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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Was lernen wir

aus einem

Schnitzler-

Stück?



Jörg Hartmann als Professor Bernhardi in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



Thomas Ostermeier - der wohl letzte unter all den "alten" Großen, die der hauptstädtische Sprechtheater-Intendanten-Kreis bis noch vor Kurzem (alle "Alten"-Weggänge in naher Zukunft schon mal inbegriffen) aufzubieten hatte; ja und ER sollte dann wenigstens noch lange, lange bleiben, nicht dass bald dann überhaupt-nix Großes in Berlin mehr ist - hat jetzt ein hierzulande ziemlich unbekanntes Stück von Arthur Schnitzler (1862-1931) aus dem Winterschlaf gezerrt. Diese Entdeckung muss als eine Sensation bezeichnet sein - sie packt in ungeahnter Aktualität einen sich gegenwärtig in den Allgemeinbewusstseins vieler unsrer Mitmenschen (auch Nichtmitmenschen) eingepuppt habenden Nerv am Schwanz à la "Merkel muss weg", weil: irgendjemand muss ja schließlich (und angeblich) schuld an all der sog. Überfremdung usw. sein.

In dem Gespräch Ein Ende ohne Zukunft, das der Ostermeier diesbezüglich mit dem Soziologen Bude [im Programmheft nachzulesen] führte, heißt es bei Heinz Bude beispielsweise: "...die Antworten auf den Zusammenfall des [zu Schnitzlers Zeiten| politischen Modells, des Vielvölkerstaates, wissen wir jetzt, waren die kommunistische und die faschistische Antwort", die - um auf das Heute rückzuschließen - von den sog. Populisten, und in welche Richtung sie auch immer ihre versimplifizierenden Crescendi ausposaunen mögen, stammen. Pöbel braucht so einpeitschende Wortführer, ja und je einfacher die vorgegeb'ne Losung, umso lauter sein nachplapperndes Geschrei. Wie kreuzgefährlich dieser Trend ist, zeigen solche König-Volk-Umarmungen wie in der gegenwärtigen Türkei; hat man erst mal die Masse hinter sich, verselbständigen sich Ideen (Wiedereinführung der Todesstrafe usf.) zu diktatorischen Doktrinen, und Gewaltausübungen "in Volkes Namen" lassen bald nicht länger auf sich warten - - Hitlerdeutschland 1933 steht hier Pate; und das Alles hatten wir also schon mal.

*

Professor Bernhardi, ein Wiener Internist sowie Privatklinikdirektor, "verweigert einem Pfarrer den Zugang zum Zimmer einer Patientin, der dieser die Sterbesakramente spenden möchte. Im Endstadium einer tödlichen Blutvergiftung, Folge einer unsachgemäßen Abtreibung, deliriert die junge Frau, sie sei völlig geheilt. Bernhardi hält es für seine ärztlich-humanistische Pflicht, ihr ein 'glückliches Sterben' zu ermöglichen und sie nicht aus dieser Illusion zu reißen. Der Pfarrer wiederum besteht auf seinem religiösen Auftrag als Seelsorger. Beide scheitern: Während sie diskutieren, verstirbt die Kranke – zuvor noch alarmiert durch das Pflegepersonal, das gegen den Willen des Arztes den Besuch des Pfarrers ankündigte." (Quelle: schaubuehne.de)

Schnitzler, der (wie Freud) als Arzt & Dichter wirkte und zudem jüdischer Abstammung gewesen war, hatte es zeitlebens natürlich auch mit allen auswüchsigen Formen eines Antisemitismus irgendwie zu tun; er hätte freilich nie für möglich halten wollen, dass diese Entwicklung lediglich als softe Vorstufe zum endgültigen Holocaust gegolten haben könnte - soweit war dann das gesellschaftliche Klima in Kakanien vor dem Ersten Weltkrieg noch nicht fortgeschritten. Jedenfalls war Schnitzlers Stück, das in Berlin in 1912 uraufgeführt wurde, bis zum Zerfall der Monarchie (lt. Wikipedia "wegen des systemkritischen Inhalts") erst einmal verboten.

Der im Plot [s.o.] kurz beschrieb'ne Hauptauslöser für die nachfolgende Stückhandlung trägt schon den Grundkonflikt sowohl der Hauptfigur als auch ihres gesellschaftlichen Umfeldes in sich: Was hat das Fremde (Jüdische) "hier" eigentlich zu suchen? müsste es nicht eigentlich dann ausgegrenzt, verboten (und vernichtet) sein??

Wir Ossi's mussten damals in den DDR-Schulen jenes Professor Mamlock-Stück von Friedrich Wolf pflichtlesen; es behandelte de facto fast Dasgleiche wie das ca. 20 Jahre vor ihm abgefasste Schnitzler-Stück: Jüdischer Arzt muss seinen Posten räumen - bei Professor Mamlock waren Ausgrenzung/Berufsverbot für Juden vom NS-Gesetz her und im Einklang mit dem deutschen Volkskörper politisch und gesellschaftlich gedeckt; hingegen der Spezialfall von Professor Bernhardi viel diffiziler und (am Anfang) nicht so völkisch unterfüttert war. Und sowieso sind beide Texte, auch was ihre sprachlichen Vermögen anbetrifft, letztendlich unvergleichbar; Schnitzler kann durch seine weitaus eleganteren und nicht uneindeutigeren Entäußerungen gegenüber Wolf, der mehr moralisierend 'rüberkommt, pluspunkten.

Ganz am Schluss des Schnitzler-Stücks - als überraschendste der Wendungen - erfährt Bernhardi "die Solidarität linker Kreise, die ihn zum Märtyrer machen wollen. Doch er möchte sich nicht für ihre politischen Ziele instrumentalisieren lassen – und verzichtet bewusst auf einen öffentlichen Kampf gegen die Lügen und für seine Rehabilitierung." (Quelle: schaubuehne.de)

* *

Jörg Hartmann spielt die Hauptfigur und muss als Idealbesetzung gelten! Seine Artikulation ist kräftig, deutlich; jedes Wort ist zu verstehen. Er bestimmt die Szenerie, ja und man ist schlussendlich voll und ganz vom scheinbar aus Privatmotiven (= menschliche Gelassenheit und Schwäche) sich gespeist habenden Außenseitertum des Titelhelden, wie ihn Hartmann spielt, beeindruckt und, rein menschlich, fast betört.

Das weißkittlige Arzt-Kollegium um ihn her [s. Besetzungsliste] wirkt als zwischenmenschlich "wie im wahren Leben" durchagierende Gemeinschaft; Themen wie z.B. Liebe-Hass, Mut-Feigheit oder noch Banaleres (Karrieregeilheit, Missgunst, Eifersucht und alles das, was so im Arzt-Milieu schon immer eine Rolle spielte) werden durch gigantisch anmutende Textmassen, mitunter sogar Riesensprechblasen, durchkaut.

Das Wunder dieses Stückes resp. dieser Inszenierung ist, dass man voll konzentriert und neugierig an all dem Vorgetragenen verhaftet bleibt also nicht (und an keiner Stelle dieser pausenlosen fast 3stündigen Betextungsorgie!) auszusteigen droht; das muss dem Ostermeier nebst den 15 irre gut spielenden Schauspielern erst einmal jemand nachmachen!!!

Ein Staatsereignis.




Professor Bernhardi von Arthur Schnitzler in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Arno Declair

Andre Sokolowski - 18. Dezember 2016
ID 9757
PROFESSOR BERNHARDI (Schaubühne am Lehniner Platz, 17.12.2016)
Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Malte Beckenbach
Bildregie: Matthias Schellenberg
Kamera: Moritz von Dungern, Joseph Campbell und Florian Baumgarten
Videodesign: Jake Witlen
Dramaturgie: Florian Borchmeyer
Licht: Erich Schneider
Wandzeichnungen: Katharina Ziemke
Besetzung:
Dr. Bernhardi ... Jörg Hartmann
Dr. Ebenwald ... Sebastian Schwarz
Dr. Cyprian ... Thomas Bading
Dr. Pflugfelder ... Robert Beyer
Dr. Filitz ... Konrad Singer
Dr. Tugendvetter ... Johannes Flaschberger
Dr. Löwenstein ... Lukas Turtur
Dr. Schreimann/Kulka, ein Journalist ... David Ruland
Dr. Adler ... Eva Meckbach
Dr. Oskar Bernhardi ... Damir Avdic
Dr. Wenger/Krankenschwester ... Veronika Bachfischer
Hochroitzpointner ... Moritz Gottwald
Professor Dr. Flint ... Hans-Jochen Wagner
Ministerialrat Dr. Winkler ... Christoph Gawenda
Franz Reder, Pfarrer ... Laurenz Laufenberg
Premiere war am 17. Dezember 2016
Weitere Termine: 19.-23.12.2016 // 03.-06.02.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de


http://www.andre-sokolowski.de

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