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Premierenkritik

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in the wind



Ein Volksfeind am Staatsschauspiel Dresden | Foto (C) Matthias Horn

Bewertung:    



Ja, gut, regiehandwerklich war da schon „viel Schönes dabei“, insbesondere die Video-Bildführung wirkte durchdacht und war effektvoll, ein paar hübsche Ideen gab es auch. Gespielt wurde es zudem annehmbar, größtenteils, wenn denn etwas zu spielen war zwischen den Posen.

Dennoch will ich die Inszenierung als misslungen bezeichnen, was in dieser Absolutheit natürlich übertrieben ist, aber mit den Nuancen war es ohnehin nicht weit her an diesem Abend. Das ist aber nicht der Grund für den Verriss, man kann auch ohne Nuancen Theater machen. Es ist dann halt nur nicht so interessant.

Das Problem war eher, dass der gute alte Ibsen halt nicht mehr funktioniert, wenn man ihn seines Kernkonflikts beraubt. Und in diesem Stück ist das halt die materielle Abhängigkeit des Familienvaters und Badearztes Tomas Stockmann von seinem Arbeitgeber mit dem dunklen Geheimnis. Wenn man den zum Studenten bzw. zum kleinen Angestellten macht (so richtig war sich der Regisseur wohl auch nicht sicher), der nerdig auch überall anders in sein Notebook hacken könnte, wo es W-LAN und Milchkaffee gibt, fragt man sich unwillkürlich, was er denn zu verlieren hat außer der Gunst seines großen Bruders (Sebastian Pass im gelben Anzug und gewohnt schmierig). Alexander Angeletta als Tomas fiel da offenbar auch nichts weiter ein, er wirkte eher wie vom FDP-Nachwuchs als von den Feinden des Volkes.

Zupackender waren da schon Loris Kubeng und Alexandra Sinelnikowa als „Aktivisten“ (was immer das konkret sein mag – mein Vater ist bzw. war übrigens auch einer, zweimalig, und damals gab es sogar Geld und Urkunde dafür), die durften auch mal rumbrüllen und revolutionär durchs Parkett klettern, dort, wo die Anrechtler sitzen. Davon brennt allerdings noch keine EZB, der Protest wirkte arg abwaschbar. Ben Daniel Jöhnk hingegen schien durchgängig unterfordert bzw. überqualifiziert für das bisschen Rolle, was ihm zugedacht war.

Besonders bejammernswert aus dramaturgischer Sicht war jedoch eine der mutmaßlichen Schlüsselszenen der Štormanschen Stückbearbeitung, die vermutlich nur deshalb als „von Ibsen“ durchging, weil in dessem Falle kein Wächterrat wie bei den Hauptmanns und Brechtweigels mehr Zugriff hat: Die Beendigung der Pressefreiheit aus Gründen der Kleinstadtraison. So stellt sich das Lutzchen Flachmann vermutlich vor mit der Lügenpresse: Ein oberer Stadtrat marschiert ein in die Redaktion, lässt ein paar Zahlen fallen, und prompt kuscht die korrupte Bande. Die war übrigens auch nicht zu beneiden um die Rollen, Laina Schwarz und vor allem Christian Clauß haben deutlich Bemerkenswerteres in Dresden zu spielen gehabt, immerhin durfte Letzterer auf der Bühne Gabelstapler fahren und mit seinem Brustmuskel die heilige Marianne der französischen Revolution persiflieren, für mich die schönste Szene des Abends.

Unausgegoren und konzeptlos gab es dann noch eine abschließende Zitateschlacht im theatralen Wald, von identitären Sprüchen bis zur bedenkenswerten Bemerkung, dass der ganze Schlamassel angefangen habe mit dem Ersten, der einen Zaun um ein Stück Land gezogen und dies zu seinem Eigentum erklärt habe (bzw. mit den Deppen, die das akzeptierten). Dann noch ein massiver Polizeieinsatz, fürchterlich übertrieben wie meistens in Sachsen, was aber die Bühne immerhin gut füllte zum Schlussapplaus, der für meinen Geschmack deutlich zu lange dauerte. Die großen Fragen z.B. nach der Verantwortung bei der Verbreitung der vielen Wahrheiten von heute wurden im Programmheft zwar gestellt, aber auf der Bühne kaum verhandelt, vom Beantworten ganz zu schweigen.

Am Ende sitzt der verhinderte Held alleine in einer Art Gartenlaubenbüro und hackt versunken in seinen Mac, kein Milchkaffee ist zu sehen. Aber W-LAN wird er wohl haben.

Recht großes Kino, eher kleines Theater – eine gültige Übertragung des Ibsen-Stoffes vom unbequemen Wissen in die Gegenwart steht noch aus.



Ein Volksfeind am Staatsschauspiel Dresden | Foto (C) Matthias Horn

Sandro Zimmermann - 1. Mai 2017
ID 9998
EIN VOLKSFEIND (Schauspielhaus, 29.04.2017)
Regie: Marco Štorman
Bühne: Frauke Löffel
Kostüme: Sara Schwartz
Musik: Gordian Gleiss
Video: Bert Zander
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Lucie Ortmann
Besetzung:
DIE AKTIVISTEN ... Alexander Angeletta, Loris Kubeng und Alexandra Sinelnikova
DIE OPPORTUNISTEN ... Christian Clauß und Laina Schwarz
DIE KAPITALISTEN ... Sebastian Pass und Ben Daniel Jöhnk
DIE POLIZISTEN ... Marlene Braun, Alexandra Herrmann, Dominik Jarmer, Stefanie Köhler, Tina Lohse, Milena Müller, Ivanglo Petzov, Andreas Reppert, Christian Rokahr, Jörg Schwerdtfeger, Isaac Spencer, Anja Szebenyi, Dawtjan Wardkes und Robert Weisemann
Premiere am Staatsschauspiel Dresden: 29. April 2017
Weitere Termine: 02., 08., 16., 27.05. / 01.06.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Post an Sandro Zimmermann

teichelmauke.me



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