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Premierenkritik

Einsame

Spitzenleistung,

trotzdem einsam



Unterm Rad am Schauspiel Stuttgart I Foto © Julian Marbach

Bewertung:    



Stets begleiten uns diffuse, existentielle Ängste vor einem möglichen Scheitern – im Beruf, in der Familie, in der Schule. Hermann Hesses 1906 erschienene, bis heute aktuelle Erzählung Unterm Rad beschreibt, wie ein begabter Junge an den eigenen Ansprüchen, an denen seines Vaters und seiner Lehrer scheitert. Sie handelt vom Eingesperrtsein im rigiden Erziehungssystem, einem Gefängnis der Konventionen und des Leistungsdrucks.

In der Außenspielstätte Nord inszeniert nun Frank Abt zum Saisonschluss am Stuttgarter Schauspiel die Geschichte um Hans Giebenrath, der gewissermaßen unter die Räder kommt. Gespielt wird in einer oben offenen, schwarzen Zelle, deren Wände wie Schiefertafeln glänzen (Bühne: Michael Köpke). Es spritzt und platscht – der Bühnenboden wurde geflutet. Gleich fünf Schauspieler waten und wirbeln als Hans durch das Wasserbecken. Auch die vorderen Reihen im Publikum werden leicht nass – erfrischend bei den aktuellen Temperaturen. Festgelegte Rollen gibt es keine. Die Gesichter aller Darsteller sind weiß gefärbt, sie tragen Halskrausen, bräunlich gepunktete, weit fallende Clownshosen mit Hosenträgern, lustige Hüte und Schuhe (Kostüme: Anneliese Vanlaere). „O du lieber Augustin, alles ist hin“, diese Liedzeile aus Andersens Märchen Der Schweinhirt singt Hans in Unterm Rad vor seinem Freitod im heimatlichen Fluss. Als Dumme Augusts führen die fünf Darsteller nun zunächst clowneske Gesten oder Tricks vor.

Doch Schminke und Kostüme werden im Verlauf der Inszenierung in Mitleidenschaft gezogen. An die schiefergrauen Wände werden Kerzen, Formeln und Sternbilder gemalt. Jeder spielt einmal Hans und einmal die Obrigkeit. Matti Krause erzieht auch das Publikum einmal streng in der Rolle des Oberlehrers zu Gehorsam, Moral, Leistungswillen und Disziplin. Der Prosatext wird rezitiert, dann aufgeteilt vorgetragen, dann wieder chorisch gesprochen. Dialoge werden gespielt, oder es wird improvisiert. Die Inszenierung hat Längen, etwa auch wenn ein nervig quitschendes Blasinstrument zum Einsatz kommt. Ein Tau scheint einen Ausweg aus dem System zu bieten. An einem Seil in luftige Höhe auf die Bühnenwand geklettert, genießt Hans hier die Freiheit kurzzeitig und erhält vom freiheitsbegeisterten Hermann Heilner gar einen Zungenkuss. Neben der homosexuellen Begegnung wird auch der Tod eines Kameraden angedeutet. Es kann oft nur vermutet werden, wer gerade spricht. Aus dem Zusammenhang gerissene Sätze werden aneinandergereiht. „Fallen ist keine Schande, aber das Liegenbleiben“, sagt so der Vater mehrmals zu Hans. Anstatt nachzuerzählen, was Hans im Dorf, beim Landexamen, im Internat und zuletzt zuhause passiert und Gründe für das Scheitern des Jungen zu finden, überwiegen in Abts Inszenierung Leichtigkeit und Improvisationskunst. Die Distanz, die beim Publikum so zu den Figuren entsteht, verhindert ein Mitgefühl für Hans' schweres Schicksal in der Gesellschaft. Seine stärksten Momente hat Abts Inszenierung, wenn etwa vier der Darsteller in einer mündlichen Prüfungssituation machtbewusst einen aufgeregten Prüfling (hier: Florian Rummel) Leistungen abfragen, oder alle fünf Darsteller mimisch und gestisch zum Ausdruck bringen, dass sie sich erhaben über ihre Klassenkameraden fühlen. Zuletzt laufen die Figuren dann nur noch gegen Wände.

Insgesamt analysiert Abt weniger Hesses Vorlage nach den Gründen für das Scheitern eines talentierten und hoffnungsvollen jungen Menschen, sondern stellt Fragen nach Werten von Perfektionismus, Konkurrenz- und Leistungsdruck in unserer Gesellschaft. Er besetzt die Darsteller mit Vertretern unterschiedlicher Generationen - so agieren etwa neben dem jungen Schauspielschüler Christian Czeremnych ältere Ensemblegrößen wie Andreas Leupold und Sebastian Röhrle – und deutet so effektvoll an, dass ein Burn Out oder ein erschöpftes Verzweifeln an den beruflichen und privaten Herausforderungen heute in jedem Alter möglich sind.



Premierenapplaus nach in der Schauspielbühne Nord I Foto © Ansgar Skoda

Ansgar Skoda - 18. Juli 2015
ID 8768
UNTERM RAD (Nord, 11.07.2015)
Regie: Frank Abt
Bühne: Michael Köpke
Kostüme: Anneliese Vanlaere
Musik: Torsten Kindermann
Dramaturgie: Anna Haas
Mit: Christian Czeremnych, Matti Krause, Andreas Leupold, Sebastian Röhrle und Florian Rummel
Premiere am Schauspiel Stuttgart war am 11. Juli 2015
Weitere Termine: 1., 5., 7., 12. + 17. Oktober 2015


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



 

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