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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Das kleine

Menschel

Singer



Hiob am DT Berlin | (C) Arno Declair

Bewertung:    



„Birth - Love - Death“ stand auf einem in drei Kabinen unterteilten Karussell auf der von Bert Neumann zu Johan Simons legendärer Hiob-Inszenierung 2008 an den Münchner Kammerspielen gestalteten Bühne. Ein Sinnbild auf den ewigen Reigen des Lebens - from the cradle to the grave - in einer grandiosen Adaption von Joseph Roths gleichnamigem Bestseller. In dessem 1930 veröffentlichten Roman über den Leidensweg des einfachen, orthodoxen Tora-Lehrers Mendel Singer aus dem fiktiven jüdischen Schtetl Zuchnow in Russland verarbeitete der Autor nicht nur eigene harte Schicksalsschläge wie die bei seiner Frau diagnostizierten Schizophrenie, sondern reagierte auch auf die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs sowie die Widersprüche zwischen technischem Fortschritt in der Moderne und jüdischer Tradition.

Der gottesfürchtige Jude Mendel Singer fühlt sich durch den Tod seines Sohnes, seiner Frau und dem Wahnsinn seiner Tochter wie der biblische Hiob von Gott über Gebühr geprüft, bis er als alter Mann im fremden, Glück verheißenden Amerika einsam und gebrochen den Glauben verliert und seinen grausamen Gott verflucht. Trost und neue Hoffnung bringt ihm am Ende nur die Wiederkehr seines verloren geglaubten Sohns Menuchim, den die Familie einst wegen dessen Epilepsie in Russland zurücklassen musste. Roth stellt hier in fast biblischer Sprache natürlich auch sehr existentielle Fragen an den Sinn des Lebens und den Glauben des Einzelnen an Gott in einer Welt des Leids.

Das passt natürlich sehr gut ins Spielzeit-Motto des Deutschen Theaters „Der leere Himmel“. Dass es dabei in einer Berliner Theatersaison voll von epischen Stoffen schon wieder eine Romanadaption sein muss, zeigt nur erneut die Ratlosigkeit von Theaterschaffenden und ihr Unvermögen, auf die Suche nach zeitgenössischer Dramatik zu gehen. Nachdem man an den Kammerspielen des DT mit der spielfreudigen Romanadaption von Turgenews Väter und Söhne in der Regie von Daniela Löffner einen veritablen Coup gelandet hatte und damit sogar zum Theatertreffen eingeladen wurde, hoffte man mit der Hiob-Inszenierung von Anne Lenk (in eigener, gemeinsam mit der Dramaturgin Sonja Anders entstandenen Fassung) natürlich auf einen ähnlichen Erfolg.

Diese Hoffnung hat sich leider nicht ganz erfüllt. Große Theaterwunder sind eher selten im Doppelpack zu haben. Und wie dem vorher als Leidensmann stoisch alles wegsteckenden und nun plötzlich vor Wut zu schäumen beginnenden Bernd Moss in der Rolle des vom Glauben abfallenden Mendel Singer im großen Amerika geraten wird, doch besser an kleinere Wunder zu glauben, so backt man am DT mal wieder nur kleine Brötchen auf großer Bühne. Und das beginnt zunächst auch sehr spartanisch mit einem sich in die Länge ziehenden Prolog an der hölzernen Bühnenrampe, die durch einen kleinen Graben von einem stahlumrahmten dunklen Gaze-Vorhang abgetrennt ist.

Edgar Eckert, Camill Jammal und Lisa Hrdina als Geschwister Jonas, Schemarja und Mirjam, die älteren Kinder Mendel Singers, performen die Vorgeschichte im Schtetl als szenischen Romanvortrag. Dazu gibt es Videobilder, Licht- und Schattenspiele hinter dem Vorhang; und der als kranker Bruder Menuchim (gedoppelt als kleine Stoffpuppe) zunächst stumm am Rand sitzende Alexander Khuon wird, anstatt man ihn in eine Regentonne steckt, mit Wasser bespuckt und den leeren Plastikflaschen verprügelt. Menuchim ist aber nicht totzukriegen. „Er lächelte und lebte.“ Und sagt irgendwann Mama. Das geht so ein Weile, bis sich aus dem Dunkel hinter dem Vorhang Almut Zilcher als Mutter Deborah und Bernd Moss als Mendel Singer dazugesellen. Auch sie erzählen mehr als das sie spielen. Die Handlung schreitet so voran, die Spannung stagniert eher.

Das ist das große Problem des nacherzählten Romans. Beschreibungen, Gedanken und Reflexionen lassen sich kaum wirkmächtig darstellen. So entsteht hier mehr eine szenisch bebilderte Aneinanderreihung des Erzählten. Erst letztens war das sehr gut in Matthias Hartmanns Adaption des Dostojewski-Romans Der Idiot am Staatsschauspiel Dresden zu beobachten. Gepaart mit Ironie und Spiellaune schlägt das im besten Fall noch ins Unterhaltsame um, ansonsten macht sich schnell Langeweile breit. Am DT menschelt es zudem sehr oft und übertrieben. Besonders Almut Zilcher hat hier ein paar Szenen als treusorgende und einfallsreiche Mutter, die den kranken Menuchim zum prophezeienden Rabi schleppt, oder versucht ihre Söhne vom Militär freizukaufen.

Im Gegensatz zum still duldenden Mendel, der sich ins Unabwendbare fügt und auch das schwindende körperliche Begehren in seiner Ehe wie von Gott gewollt hinnimmt, setzt Deborah zumindest einige resolutere Worte á la "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott" entgegen. Viel hilft das allerdings nicht. „Gegen den Willen des Himmels gibt es keine Gewalt.“ Und so redet sich Mendel Singer das Unglück geradezu selbst herbei, weil er das Glück, das er in Händen hält, nicht erkennen will. Das Paradox: Die schmale Welt des Schtetls vor dem Vorhang verstellt zwar den Blick über den Tellerrand, aber schützt auch vor Identitätsverlust und Entfremdung, wie sie sich schnell in der neuen Welt Amerika einstellen.

Krass bunt und weit nimmt sich die große Stadt New York aus, wohin Sohn Schemarja, der sich nun Sam nennt, vor der Armee geflohen ist, und die Eltern samt Schwester Mirjam, die den sexuellen Umtrieben mit den Kosaken entrissen werden soll, nachholt. Der dunkle Vorhang fährt nach hinten und gibt eine Bühnenschräge frei, auf der alle wie fremdgesteuerte Zombis in rot-weiß gestreiften Kostümen herumrennen, englisch radebrechen und von Geld, Geschäften oder dem Kino schwärmen. Mendel geht aber von Lärm und fremden Gerüchen überwältigt schnell auf die Bretter. Hier klingt durchaus auch etwas Kapitalismuskritik an, aber vor allem das Thema der jüdischen Entwurzelung im Exil wie bereits im kürzlich am Gorki Theater adaptierten Roman Feinde von Isaac B. Singer.

Der in Europa ausgebrochene Krieg nimmt Mendel die Söhne, lässt die Frau sterben und die Tochter dem Wahnsinn anheimfallen. Nur passiert das hier alles so en passant - wie der Wutausbruch Mendels, der sich gerade noch an den Schuhen seines Sohns festhielt, während ein als Onkel Sam verkleideter Pfleger Tochter Mirjam in die Anstalt abholt. So bleibt nur der ständig auf der Bühne präsente Menuchim als Erzähler übrig. Mit ihm trudelt die Inszenierung ins mit Gott versöhnende und tröstende Ziel und verliert dabei doch alle wirklich existentiellen und spirituellen Fragen des Lebens aus den Augen. Man sieht die Bilder und hört Roths klare, aneinandergereihte Sätze, allein es fehlt der Glaube.



Hiob am DT Berlin | (C) Arno Declair

Stefan Bock - 3. April 2016
ID 9235
HIOB (Deutsches Theater Berlin, 31.03.2016)
Regie: Anne Lenk
Bühne: Halina Kratochwil
Kostüme: Silja Landsberg
Musik: Leo Schmidthals
Video: Clemens Walter
Dramaturgie: Sonja Anders.
Mit: Bernd Moss, Almut Zilcher, Edgar Eckert, Camill Jammal, Lisa Hrdina und Alexander Khuon.
Premiere war am 31. März 2016
Weitere Termine: 9., 24. 4. / 3., 14., 24. 5. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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