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Premierenkritik

Hilflos betäubt

im Container



Benjamin Berger als Benito und Daniel Breitfelder als Helmholz in Schöne neue Welt am Theater Bonn | © Thilo Beu

Bewertung:    



Welch gewagtes, enervierendes Mitmachtheater - den Besuchern wird in Gavin Quinns Inszenierung Schöne neue Welt nach dem dystopischen Roman von Aldous Huxley (engl. Orig.: Brave New World, 1932) ganz schön viel abverlangt. Ganze Seiten der deutschen Romanübersetzung darf das Publikum mal laut und mal leise lesen. Viermal werden jeweils unterschiedliche Zuschauerblöcke von Darstellern gebeten, den Saal während der Vorführung zu verlassen. Diese Publikumsgruppen werden dann von einzelnen Darstellern in einen Nachbarraum geleitet, wo sie sich auf bereitgestellten Liegen minutenlang ausruhen und Kopfhörer und Augenbinden anlegen sollen, derweil die Inszenierung draußen weitergeht. Am besten trifft es die Besucher in den hintersten Reihen, die keine der vorgeführten Szenen verpassen müssen. Letztere werden nämlich auf die Bühne gebeten und dürfen minutenlang auf Hockern platziert mitspielen. Ihnen werden Lutscher gereicht, und sie werden von einer Stimme aus dem Off dazu angeleitet, ekstatisch lustvoll zu stöhnen. Alle Zuschauer werden so je nach Farbe ihres Sitzplatzes in Kasten aus Huxleys Roman aufgeteilt, und ihnen werden Lätze mit zugehörigen eingravierten Initialen übergezogen: „A“ für die Kaste Alpha, „B“ für Beta, „G“ für Gamma, „D“ für „Delta“ und „E“ für Epsilon.



Mareike Hein als Fanny, Benjamin Berger als Benito, Johanna Falckner als Clara und Alois Reinhardt als Bernhard in Schöne neue Welt am Theater Bonn | © Thilo Beu


Die Zuschauer vertreten so die von Huxley entworfenen Gesellschaftsschichten und werden direkt in die schleichende Unterdrückung involviert, die in Schöne neue Welt eine wichtige Rolle spielt. Denn die Gesellschaft wird hier konditioniert, genormt und manipuliert, indem sie für gutes Funktionieren belohnt wird. Sexuelle Freizügigkeit und das gemeinschaftliche Schlucken der Wohlfühldroge Soma gehören zum Alltag, damit die erlebte Gemeinschaft zwangsläufig stets in einem rosaroten Licht erscheint. Die Darsteller sind allesamt maskiert. Sie tragen teilweise Einheitsdress und bewegen sich wie automatisiert in langen Gängen stets aufrecht und mittig. Golf- oder Tennisschläger gehören zum Equipment der Figuren. Eines Tages bringt Bernard Marx (Alois Reinhardt) von seinem Besuch in der Äußeren Zone den „Wilden“ John Savage (Robert Höller) und dessen Mutter Linda (Birte Schrein) mit; letztere war selbst einst Bewohnerin der schönen neuen Welt. Der junge John ist überfordert mit den neuen Eindrücken und Konventionen, freundet sich jedoch trotzdem bald mit Bernhard und dem versehentlich nicht komplett konditionierten Propagandatexter Helmholtz Watson (Daniel Breitfelder) an. Außerdem verliebt er sich in die attraktive Lenina Crowne (Lydia Stäubli), die jedoch enthusiastisch der Promiskuität frönt und sich während der Vorführung gleich mehrfach entblößt.




Lydia Stäubli als Lenira und Johanna Falckner als Clara in Schöne neue Welt am Theater Bonn | © Thilo Beu


Als Linda wegen einer Überdosis Soma in einer Klinik stirbt, rebelliert John. Zusammen mit Bernhardt und Helmholtz wird er daraufhin vom Weltcontroller Mustapha Mond (Andrew Bennett) zur Rede gestellt. Neben dem ausufernden Einbezug des Publikums verwirrt die Inszenierung auch hier, wenn Mond die drei Männer nun bittet auf, neben ihm platzierten Liegen mit Blick Richtung Publikum Platz zu nehmen. Während er in monotoner, einschläfernder Stimme spricht, lenken Bewohner der schönen neuen Welt im Hintergrund durch mimisches Spiel vom Gesprochenen ab, indem sie hübsch posieren oder Golfbälle rollen lassen. Immer wieder gibt es possierliche Momente, so zuvor auch eine recht züchtige Darstellung von Gruppensex. Monds Monolog über allgemeines Glück und gesellschaftliche Stabilität überhört man dann doch, da auch Johns trotzige Einwürfe, er habe ein Recht auf ein individuelles Leid, emotionslos klingen und kaum Spannung zu erzeugen vermögen.

Das Bühnenbild ist schlicht, die meisten Figuren bleiben recht farblos und sind schwer unterscheidbar. Hauptkonflikte und –figuren erscheinen als nicht ausreichend herausgearbeitet. Eine ständige Einbeziehung des Publikums wirkt überzogen und behindert eine Konzentration auf die Geschichte.



Andrew Bennett als Mond in Schöne neue Welt am Theater Bonn | © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 22. September 2015
ID 8887
SCHÖNE NEUE WELT (Halle Beuel, 18.09.2015)
Regie: Gavin Quinn
Bühne: Aedin Cosgrove
Kostüm: Alissa Kolbusch
Musik: Si Schroeder
Licht: Sirko Lamprecht
Dramaturgie: Michael Raab
Besetzung:
Linda Savage … Birte Schrein
John Savage … Robert Höller
Bernard Marx … Alois Reinhardt
Lenina Crowne … Lydia Stäubli
Helmholtz Watson … Daniel Breitfelder
Fanny Crowne … Mareike Hein
Benito Hoover … Benjamin Berger
Clara … Johanna Falckner
Henry Foster … Hans Piesbergen
Mustapha Mond … Andrew Bennett
Premiere am Theater Bonn war am 18. September 2015
Weitere Termine: 22., 26. + 27.9./ 9., 5., 21., 23. + 28. 10./ 7., 10. + 21. 11. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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