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Premierenkritik

Tafelrunde – Next Generation



Merlin oder Das wüste Land mit der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden - Foto (C) David Baltzer

Bewertung:    



Vor gut 25 Jahren wurde hier in Dresden Christoph Heins Ritter der Tafelrunde uraufgeführt. Und obwohl das Stück Merlin oder Das wüste Land von Tankred Dorst älter ist, erscheint es fast als logische Fortsetzung, zumal die heutigen Protagonisten allesamt noch nicht geboren waren zu dieser Zeit.

Vielleicht sollte man auch besser „Remake“ dazu sagen. Denn die Geschichte wird eigentlich wiederholt, unter Hinzufügung von Teufel und Merlin und aus einem anderen Blickwinkel, zudem „befreit von den dramaturgischen Zwängen der realistischen Schreibweise“, wie Dorst selbst darüber sagt. Aber der Kern bleibt derselbe, die Abnutzung der Ideale der ehemals jungen Garde um König Artus und der daraus folgende Generationenkonflikt am Tisch der Tafelrunde.

Es fehlt ein Ziel, den Alten, weil es schon erreicht wurde und man nun schmerzlich die Leere hinter dem Zielstrich spürt, den Jungen, weil die Werte der Alten diskreditiert wurden von diesen. Mordred & Co. steht „ein Turm von Vätern“ auf den Schultern, gegen den man zwangsläufig aufbegehrt wie Artus eine Generation früher. Doch der runde Tisch frisst seine Väter mitsamt den Söhnen, am Ende ist nichts mehr übrig von der Utopie und vom Königreich. „Der Teppich … unserer Moral … ist dünn, darunter ist die Erde ein Stein, ein wüstes Land“, um noch einmal den Autor zu zitieren.

Und warum kommt nun dieses wahrlich komplizierte Stück in Dresden mit jungen Laiendarstellern auf die Bühne? Nach der Premiere weiß man, dass die Frage falsch gestellt ist, „warum nicht“ müsste sie heißen.

Zum einen, weil alle Figuren auf dem gleichen Level agieren, es gibt nicht die tragenden und dominierenden Hauptrollen wie weiland bei Hein von Donath, Weber und Herden verkörpert, was der Annäherung an den Stoff durchaus gut tut. Zum anderen, weil man handwerklich kaum etwas vermisst, die jungen DarstellerInnen sind sowohl sprachlich als auch körperlich-spielerisch auf sehr hohem Niveau, es ist immer wieder erstaunlich, wie die Bürgerbühne durch ihr professionelles Umfeld Laien zum (großartigen) Spielen bringt.

Ohne das inzwischen besonders betonen zu müssen - aber es handelt sich bei dieser Inszenierung um „ganz normales Theater“, wozu auch das schlichte Spielfeld aus grauem Splitt von Alexandre Corazzola beiträgt, das den Akteuren die reichlich genutzte Möglichkeit gibt, sich auszutoben. Auch die passende und doch variantenreiche Kostümierung von Justina Klimczyk ist zu erwähnen, nur über die Musik von Sebastian Katzer kann ich wenig sagen, sie blieb trotz einer mäßigen Gesangseinlage und einer hörenswerten Chorsequenz weitgehend im Hintergrund, der Regisseur setzte offenbar andere Schwerpunkte.

Jenem Regisseur (Kristo Šagor, der erstmals in Dresden inszenierte) ist es – neben vielen anderen im Hintergrund – zu verdanken, dass dieses Experiment als geglückt bezeichnet werden darf. Nicht eine durch die Biographien der Darsteller geprägte Stückentwicklung wurde hier auf die Bühne gebracht, keine Klassikerbearbeitung mit Amateuren, sondern ein unbestritten sperriges Stück eines (durchaus noch) Gegenwartsautors. Umso besser, dass auch das funktioniert hat.

Den meisten Jubel (sicher zum Teil auch premierentypisch familiär bedingt, aber bei weitem nicht nur) heimsten allerdings die SchauspielerInnen ein. Es ist schwer, aus den glorreichen 15 jemanden hervorzuheben, ich will es dennoch tun:
Eva-Marlene Jaekel war mit ihrem Merlin der rote Faden der Handlung und zeigte sich ausgesprochen wandlungsfähig, Josef Zschornack brillierte als Teufel mit einer beeindruckenden Süffisanz. Kriemhild Hamann gab die Ginevra sehr majestätisch, konnte aber auch mit Gefühlsausbrüchen aufwarten. Hans-Christian Hegewalds Artus steigerte sich zum Ende hin in eine ganz großartige Ein-Mann-Schlachtszene, auch der Mordred von Henry Böbst hatte am Ende seine besten, weil glaubwürdigsten Auftritte. Lea Marlen Balzer spielte in zwei wichtigen Nebenrollen große Szenen, und Henry Rabe beeindruckte nicht nur durch körperliche Präsenz. Konstantin Burudshiew nahm man seinen Lancelot als heroisch-tragische Figur voll ab, und der verspielt-naiv-grausame Parsival von Annegret Feistl krönte die hervorragende Ensembleleistung, zu der auch die Nichterwähnten ihr Teil beitrugen.

Ein sehenswertes Stück, und wieder eine Erweiterung des Repertoires der Bürgerbühne. Man darf gespannt sein, was als nächstes kommt.



Merlin oder Das wüste Land mit der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden - Foto (C) David Baltzer


Sandro Zimmermann - 28. September 2014
ID 8128
MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND (Kleines Haus 2, 27.09.2014)
Regie: Kristo Šagor
Bühne: Alexandre Corazzola
Kostüm: Justina Klimczyk
Musik: Sebastian Katzer
Dramaturgie: David Benjamin Brückel
Licht: Rolf Pazek
Besetzung:
Der Teufel ... Josef Zschornack
Merlin ... Eva-Marlene Jaekel
Die Riesin Hanne ... Meike Rahner
Der Clown ... Jaap Kanis
König Artus ... Hans-Christian Hegewald
Königin Ginevra ... Kriemhild Hamann
Sir Lancelot vom See... Konstantin Burudshiew
Sir Mordred ... Henry Böbst
Der tapfere und strahlende Sir Gawain ... Henry Rabe
Der neidische Sir Agrawain ... Josef Zschornack
Der stumpfe Sir Gaheris ... Jaap Kanis
Sir Gareth, das Kind ... Frida Stein
Deren alte Mutter Morgause ... Meike Rahner
Sir Ither mit der roten Rüstung ... Martin Witschas
Der eitle Sir Lamorak ... Henry Rabe
Der treue Sir Kay ... Martin Witschas
Elaine ... Marie Flämig
Die hysterische kleine Astolat ... Lea Marlen Balzer
Die schöne Orgelouse ... Marie Flämig
Parzival ... Annegret Feistl
Seine Mutter Herzeloide ... Sabine Gruhn
Die schöne Blanchefleur ... Lea Marlen Balzer
Die kleine Waldnymphe Viviane ... Meike Rahner
Premiere war am 27. September 2014
Weitere Termine: 2., 9. 10. / 1., 16. 12. 2014
Eine Produktion der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/


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