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Premierenkritik

Soziale

Plastik



Kunst von Yasmina Reza am Theater Bonn | Foto (C) Thilo Beu

Bewertung:    



Rang und Namen sorgen auf dem Kunstmarkt für hochwertige Preise. Kunstkäufer schmücken sich mit den prominenten Namen der Künstler, deren Werke sie erworben haben oder sogar ausstellen. Das Kunstwerk spricht nicht (mehr) für sich selbst, es zählt der Name seines Schöpfers. Im 1994 uraufgeführten Drama Kunst der Französin Yasmina Reza erwirbt ein Arzt für 200.000 Euro ein weißes Bild mit weißen Streifen. Seinen langjährigen Freunden gegenüber spricht er zärtlich den Namen des Urhebers aus und betont verschiedene, angeblich fein gearbeitete Nuancen, die sich jedoch nicht jedem Betrachter erschließen. Seine Freunde reagieren überrascht. Bald folgen Grundsatzdiskussionen, die in allerlei Untiefen vordringen.

Peppige Musikeinspieler begleiten flotte Auf- und Abgänge der Darsteller und erinnern an das Genre der Boulevardkomödie. Auch der mehrmalige Wechsel von Kleidung und das Abnehmen und Aufhängen des Wandbildes sowie das Zeigen anderer Wandbilder ziehen sich anfangs zu sehr in die Länge. Auf der loftmäßig eingerichteten Bühne gönnen sich die die drei jungen Männer Marc (Hajo Tuschy), Serge (Benjamin Berger) und Yvan (Sören Wunderlich) Bier oder Cola an einer Bar oder verlustieren sich an Erdnüssen und Oliven, während sie sich gemeinschaftlich auf einem Sofa fläzen und parlieren.

Schon bald entwickelt sich eine lebendige Dynamik auf der Bühne, die Dialoge werden scharfzüngiger, die Handlung nimmt Fahrt auf, und einige Pointen zünden. Ausgelöst durch ihre unterschiedlichen Haltungen zum Kauf des Bildes zerstreiten sich die drei Freunde immer mehr. Aus Meinungsverschiedenheiten über Kunst und Geldinvestitionen in Kunstwerke wird immer mehr ein persönliches Zerwürfnis, gespickt mit versteckten Vorwürfen und Boshaftigkeiten. Das weiße Bild wird zur Projektionsfläche für unterschiedliche Wirklichkeitsentwürfe und Positionen. Bisher unausgesprochene Differenzen kommen ans Licht. Es entsteht ein brutaler Diskurs über die Lebensgestaltung des jeweils anderen und die eigene Enttäuschung über den bislang guten Freund. An dieser Stelle geht Rezas Kunst und Jens Groß‘ gelungene Inszenierung weit über eine Boulevardkomödie hinaus - ähnlich den weißen monochromen Bildern von Raimund Girke, in denen erst beim allmählichen Betrachten Nuancen und Strukturen erkennbar werden, zeichnet sich im Laufe des Streits der drei Darsteller immer mehr etwas ab, was hinter den Meinungsverschiedenheiten und Enttäuschungen steht. Dies sind der Wunsch nach Freundschaft, Nähe, Gemeinschaft, geistiger Auseinandersetzung mit einander im besten Sinne, ebenso wie Eitelkeiten, Geltungs- und Machtbedürfnisse.

Wie in Rezas Meistwerk Der Gott des Gemetzels (2006) entzündet sich ein Streit über ein Thema, die Akteure zeigen bislang unterdrückte Seiten ihres bürgerlichen Umgangs miteinander und gehen verbal (z.T. sogar körperlich) aufeinander los, wobei die Frontlinien ständig wechseln. So wird der Umgang mit Kunst, Kunstmarkt und Geld zugleich mit Themen wie Freundschaft, Offenheit, Verletzlichkeit, Selbstbild und Fremdwahrnehmung abgehandelt. Nach einem heftigen, aber reinigenden Kunstgewitter finden die Protagonisten wieder zurück zu dem, was sie miteinander verbindet und was ihr Zusammensein bis zum Kauf des Bildes wertvoll machte.

Bildende Kunst vermag es von jeher, verborgene Gefühle sichtbar zu machen. Sie diente der Literatur stets als Inspiration für große Geschichten. Schon über hundert Jahre vor Reza beschäftigte sich ein namhafter Autor mit einem ähnlichen Thema: in Oscar Wildes Roman Das Bildnis des Dorian Gray (1890) altert das Porträt eines Menschen stellvertretend für den Porträtierten, während in Yasmina Rezas Kunst ein inhaltleeres und weißes Bild eine ganze Bandbreite übergangener Eigenschaften der Akteure entfesselt und nahezu einen langjährigen Freundeskreis zu sprengen droht. Doch wie kann man Kunst eigentlich erfassen? Joseph Beuys plädierte für den erweiterten Kunstbegriff der "Sozialen Plastik", die auch das menschliche Handeln, das unsere Gesellschaft formt, als Kunst mit einschließt. Hierunter fällt nun nicht mehr nur das materiell fassbare Artefakt. Als Künstler könnte man hier so natürlich auch die Darsteller Benjamin Berger, Hajo Tuschy und Sören Wunderlich bezeichnen, die höchst ausdrucksstark, kraftvoll und fesselnd das Zusammenspiel bis hin zum versöhnlichen Ende vorantreiben, ohne je ins Klamaukhafte abzugleiten.



Kunst von Yasmina Reza am Theater Bonn | Foto (C) Thilo Beu

Ansgar Skoda - 10. Dezember 2016
ID 9738
KUNST (Kammerspiele Bad Godesberg, 08.12.2016)
Regie: Jens Groß
Bühne und Kostüme: Emilia Schmucker
Dramaturgie: Elisa Hempel
Besetzung:
Marc … Hajo Tuschy
Serge … Benjamin Berger
Yvan … Sören Wunderlich
Premiere am Theater Bonn: 8. Dezember 2016
Weitere Termine: 17., 21., 25., 29., 31. 12. 2016 // 7., 14., 19., 27. 1. / 10. 2. 2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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