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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Lessing,

bitte!?



Nathan der Weise am DT Berlin | (C) Arno Declair

Bewertung:    



Der Mensch hat im Lauf der Weltgeschichte nach unzähligen Kriegen, Revolutionen, der Aufklärung, fortschreitender Säkularisierung und Kommerzialisierung seinen Glauben verloren. Spätestens seit Nietzsche ist Gott tot und der Himmel leer. So nennt sich dann auch das neue Spielzeitmotto am Deutschen Theater "Der leere Himmel". Was an die Stelle Gottes getreten ist, werden nun die von der Berliner Traditionsbühne des guten Bildungsbürgertums beauftragten Theaterschaffenden eine Spielzeit lang in über 20 neuen Inszenierungen untersuchen. Stück der Stunde dürfte dabei zweifellos das von Gotthold Ephraim Lessing 1779 geschriebene Dramatische Gedicht Nathan der Weise sein, das immer dann auf den Spielplänen steht, wenn Vernunft, Toleranz und Humanismus in einer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft in Gefahr geraten. Der Streit um die richtige Religion vermischt sich auch heute angesichts von Terror, Flucht und Verfolgung wieder mit jeder Menge Populismus, nationalistischen Ressentiments und blankem Fremdenhass.

Lessings verbarg seine Religionskritik im Gewand eines utopisch anmutenden Lehrstücks über Toleranz. Der Jude Nathan, dessen Familie in der Zeit der Jerusalemer Kreuzzüge von Christen ermordet wurde, zieht ein christliches Mädchen auf, das wiederum bei einem Brand von einem deutschen Tempelherrn gerettet wird. Dieser war vom Sultan Saladin wegen einer Ähnlichkeit zu dessen verschollenem Bruder begnadigt worden. Nach einigen Irrungen und Wirrungen liegen sich am Ende alle mehr oder weniger miteinander verwandt in den Armen. Herzstück von Lessings Nathan ist die Ringparabel, deren Interpretation zum heiligen Bildungskanon des deutschen Literaturunterrichts gehört. Nur kurz zum allbekannten Fazit: So wie sich ein Ring dem anderen gleicht, lässt sich auch keine der drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam der anderen vorziehen. „Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach!“ - was im Grunde genommen den Kern von jedweder Toleranz ausmacht.

„Der eingeforderte interkulturelle Dialog zwischen Christentum, Islam und Judentum, basierend auf Vernunft und Humanität, lässt sich heute im Kontext fortschreitender fundamentalistischer Konflikte wie bereits zu Lessings Zeiten, nur wie ein Märchen lesen. Ein Märchen, das dem Strukturprinzip der Komödie folgt.“ So gelesen im Programmheft des Stücks. Regisseur Andreas Kriegenburg will also die Komödie aus dem Nathan kitzeln, und (wie es im Programmheft weiter heißt) „als archaischen Comic“ aufführen, „an dessen Anfang der aus Erde erschaffene Mensch steht.“ Das lässt sich dann so an, dass zu Beginn des Stücks ein von oben bis unten mit Schlamm beschmiertes Adam-und-Eva-Paar in inniger Umarmung liegt, bis es von vier weiteren „Erdmännchen“ getrennt wird. Es beginnt ein zirzensisches Merry-Go-Round-Spiel im Stummfilm-Watschelgang vom unschuldigen Erdenanfang bis in die Konsumgesellschaft mit Marken-Boutiquen-Tüten um einen großen Latten-Kubus, der wohl die einzig gültige Wahrheit zu bergen scheint. Am Ende des kleinen Vorspiels starren dann alle gen Bühnenhimmel und rufen vergeblich nach ihrem Gott. Nur - siehe Motto - der Himmel ist leer.

So weit, so gut und schlüssig. Nur: „Lessing, bitte!“ Gesagt, getan. Zur Brecht‘schen Verfremdung gesellen sich nun noch einige Kleider sowie religiöse Symbole wie Schläfenlocken und Hut, und schon ist Jud. „Is Jud jetzt“ kalauert sich also das Erdmännchen-Sextett in seine Rollenzuschreibungen, die bis auf den Nathan von Jörg Pose auch immer mal gewechselt werden. Distanz, ja. Zweifel, na ja. Schon Nicolas Stemann hat in seiner Nathan-Inszenierung, die vor ein paar Jahren hier als Gastspiel des Hamburger Thalia Theaters lief, ironisch mit Rollenklischees und religiösen Symbolen gespielt, sich den Nathan aber weitestgehend vom Hals gehalten und immer wieder den auf religiösen Terror, Märtyrertum, Pappmaschee-Köpfe der Weltpolitik und den österreichischen Fritzl-Keller eingehenden Text Abraumhalde von Elfriede Jelinek eingeflochten. Kriegenburg belässt es bei ein paar modernisierenden Wortspielereien und Andeutungen wie brennenden Flüchtlingsheimen oder einer Front nationaler Europäer.

Wenn der junge Tempelherr (Elias Arens) sein Kreuz beklagt, trägt man ihm sogleich ein selbiges aus Latten an, inklusive Inri-Schild. Nathans Tochter Recha (Nina Gummich) himmelt ihren engelsgleichen Retter wie ein verliebter Teenager an. Das Schachspiel des Sultans Saladin (Bernd Moss) - auch mal Satan Sultanin genannt - mit seiner Schwester Sittha (Julia Nachtmann) wird wie in einer Al Jazeera Sportreportage kommentiert. Und wenn der Patriarch von Jerusalem sein „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt“ von sich gibt, sitzt Natalie Selig im übergroßen Fettsuite auf dem Klo und wühlt in braunen Exkrementen. Grüß Gott, Schalom und Salem aleikum. Das Jerusalem der Kreuzzüge als lustiges „Grußbabel“ mit einer Lattenzaun-Klagemauer, die sich aus dem aufgefächerten Kubus bilden lässt, der auf der Rückseite das Haus des Nathan darstellt. In einer einzigen ernsten und wohl auch ernst gemeinten Szene hat der als guter Märchenonkel vom Kubus herunter dann seinen Ringparabel-Auftritt.

Ansonsten witzelt und kalauert die Inszenierung weiter vor sich hin und bringt in gut 2 ¾ Stunden fast den gesamten Nathan, ohne dass sie wirklich an den Kern des Lessing-Stoffs käme. Das will die Regie wohl auch gar nicht und gibt sich mit der Zurschaustellung von oberflächlicher Symbolik und Klamauk zufrieden. Der Text scheint für Andreas Kriegenburg nur Anlass für Wortwitze, comicartige Bilder und ulkige Figurenzeichnungen geboten zu haben. Eine Hinterfragung des Stücks oder möglicherweise sogar seine kritische zeithistorische Einordnung als Schablone für unsere Gegenwart findet nicht statt. Toleranz als gute Abendunterhaltung. Das ist soweit ganz lustig, tut aber auch mit Sicherheit niemandem weh.

Schon Lessing selbst hielt seinen allzu märchenhaften Plot auf dem Theater für wenig wirksam. Bei Kriegenburg erfolgt nun der Versuch einer Überrumpelung des Publikums mit Spaß und Comedy. Ein ironisch spitzbübisches Wachkitzeln sozusagen, was per se ja nicht total falsch ist, da ein erhobener Zeigefinger in Sachen Aufklärung nur einmal mehr in die Totalermüdung und Schlafstarre führen würde. Davor ist allerdings auch Kriegenburgs andauernde Attacke auf die Lachmuskeln der Zuschauer nicht ganz gefeit. Der treffsichere Humor hält sich auf Dauer in Grenzen und der Erkenntnisgewinn bleibt trotz hinreißendem Schauspiel des sechsköpfigen Ensembles wie immer recht gering. Zum Schluss gibt es auch hier wie in Lessings Original ein wie von Gotteshand gefügtes, wundersames Happy End. Die Kiste zu und alle Fragen offen. Anschließend fordern die Schauspieler in einer wohl von Herbert Fritsch entlehnten Applausordnung mit hochgehaltenem Schild nach Free Hugs. Sie ihnen zu gewähren, wäre wohl eine Spielart von Toleranz.



Nathan der Weise am DT Berlin | (C) Arno Declair

Stefan Bock - 1. September 2015
ID 8843
NATHAN DER WEISE (Deutsches Theater Berlin, 30.08.2015)
Regie: Andreas Kriegenburg
Bühne: Harald Thor
Kostüme: Andrea Schraad und Cornelia Gloth
Licht: Cornelia Gloth
Dramaturgie: Juliane Koepp.
Mit: Bernd Moss, Julia Nachtmann, Natali Seelig, Elias Arens, Nina Gummich und Jörg Pose
Premiere war am 30. August 2015
Weitere Termine: 7., 11., 18. + 21. 9. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de


Post an Stefan Bock

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