mit der kargen Schönheit seines Gewölbes eine ideale Kulisse darstellt – insbesondere aber, weil es Geschichte atmet.

Erlebenswert.




Foto (C) Per Aspera | Bildquelle: Meeting the Odyssey - Waiting for the Rain (auf Facebook)



Jaleh Ojan - 19. Juli 2014
ID 7968
WAITING FOR THE RAIN (Ehemaliges Stummfilmkino Delphi, 17.07.2014)
Regie: Krystian Kobyłka
Puppen, Kostüme, Design: Eva Farkašová
Skript: Zbigniew Bitka und Krystian Kobyłka
Musik: Sambor Dudziński
Choreografie: Jacek Gębura
Ton: Kristian Ekholm
Licht: Andrea Violato
Mit: Aleksandra Adamska (als Penelope) sowie Sambor Dudziński, Marco Ferro, Hugo Giordano, Miłosz Konieczny, Nikos Sevastopoulos und Marek Zimakiewicz
Premiere in Opole war am 5. Juli 2014
Berliner Premiere: 17. 7. 2014
Weiterer Termin: 19. 7. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.meetingtheodyssey.eu


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