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Premierenkritik

Auf der Suche

nach der

verlorenen

Zeit



Momo am Theater Osnabrück | Foto (C) Uwe Lewandowski

Bewertung:    



Erzählt wird hier eine ganz außergewöhnliche Geschichte, nämlich die der kleinen Momo. Momo, die aus einem Kinderheim geflohen ist und nun in einer Theaterruine haust, verfügt über ein ganz außergewöhnliches Talent, das auf den ersten Blick gar nicht so besonders wirkt: Sie kann zuhören. Und deshalb ist sie auch nie allein, denn sie lässt den Menschen ein wertvolles Geschenk zukommen, etwas, das ihnen allzu häufig in der Hektik ihres Alltags fehlt: Hierbei handelt es sich schlicht und einfach um Zeit.

Mit simpelsten Mitteln gelingt es den drei Oskar-Darstellern, eine berührende Botschaft zu vermitteln, die nicht nur die kleinen Zuschauer in ihren Bann zieht, sondern auch die Erwachsenen nachhaltig zum Nachdenken anregt. Das zunächst rudimentär wirkende Bühnenbild von Jörg Zysik, das aus ein paar Stoffbahnen, Europaletten und Plastikkanistern besteht, zeigt im Osnabrücker Emma-Theater vortrefflich, wie wenig nötig ist, um die Fantasie anzukurbeln und ganze imaginierte Welten zu erschaffen. Je nach Szene werden ein paar Elemente umgestellt, die Plastikkanister sind nicht nur Teil einer Wand, sondern repräsentieren auch die Schildkröte Kassiopeia und machen sich den kindlichen Anthropomorphismus zu eigen, der vielen Erwachsenen abhandenkommt: Gesichter zeigen sich, wenn man diese passend hält, und stellen mit ihrem mimiklosen, gefühlskalten Ausdruck auf geniale Weise die Grauen Herren dar, die den Menschen ihre Zeit stehlen wollen.

Wunderbar kommen gerade bei der Kindertheatersparte Oskar den Kostümen und der Ausstattung eine Bedeutung zu, die die Geschichte maßgeblich tragen und die „Moral von der Geschichte“ für die kleinen Zuschauer transportieren. Mit ungewaschenem Gesicht und zusammengewürfelter Kleidung, die genauso wild wie das wirre Haar der Hauptprotagonistin wirkt, tritt Momo bzw. Johanna Franke als selbstbestimmte kleine Persönlichkeit in den Vordergrund des Geschehens. Agil und mit ausgeprägter Mimik verkörpert sie ihre Rolle einfühlsam. Auch ihre Kollegen Benjamin Werner und Jost op den Winkel, die mittels weniger Handgriffe ihre Kostüme und so die dargestellten Charaktere wechseln, zeigen in jeder einzelnen Szene überzeugend ein gutes Stück Schauspielkunst und erwecken so die Handlung eines vielschichtigen Kinderbuchklassikers absolut stimmig zu Leben.

Grandios ist der Bezug der Buchvorlage zur Gegenwart: Smartphones ersetzen als Zeitkiller die Zigaretten der Grauen Herren, das Restaurant des Wirts Nino wird zum Lieferservice, der aus Gründen der Zeitoptimierung im Sekundentakt eine Bestellung nach der nächsten bearbeitet. Der moralische Zeigefinger brennt förmlich in der Wunde, in die er gelegt wurde.

Durch das scheinbar kindliche-naive Gemüt des kleinen Mädchens, das nie des Fragens müde wird und so genau – und ganz unverhofft - den Kern der Dinge trifft, wird aufgezeigt, wie häufig falsche Prioritäten im Leben gesetzt werden. Stets unter Zeitdruck, ganz nach dem Motto „höher, schneller, weiter“, rennen die Erwachsenen materiellen Gütern nach, die sie nicht glücklich machen. Ungezwungene Freude am Leben und an zwischenmenschlichen Beziehungen kommt zu kurz und verliert an Bedeutung, wenngleich sie doch das Wertvollste ist, dem wir unsere Zeit schenken sollten. So trifft die unschuldige Frage der kleinen Momo an den gestressten Wirt mitten ins Herz: „Und wer hat dich lieb?“ Letztendlich geht die Rechnung der Grauen Herren nicht auf, denn „Das Momo“ wird gewissermaßen zur vorbildlichen Instanz, wenn nicht sogar zur Institution, wie diese Entsubjektivierung verdeutlicht. So befreit „Das Momo“ die durch die Grauen Herren der „Zeitsparkasse“ konfiszierten Zeitblumen und schenkt den Menschen alle Zeit der Welt.

Die Bearbeitung der Textvorlage durch die Dramaturgin Maria Schneider und dem für die Inszenierung verantwortlichen Guillermo Amaya konzentriert sich auf das Wesentliche und zeigt klar, dass weniger gerade für die Zielgruppe Kinder umso mehr sein kann: Der überaus langanhaltende Applaus und Jubel am Ende der Premiere bestätigt dies und lässt hoffen, dass sich noch viele weitere Zuschauer, egal ob groß oder klein, dieses Stück zu Gemüte führen.



Momo am Theater Osnabrück | Foto (C) Uwe Lewandowski

Sina-Christin Wilk - 27. Februar 2017
ID 9875
MOMO (Emma-Theater, 25.02.2017)
Inszenierung: Guillermo Amaya
Bühne, Kostüme: Jörg Zysik
Musik: Eberhard Schneider
Dramaturgie: Maria Schneider
Besetzung:
Momo ... Johanna Franke
Gigi Fremdenführer (Nicola, der Maurer / 1. Grauer Herr) ... Benjamin Werner
Beppo Straßenkehrer (Nino, der Wirt / Herr Fusi, der Friseur / Meister Hora / 2. Grauer Herr) ... Jost op den Winkel
Premiere am Theater Osnabrück: 25. Februar 2017
Weiterer Termin: 02.04.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-osnabrueck.de/


Post an Sina-Christin Wilk

scriptura-novitas.de



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