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Premierenkritik

Bissige Satire, mit Hund



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Der Schriftsteller Michail Bulgakow (1891-1940) gilt als der große Satiriker der russischen Literatur. Obwohl er auch einige Theaterstücke geschrieben hat, finden immer wieder eher seine Romane und Erzählungen den Weg auf die Bühne. So auch sein wohl berühmtester und eigentlich als unaufführbar geltender satirischer Roman Der Meister und Margaritha. Es gibt vielbeachtete Fassungen von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne, in der Regie von Niklaus Helbling am Wiener Burgtheater und jüngstens auch eine von Wolfgang Engel am Staatsschauspiel Dresden. Das für sein fantastisches Bildertheater bekannte Ton und Kirschen Wandertheater hat sich nun die 1925 entstandene satirische Erzählung Hundeherz vorgenommen. Ebenfalls ein Beispiel für Bulgakows Vorliebe für Tierallegorien auf menschliche Verhaltensweisen.

Wie auch Fjodor Gladkow in seinem Roman Zement (Stückfassung von Heiner Müller) übt Bulgakow in Hundeherz v.a. Kritik an der Neuen Ökonomischen Politik in der Sowjetunion der 1920er Jahre, die die idealistische Prägung des Menschen zu Gunsten eines bürokratischen Kommunismus verdrängte. Das hatte statt des angestrebten „neuen sowjetischen Menschen“ die Ausbildung einer neuen kleinbürgerlichen Schicht zur Folge, die eher gewinnbringenden kapitalistischen Tugenden frönte. Bulgakow greift für seine Satire auf jene Art des neuen Menschen bekannte literarische Vorbilder wie Marie Shelleys Frankenstein und Goethes Faust auf oder auch pseudowissenschaftliche Thesen mittels Transplantationen von Tierorganen den Menschen verjüngen zu können.

Solch ein Wissenschaftler ist Professor Preobraschenski (David Johnston), der in Moskau eine Praxis für Schönheitsoperationen führt und mit seinen Methoden ewige Jugend und Unsterblichkeit verheißt. Zum Beispiel beabsichtigt er einer reiferen Dame die Eierstöcke eines Affen zu verpflanzen und versorgt einen Herrn mit dem entsprechend hervorragenden Geschlechtsteil. Für ein weiteres Experiment sammelt er einen zerlumpten und gepeinigten Straßenköter auf und lockt ihn mit guter Stutenwurst in sein Haus. Der arme Sharik, wie ihn der Professor alsbald nennt, gibt nur allzu gern seine geliebte Freiheit für ein warmes Plätzchen und gutes Futter auf. Hier vollzieht sich die erste Wandlung. In einer Nacht- und Nebelaktion - die Leiche eines frisch Verstorbenen ist gerade angefallen - werden dem nichtsahnenden betäubten Hund die Hypophyse und Hoden des Säufers und Kleinkriminellen Klim Grigorjewitsch Tschugunkin eingepflanzt.

Die dramatische Umsetzung der Novelle findet hier auf einem von zwei hohen Straßenlaternen beleuchteten kargen Holzpodest statt. Müll wird auf die Bühne gekippt, und die winterliche Atmosphäre erzeugen hochgeworfene Plastikflocken. Den Schneesturm, der an einer frierenden Sekretärin (Margarete Biereye) zehrt, imitiert ein Zupfen von hinten an ihrem Rock und Mantel. Mit solch einfachen Mitteln zaubert das Ensemble von Ton und Kirschen zu Bulgakows poetischen Worten die entsprechend sprechenden Bilder. Der Hund Sharik ist eine Puppe, (geführt von Nelson Leon und Daisy Watkiss), kann sich kratzen, herzzerreißend jaulen und freudig mit dem Schwanz wedeln. Die Operation ist ein kleiner dramatischer Höhepunkt, in dem das weiß gewandete Team um Prof. Preobraschenski und dessen Freund Dr. Bormenthal (Rob Wyn Jones) angestrengt mit Skalpell und Knochensäge hantiert.

Das Ergebnis entwickelt sich allerdings nicht wie gewünscht. Der Hund wirft zunächst sein Fell und den Schwanz ab, beginnt aufrecht zu gehen und nennt sich fortan Sharik Sharikov (Nelson Leon). Er nimmt alle unangenehmen Eigenschaften seines Organspenders an und noch einige mehr. Auch das proletarische Hauskomitee unter den Genossen Schwonder, Wjasemskaja und Knallikow (Richard Hentschel, Polina Borissowa und Rob Wyn Johns) interessiert sich zunehmend für den neuen Bürger in der viel zu großen Wohnung des Professors. Sharikow bekommt Papiere, wird indoktriniert und gegen seinen ehemaligen Herrn aufgehetzt. Als er schließlich auch noch einen Posten als Leiter der Unterabteilung zur Säuberung der Stadt Moskau von streunenden Tieren erhält und nun nicht nur Frauen sondern auch sämtlichen Katzen der Stadt nachsteigt, ist die Geduld des Schöpfers am Ende. Nach einer erneuten Betäubung macht der Professor sein Experiment rückgängig.

Mit viel Musik, Masken- und Puppenspiel sowie einem gehörigen Schuss Humor werden die Figuren der Erzählung belebt. Der kolumbianische Schauspieler Nelson Leon als Sharikow zieht in der Darstellung des verkommenen, hündischen Menschen wieder alle Register seines komödiantischen Könnens. Er sorgt für jede Menge Chaos bei Tisch und im Bad, sein Bühnencharakter säuft, flucht, klaut und hurt. Das gute Hundeherz hat sich in ein menschliches verwandelt. Nur, wie der desillusionierte Professor auch feststellt: „Wenn einer spricht, heißt das noch lange nicht, dass er ein Mensch ist.“ Dem Ton und Kirschen Wandertheater ist nach Hans im Glück im letzten Jahr mit der Bühnenumsetzung von Bulgakows bissiger Satire wieder eine wunderbar märchenhafte Parabel auf die Schwierigkeit des Menschen auch immer Mensch zu bleiben gelungen, was in unserer heutigen Zeit nicht an Aktualität verloren hat.



Foto (C) Jean-Pierre Estournet

Stefan Bock - 16. November 2014 (2)
ID 8252
HUNDEHERZ (Fabrik Potsdam, 14.11.2014)
Inszenierung: Margarete Biereye & David Johnston
in Zusammenarbeit mit den Darstellern
Bühnenbild und Licht: Daisy Watkiss
Sounds: Regis Gergouin, Nelson Leon und Daisy Watkiss
Konstruktionen: Regis Gergouin
Marionetten: Nelson Leon und Daisy Watkiss
Gastspielmanagement: Catherine Launay
Darsteller: Polina Borissova, Regis Gergouin, Richard Henschel, Rob Wyn Jones, Nelson Leon, Daisy Watkiss, Margarete Biereye und David Johnston
Premiere war am 14. November 2014
Weitere Termine: 21., 22. + 23. 11. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://tonundkirschen.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de




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