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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Es kann

nur Eine

geben

MARIA STUART im Theater Zittau


Bewertung:    



Ein Stacheldrahtverhau zur Linken, zur Rechten ein königliches Ankleidezimmer: Die Spannweite des Stücks wird schnell deutlich.

Die beiden Protagonistinnen betreten im Unterrock die Szenerie und werden von den Herren des Hofes zu Operettenklängen angekleidet: Maria Stuart in ein helles, reizvolles Abendkleid, Elizabeth wie die Männer in majestätisch-bedrohlich glänzendes Tiefschwarz mit steifem Kragen (Kostüme: Erzsébet Rátkai). Wie Püppchen wirken die Damen, was sich später als durchgängiger Regieansatz erweisen wird.
Im tiefsten Dunkel beklagt die Stimme der Elizabeth hernach die Bürde des königlichen Amtes.

Der eiserne Vorhang hebt sich, hinter dem Stacheldraht ein schäbiger Wohnwagen als Gefängnis der Stuart, eine breite Treppe, die in einen Balkon mündet und viel Platz auf der rechten Seite (Bühne: Beate Voigt). Wie eine Löwin im Käfig durchmisst die Stuart ihr kleines Revier, von ihrem Kerkermeister Paulet verwahrt und zugleich beschützt vor allfälligen Komplotten. Sie wartet auf ihr Urteil wegen Beihilfe zum Gattenmord (und indirekt auch wegen des Verdachts auf umstürzlerische Absichten).

Queen Elizabeth hingegen hat andere Sorgen: Sie soll aus Gründen der Staatsräson den Franzosenkönig heiraten, findet an der Gemahlinnenrolle aber wenig Gefallen. Und da ist auch noch das Problem mit der Stuart, der Halbschwester. Zwar beschloss das Hohe Gericht ihre Verurteilung zum Tode, doch entscheiden muss letztlich die Königin. Mit deren Enthauptung wäre sie zwar kurzfristig die Rivalin los, zeigte aber, dass selbst dunkelblaues Blut nicht vor dem Schwerte schützt, was ihr nochmal auf die erlauchten Füße fallen könnte.

Schwierig, würde man heute sagen. Auch die Höflinge, die einen Stuhltanz aufführen müssen und dabei wie eifersüchtige Hyänen wirken (hübsche Idee), haben keinen guten Rat bzw. gleich mehrere sich widersprechende.



Kerstin Slawek (li.) als Maria Stuart am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau - Foto (C) Pawel Sosnowski


Maria ist zwar rein materiell gesehen chancenlos, verfügt jedoch über besondere Waffen: Der halbe Hof ist ihr heimlich verfallen und sucht sie zu retten, Kabale und Widerkabale heben an. Dabei wird gar Elizabeth betört, aus taktischen Gründen, was diese sich jedoch mit Freuden gefallen lässt. Aha, hier haben also die Männer die Hosen an.

Zwei Retter sind aber manchmal einer zuviel, sie stehen sich zunehmend im Weg, zumal die Beute zu verteilen ist. Doch noch bevor die Bärin erlegt ist (Verzeihung für das schiefe Bild), greift man zu derem Fell und verrät sich damit.

Die von Maria Stuart erbetene Unterredung mit Elizabeth gerät zum Showdown und dann zum Fiasko. Doch zuvor begegnen sich die beiden Rivalinnen in einer Traumsequenz äußerst liebevoll, herzen und küssen einander.

So wäre es, wenn nicht finstere Männerbünde Unheil säen, will die Regie wohl damit sagen, denn abrupt endet die Idylle: Nach den martialischen Klängen der Vangelis-Hymne, die auch schon ein früher bekannter Faustkämpfer zum bedeutungsschweren Auftritt nutzte, werden die Damen wie Kampfdoggen aufeinandergehetzt, von den Höflingen straff an der Leine gehalten, und absolvieren den Kern-Dialog des Stücks als wütende Hündinnen.

Das ist großartig gespielt, Renate Schneider als Elizabeth und Kerstin Slawek als Maria lassen sich auch von den Tücken der Technik nicht beirren (ein Scheinwerferpaar entwickelt kurzzeitig ein lautstarkes Eigenleben) und gestalten die Szene zum Höhepunkt des Stücks. Wenn man dem Regieansatz folgt, die die Königinnen als Männerwerk- und Spielzeug sehen will, ergibt das auch inszenatorisch großen Sinn, wenn nicht, muss man zumindest die Stringenz der Regie anerkennen.

Jedenfalls hat Maria die verbale Schlacht zwar gewonnen, den Krieg um ihr Leben aber damit verloren: Elizabeth setzt ihre Unterschrift unter das Urteil, nachdem God (oder besser: Marc Schützenhofer als Graf von Shrewsbury) die Queen gesaved hat vor tückischem Mörderdolch.



Männerszene neben Königin Elisabeth in der Maria Stuart am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau-Görlitz - Foto (C) Pawel Sosnowski


Daraufhin springt Retter Zwei nach seiner Entdeckung über die Brüstung (und rettet damit immerhin Retter Eins, der die Schuld nun abwälzen kann), und die zarten Bande nach Frankreich werden gelöst. Sabine Krug in einer Doppelrolle als Brautwerber Graf Aubespine (dem ohne Not ein ärgerlicher französischer Akzent übergeholfen wurde und der damit zur Karikatur geriet) und als ehrenwerter Wächter Sir Paulet war hier nicht glücklich besetzt, andere als organisatorische Gründe sind mir dafür nicht vorstellbar.

Elizabeth hat – nachdem die Hofrivalen Graf von Leicester (David Thomas Pawlak) und Baron von Burleigh (Stefan Sieh) einen Five-o’clock-Tea mit Flachmann und Zigaretten absolvieren müssen, den ich der Regiefolklore zurechne – dann aber doch Manschetten, das Rad der Geschichte selber weiterzudrehen. Sie überlässt das heikle Papier dem Hofbeamten Davison (Stephan Bestier, auch er mit dem Retter Mortimer in einer Doppelrolle), der damit die A-Karte hat, wie sich zeigen wird, als ihm Burleigh das Urteil abschwatzt und es zur Erledigung gibt.

Diese zieht sich, natürlich ist hier etwas Dramatik angebracht und es handelt sich auch um eine ausgesprochen schöne Leiche, aber meinereiner war dann doch froh, als das Irrlichtern des elektrischen Stuhls im Wohnwagen das ausführliche Sterben beendete.

Als wenig später ein Belastungszeuge seine Aussage widerruft, kann Maria Stuart nur noch postum rehabilitiert werden. Ihre Majestät zeigen sich betroffen und not amused, Davison muss büßen, Burleigh wird verbannt, Leicester und Shrewsbury gehen freiwillig. Es wird einsam um Elizabeth.

Das Regiepaar Barbara & Jürgen Esser wählt ein letztlich sehr passives Frauenbild für die beiden Königinnen, sie hängen an Fäden, die von Männern gezogen werden. Meine Sichtweise ist das nicht, aber in sich bleibt diese Version sehr konsistent und logisch bis zum Ende, wo die Fäden gekappt werden.
Von den Herren auf der Bühne ist niemand hervorzuheben, alle trugen ihren Teil zum Gelingen des Abends bei, aber die Krone gebührt ganz zweifellos Kerstin Slawek und Renate Schneider zu gleichen Teilen, was nun hoffentlich nicht zu ähnlichen Problemen am Zittauer Theater führen wird.



Renate Schneider als Elisabeth in Schillers Maria Stuart am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau-Görlitz - Foto (C) Pawel Sosnowski


Sandro Zimmermann - 19. April 2015
ID 8586
MARIA STUART (Theater Zittau, 17.04.2015)
Regie: Barbara und Jürgen Esser
Bühnenbild: Beate Voigt
Kostüme: Erzsébet Rátkai
Dramaturgie: Stefanie Witzlsperger
Besetzung:
Elisabeth ... Renate Schneider
Maria Stuart ... Kerstin Slawek
Robert Dudley, Graf von Leicester ... David Thomas Pawlak
Wilhelm Cecil, Baron von Burleigh ... Stefan Sieh
Georg Talbot, Graf von Shrewsbury/Okelly ... Marc Schützenhofer
Mortimer/Wilhelm Davison ... Stephan Bestier
Amias Paulet/Graf Aubespine ... Sabine Krug
Security-Guard ... Tilo Werner
Premiere am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau (im Theater Zittau) war am 17. April 2015
Weitere Termine: 21., 22., 24., 25. 4. / 4. 6. 2015 (in Zittau) sowie 2., 9., 22., 24. 5. 2015 (in Görlitz)


Weitere Infos siehe auch: http://www.g-h-t.de


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