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Premierenkritik

Generations-

stück



Bewertung:    



Im Gegensatz zu Fjodor Dostojewskij und Leo Tolstoi wird Iwan Turgenjew als der realistischere und am ehesten westlich orientierte unter den russischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Er gilt aber auch als einer der poetischsten. Seinen Roman Väter und Söhne zählte Thomas Mann zu den sechs Büchern, die er auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Und Kollege Anton Tschechow fand ihn „einfach genial“. Turgenjew prägte in diesem bedeutenden russischen Gesellschafts- und Generationenpanorama, das 1962 kurz vor der Beseitigung der Leibeigenschaft erschien, den Begriff des „Nihilismus“, der sich in die literarische und politische Geschichte Russlands einschreiben sollte.

„Ein Nihilist ist ein Mensch, der sich vor keiner Autorität beugt, der kein einziges Prinzip auf guten Glauben hin annimmt!“ heiß es im Roman, für dessen Hauptfigur Jewgenij Basarow, einem Medizinstudenten und radikalen Idealisten, weder Kunst und Poesie noch der Glauben oder die liberalen Ansichten der trägen Vätergeneration etwas zählen. In dem jungen Studenten Arkadij Kirsanow hat er einen glühenden Bewunderer. In mehreren Episoden, die in den Elternhäusern der beiden jungen Männer spielen, beschreibt der Roman die politische Auseinandersetzung der Söhne mit ihren Vätern, die letztendlich aber ohne Sieger bleibt. Nicht nur die alte Gesellschaft, auch der „neue Mensch“ Basarow scheitert. „Russland braucht mich? Nein, offenbar doch nicht. Wen braucht man denn schon?“ fragt der sterbende Basarow, der sich fahrlässig bei einer Obduktion mit Typhus angesteckt hat.

Was den kühlen Wissenschaftler und Denker Basarow aber letztendlich aus der Bahn wirft, ist nicht nur die starre noch weitestgehend feudalistisch denkende russische Gesellschaft, sondern vor allem seine unglückliche Liebe zur verwitweten Großgrundbesitzerin Anna Odinzowa. In zweiter Ebene ist Turgeniews Roman nämlich auch großes Sitten- und Standesportrait. Die Beziehung des jungen Arztes zu einer Dame aus höherem Hause ist zu jener Zeit noch undenkbar, selbst wenn Arkadij Kirsanows Vater am Ende seine Liebschaft mit der Hausmagd Fenitschka ehelich legitimiert. Es bleibt bei Reförmchen, einem ewigen Herumdoktern am Symptom.


*


Die Bühnenfassung des im Oktober verstorbenen irischen Dramatikers Brian Frierl dient nicht zum ersten Mal als Vorlage für eine Theaterinszenierung. Die deutsche Erstaufführung besorgte 1998 Stephan Kimmig im Maxim Gorki Theater. Am Deutschen Theater Berlin hat nun die Regisseurin Daniela Löffner eine Neubearbeitung auf die Bühne der Kammerspiele gebracht. Sie ist ihr recht locker und leicht geraten, was das Ganze mit immerhin vier Stunden aber nicht gerade zum Leichtgewicht macht. Das Publikum sitzt mal wieder auf und vor der Bühne, die mit Holzplanken abgedeckt ist. Allerlei Gestühl und Tische ergänzen das sommerliche Landgutambiente bei den Kirsanows. Man wartet auf die Ankunft des Sohnes Arkadij aus Sankt Petersburg, der seinen Freund Jewgenij Bazarow mitbringt, was zum Auslöser für die besagten Generationenkämpfe vor allem mit dem Schöngeist und Dandy Pawel Kirsanow, dem Onkel von Arkadij, wird.

Die beiden bekennenden Nihilisten Arkadij (Marcel Kohler) und Jewgenij (Alexander Khuon) tragen ein existentialistisches Paint-It-Black, während die übrigen Charaktere alltäglich normal und zeitlos gekleidet sind. Wer nicht spielen muss, sitzt am Rand der Bühne im Publikum. Auch bei der Figurenzeichnung macht Daniela Löffner ziemlich klare Unterschiede. Die alte Welt auf dem Lande gibt sich gemütlich und gesprächig, oder in den Augen Jewgenij Basarows einfach nur lächerlich sentimental. Sie neigen dabei fast schon zur komischen Karikatur, wie etwa Onkel Pawel (Oliver Stokowski), genannt die „Duftwolke“, der im feinen Anzug auch immer einen Parfümzerstäuber wie eine Abwehrwaffe mit sich führt. Besonders ihm gilt Bazarows Ablehnung. Er bezeichnet Pawel als einen degenerierten Lackaffen und lebenden Anachronismus. Allerdings geraten die beiden dann nicht im philosophischen Duell aneinander, sondern ganz althergebracht wegen der Frauen.

Alexander Khuons Bazarow wirkt hier eher wie ein verstockter Flegel, als dass er seiner Goldmedaille in Rhetorik alle Ehre machen würde. An einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Zielen der Nihilisten scheint schon Turgenjew wenig gelegen zu haben. Angesichts dessen, wohin Nietzsches Weiterentwicklung des Nihilismus-Begriffs geführt hat, ist er dann heute vermutlich auch nur noch obsolet. So verlegt sich die Inszenierung immer mehr dahin, die anderen Figuren umso liebeswerter aussehen zu lassen, dass man sich irgendwann fragt, was diese netten, Mozarts "Reich mir die Hand, mein Leben" singenden Leute dem dauergereizten Stinkstiefel Bazarow eigentlich getan haben.

Die Gefühlsverwirrungen sind dennoch riesig und greifen fröhlich linkisch um sich. Das gilt für die ihre Unsicherheiten wortreich wegredenden Eltern Basarows (Katrin Klein und Bernd Stempel) genauso wie für die junge und schöne Witwe Anna Odinzowa (Franziska Machens) oder selbst den superverständigen Vater von Arkadij, Fjodor Kirsanow (Helmut Mooshammer), der weder mit seinem Gut und den aufmüpfigen Angestellten noch mit seiner Liebe zur taffen Magd Fenitschka (Lisa Hrdina) klar kommt. Niemand kann hier wirklich über seinen Schatten springen, oder dem anderen seine Liebe gestehen. Das führt für den, wegen der ihn plötzlich ereilenden romantischen Gefühlswallungen seine Ideale drangebenden Bazarow schließlich in die Katastrophe.

Als Gegenentwurf dient die zart aufkeimende Liebe zwischen Arkadij und der jüngeren Schwester Annas, Katja (Kathleen Morgeneyer). Hier hat die Inszenierung ihre schönsten Momente. Am Ende gerät das Ganze in einer langen Abschiedsfeier an großer Tafel dann aber gänzlich zur melancholisch angehauchten Tschechow-Komödie. Halb Vaudeville, halb Einfühlung wie noch zu Peter Steins Schaubühnenzeiten. Allerdings hat noch niemand so schön "Big Science" von Laurie Anderson im Theater gesungen wie Kathleen Morgeneyer und Marcel Kohler. Mindestens dafür und in Anbetracht der letzten DT-Pleiten ist der lang anhaltende Premierenapplaus dann irgendwie auch gerechtfertigt.



Väter und Söhne am DT Berlin - Foto (C) Arno Declair

Stefan Bock - 14. Dezember 2015
ID 9037
VÄTER UND SOHNE (Kammerspiele, 12.12.2015)
Regie: Daniela Löffner
Bühne: Regina Lorenz-Schweer
Kostüme: Katja Strohschneider
Musikalische Einstudierung: Katharina Debus und Ingo Schröder
Dramaturgie: David Heiligers
Besetzung:
Hanna Hilsdorf... Dunjascha; Dienstmädchen bei den Kirsanows
Marcel Kohler... Arkadij Nikolajitsch Kirsanow; Student
Alexander Khuon... Jewgenij Wasiljew Bazarow; Student
Helmut Mooshammer... Nikolaj Petrowitsch Kirsanow; Arkadijs Vater, Gutsbesitzer
Oliver Stokowski... Pawel Petrowitsch Kirsanow; Arkadijs Onkel, pensionierter Offizier
Bernd Stempel... Wasilij Iwanowitsch Bazarow; Jewgenijs Vater, pensionierter Militärarzt
Katrin Klein... Arina Wlasjewna Bazarow; Jewgenijs Mutter
Lisa Hrdina... Fenitschka Fedosja Nikolajewna; Nikolajs Geliebte
Franziska Machens... Anna Sergejewna Odinzowa; verwitwete Gutsbesitzerin
Kathleen Morgeneyer... Katerina Sergejewna; Annas Schwester
Elke Petri... Fürstin Olga; Annas Tante
Hanna Hilsdorf... Dunjascha; Dienstmädchen bei den Kirsanows
Markwart Müller-Elmau... Prokofjitsch; Kammerdiener bei den Kirsanows
Benjamin Radjaipour... Pjotr; Diener bei den Kirsanows / Fedka; Aushilfsdiener bei den Bazarows
DT-Premiere war am 12. Dezember 2015
Weitere Termine: 17., 25. 12. 2015 / 2., 10., 11., 20. 1. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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