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Premierenkritik

Die Balzac-Trilogie der Berliner Volksbühne ist vollendet. Martin Wuttke führt Trompe l'amour nach Honoré de Balzac auf



Lange vor der Premiere schon konnte man darüber rätseln, was denn Schauspieler Martin Wuttke zur Balzac-Trilogie der Berliner Volksbühne beitragen würde. Es sollte wieder um Glanz und Elend der Kurtisanen gehen, den 1846 erschienenen 4teiligen Großroman des französischen Schriftstellers Honoré de Balzac, an dem er rund 13 Jahre gearbeitet hatte. Als Teil seines Mammut-Projekts der Comédie Humaine schuf Balzac hier ein detailliertes Zeit- und Sittengemälde der Pariser Gesellschaft aller Schichten. Der Titel Trompe l'amour spielt einerseits thematisch auf die im Roman beschriebene trügerische Welt der Liebe an und andererseits auf eine der Hauptfiguren, die durch mehrere Romane der Comédie Humaine hindurch immer wieder unter anderen Namen und Pseudonymen auftritt. Der entlaufene Sträfling Vautrin alias Jacques Collin alias Abbé Carlos Herrera, auch Trompe-la-Mort genannt, zieht geschickt im Hintergrund die Fäden, um mittels von ihm protegierten jungen Männern Einfluss in den höheren Pariser Kreisen zu erlangen.

Diesen geschickten Täuscher und Wanderer zwischen den Identitäten also wollte Martin Wuttke nun spielen, wie er noch kurz vor der Premiere in einem Interview dem Berliner Stadtmagazin zitty mitteilte. Daraus ist leider nichts geworden. Wuttkes Name ist in der Aufzählung der Darsteller im Programmheft überklebt, bei der Regie soll ihm Hausherr Frank Castorf helfend unter die Arme gegriffen haben. Der Wanderer zwischen den Theaterwelten Wien und Berlin fühlte sich der Doppel- bzw. Dreifachbelastung von andauernden Reisen, Schauspiel und Regie nicht mehr gewachsen. Es hätte seine Rolle werden können.

So sehen wir nun in der Volksbühne Schauspielkollegen Jean Chaize in einer Sparvariante des Abbé Herrera, das Textbuch immer in Griffweite. Gespart hat man auch am Bühnenbild, wie schon bei der Molière-Trilogie ist die Grundidee eines übergreifenden Gestaltungsmerkmals beibehalten worden. War es da ein hausähnliches Lattengerüst mit Vanitas-Motiv, hängt Bert Neumann hier nun wie bereits in Glanz und Elend der Kurtisanen (Regie: René Pollesch) und La Cousine Bette (Regie Frank Castorf) einen glitzernden Lamettavorhang an die Bühnenwände.

Zu Beginn wird eine Kutsche auf die Bühne gezogen, und es spult sich zunächst minutenlang der Handel des Bankiers Baron von Nucingen (Hendrik Arnst) um die Kurtisane Esther (Britta Hammelstein, letztes Jahr noch am Maxim Gorki Theater, nun Leihgabe des Residenztheaters München) ab. Nucingen will Liebe, und wer lieben will, muss hier erst mal zahlen. Er will die Katze nicht im Sack, bekommt aber gegen Aufgeld auch noch die Kammerzofe Eugenie (Jasna Fritzi Bauer, ein Mitbringsel Wuttkes vom Burgtheater) und die Köchin Asien (Jeanne Balibar, bereits als grandiose Cousine Bette bei Frank Castorf zu sehen) im Doppelpack dazu.

Es ist etwas schwer zu folgen, da Rollenzuschreibungen und Kostüme ständig wechseln. Wer den Roman nicht kennt, könnte hier leicht Probleme bekommen. So verdoppelt sich der Liebhaber Esthers, der aufstrebende Schriftsteller Lucien von Rubempré (Maximilian Brauer), auch mal, und Esther (nun von Jasna Fritzi Bauer dargestellt) switcht zwischen Maximilian Brauer und Franz Beil hin und her. Wuttke lässt viel im Halbdunkel spielen, so wie sich die gesamte zwielichtige Story Balzacs ja auch oft in der Halbwelt des Betrügers Vautrin und seiner weiblichen Gehilfen bewegt. Dazu gibt es auf drei Videoleinwänden Einblicke vom Bühnengeschehen dahinter. Typische Volksbühnenästhetik in Bild, Sprache und Gestik. Die Handschrift Frank Castorfs ist überdeutlich.

Lucien braucht Geld, um in die vermögenden Kreise der Pariser Gesellschaft einheiraten zu können. Abbé Herrera überredet daher Esther, den Baron von Nucingen auszunehmen, was dem Bankier auf Dauer ziemlich schwer auf die Verdauung schlägt. Das Komplott geht nicht auf. Esther bringt sich mit Gift selber um, noch bevor sie von ihrer großen Erbschaft erfährt. Der Verdacht fällt auf Lucien, der schließlich Abbé Herrera ans Messer liefert. Die Geheimpolizei ist ihm nun auf den Fersen. Noch einmal eine Pat-und-Patachon-Rolle für das männliche Gespann Maximilian Brauer und Franz Beil. Ansonsten wird auch so viel gekaspert und gekalauert.

Der Selbstmord Esthers bildet den Höhepunkt dieser doch deutlich unter dem gewohnten Volksbühnen-Niveau rangierenden Inszenierung. Britta Hammelstein steigt auf eine flux hereingefahrene Attrappenbühne, die den großen Pariser Gaumont Palace darstellt, und setzt zum großen nicht enden wollenden Abschiedsmonolog an. Daraufhin sieht auch Maximilian Brauer als Lucien keinen Grund mehr weiterzuspielen und legt sich daneben. Als dann noch Hendrik Arnst („Mir ist auch nicht gut“) auf der Bühne umkippt, ist die Farce perfekt. Die Launen einer Frau wirken sich auf einen ganzen Staat aus, wie es bei Balzac heißt. Das Kartenhaus aus Erpressung und Korruption in Adel, Bürgertum und Polizei bricht zusammen, und der saubere Abbé mutiert nun geläutert selbst zum Freund und Helfer.

Martin Wuttke wollte etwas über die Ökonomie der Gefühle und Trugbilder der Liebe erzählen, ein paar reingefummelte Fremdtexte sollen das verdeutlichen, aber das hatten René Pollesch und Frank Castorf vor ihm bereits ausführlichst erledigt. Wuttke hat sich also etwas verkalkuliert, das Spiel mit den vielen Identitäten ist auf ihn selbst zurückgeschlagen. Und so ist seine Inszenierung nicht mehr als ein Trompe-l 'œil, eine optische Täuschung, die Tiefe vorgibt und doch auch nur an der schönen, glitzernden Oberfläche kreist.


Bewertung:    
Stefan Bock - 27. April 2014
ID 7779
TROMPE L'AMOUR (Volksbühne Berlin, 24.04.2014)
Regie: Martin Wuttke
Bühne und Kostüme: Nina von Mechow
Grundraum: Bert Neumann
Licht: Lothar Baumgarte
Kamera: Andreas Deinert
Video: Jens Crull
Ton: Christopher von Nathusius
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Hendrik Arnst, Jeanne Balibar, Jasna Fritzi Bauer, Franz Beil, Maximilian Brauer, Jean Chaize und Britta Hammelstein
Premiere war am 24. April 2014
Weitere Termine: 27. 4. / 2. + 21. 5. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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