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Premierenkritik

Tabori´s

Mein Kampf



Jakob Immervoll (als Adolf Hitler) und Pascal Fligg (als Herzl) in Mein Kampf am Münchner Volkstheater | Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



Mein Kampf also: In Zeiten von erstarkendem Rechtsextremismus liegt der Bezug zur Gegenwart auf der Hand. Doch Christian Stückl, der Hausherr des Münchner Volkstheaters, reitet nicht drauf herum. Seine sehr überzeugende Inszenierung setzt auf den Text der Farce, mit der George Tabori 1987 in Wien für Furore sorgte. Sie spielt in einem Männerasyl in der Wiener Blutgasse um das Jahr 1908. Der Jude Schlomo Herzl, Möchtegern-Schriftsteller und Bibelverkäufer, begegnet dem arbeitslosen Möchtegern-Kunstmaler Adolf Hitler.

Schlomo, der über den Titel seines Werkes Mein Kampf nicht hinauskommt, übt sich in Nächstenliebe. Er bemüht sich um den narzistischen Querulanten, stopft seine Strümpfe, erträgt seinen Hass.


*

Die Farce Mein Kampf versucht zu antworten auf die lebenslange Frage des Juden Tabori, der den größten Teil seiner Familie im Holocaust verlor - auch seinen Vater. Der starb, weil er eine Gelegenheit zur Flucht vorübergehen ließ, um die, die nicht flüchten konnten, nicht zu verraten. Er hatte von der „Inkompetenz des Guten“ gesprochen. Sein Sohn George formuliert es in seinen Texten so: "Kann man gut sein und gleichzeitig stark?"

Christian Stückl hat die messerscharfen, grotesken und anspielungsreichen Dialoge, die auch mit Originalzitaten aus Hitlers Mein Kampf versetzt sind, als eindringliches Kammerspiel inszeniert: ein Dialog zwischen zwei großartigen Darstellern. Pascall Fligg als Schlomo Herzl stutzt dem Lockenkopf Jokob Immervoll als Adolf geradezu tänzerisch den Schnauzer, kämmt ihm die Führerfrisur: ahnungslos und in gutem Glauben macht ausgerechnet der Jude Hitler zu Hitler. Wie rührend er sich um einen sorgt, den er für einen Selbstmordkandidaten hält! Wie viele Opfer wird dieser Irrtum kosten, Schlomos Güte - aber auch die Arroganz des Establishments. Hätte doch die Akademie an Hitlers Zeichnungen ein bissl mehr Gefallen gefunden und ihn nicht gedemütigt als einen, dem nur das Anstreichen einer Küchenwand erlaubt werden sollte! Warum nicht Kukuruz im Zwielicht? Ein unfreiwillig komischer Adolf Hitler, lächerlich in seinem Selbstmitleid ebenso wie im Größenwahn. Lachen, das im Halse stecken bleibt.

Nichts lenkt ab von dem tiefen jüdischen Witz, der so leicht daherkommt. Wenig äußeres Tamtam, nur eine graue Barackenkulisse mit einer Treppe nach oben, durch die weiße Schwaden nach unten fallen. Über die tritt auch der paffende Tod ins Bild, der Tod und das Mädchen, das Schlomo liebt. Was alles nur schlimmer macht. Da braucht der Ofen nicht zu rauchen, er erinnert auch so an die Verbrennungsmaschinen der Krematorien.
Die Musik von Tom Wörndl ist zurückhaltend, setzt aber zum richtigen Zeitpunkt einen großen Moment: die Wahnsinnszene, in der Hitler zum Politiker wird – führt seine Rhetorik ad absurdum.

Mein Kampf wird nicht vom Opfer zuende geschrieben werden, sondern vom Täter. Schlomo Herzl aber hat das letzte Wort. Er endet mit einem jüdischen Witz: "Fragt ein Schächer am Kreuz den anderen: Tuts weh? - Nur beim Lachen."

Szenenapplaus und lang anhaltender Beifall für einen beeindruckenden Theaterabend!



Mein Kampf am Münchner Volkstheater | Foto (C) Arno Declair

Petra Herrmann - 26. Januar 2018
ID 10494
MEIN KAMPF (Münchner Volkstheater, 25.01.2018)
Regie: Christian Stückl
Bühne & Kostüme: Stefan Hageneier
Musik: Tom Wörndl
Dramaturgie: Dima Schneider
Besetzung:
Herzl ... Pascal Fligg
Lobkowitz und Himmlisch ... Timocin Ziegler
Hitler ... Jakob Immervoll
Gretchen ... Julia Richter
Frau Tod ... Carolin Hartmann
Premiere war am 25. Januar 2018.
Weitere Termine: 26., 30., 31.01. / 04., 05., 12.02. / 04., 05., 26., 31.03. / 04.04.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.muenchner-volkstheater.de/


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petra-herrmann-kunst.de

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