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Premierenkritik

Heimliches Berlin von Franz Hessel - eine Romanadaption von Daniel Schrader



Bewertung:    



Die kleine Berliner Off-Bühne Ballhaus Ost hat sich ein neues Online-Outfit verpasst, und auch die Einschusslöcher im alten Fassadenputz des Hinterhauses in der Pappellalle sind frisch vergoldet. Auffrischung von Stadt- und Kulturgeschichte einer sich im Abstand der Epochen immer wieder aus den Ruinen ihrer Vorgänger runderneuernden Metropole. Berlin ist dann auch Thema der neuen Spielzeit, die am Donnerstag mit der Premiere von Heimliches Berlin, der Adaption eines kleinen Romans des Schriftstellers und passionierten Stadtspaziergängers Franz Hessel (1880-1941), eröffnet wurde.


Einigen Literaturinteressierten ist Franz Hessel vielleicht auch als Verleger und Lektor bei Rowohlt (u.a. für Mascha Kaléko und Joachim Ringelnatz) oder als Freund Walter Benjamins bekannt. Die Dreiecksbeziehung zwischen Hessel, seiner Frau Helen und dem Kunsthändler und Schriftsteller Henri-Pierre Roché diente diesem als Vorlage für den Roman Jules und Jim. Durch Françoire Truffauts Verfilmung aus dem Jahr 1962 wurde die Geschichte unsterblich.

In Walter Benjamins Rezension zu Hessels Band Spazieren in Berlin, Leipzig und Wien (1929), unter dem Titel Die Rückkehr der Flaneurs selbst zum literarisches Kunstwerk geworden, heißt es: „Baudelaire hat das grausame Wort von der Stadt, die schneller als ein Menschenherz sich wandle, gesprochen. Hessels Buch ist voll tröstlicher Abschiedsformeln für ihre Bewohner. Ein wahrer Briefsteller des Scheidens ist es, und wer bekäme nicht Lust, Abschied zu nehmen, könnte er mit seinen Worten Berlin so ins Herz dringen wie Hessel seinen Musen aus der Magdeburger Straße.“ Diese haben sich, wie so vieles andere, bereits seit Langem unwiederbringlich aus dem Stadtbild Berlins verabschiedet. Trost findet der Suchende nur in der Beschreibung der ewigen Flaneure wie Franz Hessel.



Passt jenes Zitat aus Hessels „Schauspiel der Flanerie“ zum flüchtigen Berlin auch wesentlich besser - wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge im Ankündigungsfoto zur Inszenierung - ist für den Künstler, und hier im Speziellen den Theatermacher wohl Hessels 1927 erschienener Kurzroman Heimliches Berlin doch weitaus interessanter. Er gibt den Rahmen eines klassischen Schauspiels schon allein durch die szenische Aufteilung und die zeitliche Abfolge eines einzigen Tages vor. Die Renovierung von Hessels Portrait der Berlin-Bohème in den 1920er Jahren übernahm nun Ballhaus-Chef Daniel Schrader höchstpersönlich. Und da besteht natürlich immer die Gefahr der Überstülpung des feingewebten Stoffes mit einer allzu groben, modernen Ästhetik.

Den Sound der modernen Großstadt, die Berlin ja auch während der Goldenen Zwanziger bereits war, produziert zu Beginn Musiker Conrad Rodenberg mittels Schlagzeug und Samples von Autohupen und Telefonanrufern („Hallo Fräulein vom Amt“). Toncollagen des Pulsschlags einer nie schlafenden Stadt. Hessels Bohemiens aus Salons, Kneipen, Bars und Nacht-Varietés feiern einen Maskenball auf der Bühne, die Wieland Schönfelder mit einem kastenartigen Raum ausgestattet hat, über dem sich ein durchsichtiges Gartenhäuschen auf einem Gerüst befindet. Und sie machen sich in seidenen Gewändern, glänzenden Boddies und Tutus zunächst etwas lockerer.

Die Lockerheit des Flaneurs. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Alles ist möglich, nichts wird. Geplant ist ein Ausbruch aus der Enge Berlins, mehr aus Langeweile als aus den Fesseln einer Ehe. Die verheiratete Karola ist verliebt in Wendelin, „ein junger Mensch, dessen Erscheinung die Männer und Frauen seines Bereiches erfreute, ohne daß sie sein Wesen näher nachforschte“. Er stammt aus verarmtem Adel, alles, was er hat, ist seine Wirkung. Und das scheint neben dem - schöne Menschen, Partygänger und Künstler - weiterhin magisch anziehenden Schauplatz Berlin die Parallele zu sein, die Regisseur Schrader wie eine Schablone über seine Inszenierung legt. Das heutige Kunstprekariat hängt den armen Poeten an die Wand.

Ihr Chic, die Noblesse sind nur geborgt oder vom Trödel. Die zehn Mark, die E.I. Eißner, der Inflationsgewinnler und liebevolle Sponsor der ganzen Bagage, in Hessels Buch der mondänen Karola ohne mit der Wimper zu zucken für einen Kindermantel aus weißem Leder spendiert, werden hier schon zum Problem. Heute gibt es keine so bereitwilligen Mäzene und Sponsoren mehr. Die Kreativszene hängt am Tropf der öffentlichen Subvention. Das fängt Schraders Inszenierung sehr gut ein. „Wie kostbar! Aber gar nicht praktisch.“ ruft auch Karolas Schwester Oda einmal beim Anblick der weißen Lederjacke aus. Ein leiser Verweis auf die Hauptpersonen des Romans, Wendelin und Karola, deren Schönheit einzige Daseinsberechtigung scheint. Man kann das durchaus auch mit dem Luxus, sich schöne Kunst zu leisten, gleichsetzen.

Denn nichts ist in Hessels Roman unbedacht oder rein zufällig dahingesagt. Obwohl es meist so wirkt und sich die Plaudereien, z.B. die Erzählung über einen alten Lehnstuhl aus dem Familienerbe der Familie Wendelins, bisweilen ins anscheinend Belanglose ziehen. „Zeitgemäß erzählst du gerade nicht, sondern mehr wie in einer Zeit der Zeit, die noch Zeit hatte.“ Ein abgewandeltes Tucholsky-Zitat aus dem Buch, typisch für diese Zeit, die in völliger Zeitlosigkeit verharrte. Ein anderes der russischen Dichterin Marina Zwetajewa im Pariser Exil der 20er Jahre reklamierte für sich: „Ich habe das Recht, nicht mein eigener Zeitgenosse zu sein.“ Ganz anders als die in hektischer Betriebsamkeit um Anerkennung ringenden und zum Daueroutput gezwungenen Künstler heute.

Der ruhende Mittelpunkt der rastlosen Rasselbande ist der Intellektuelle Clemens, der sich im philosophischen Gespräch mit dem reinen Toren und Narzissten Wendelin versiert gegen den drohenden Verlust seiner Frau Karola behaupten kann. Beide tun das hier dampfplaudernd auf imaginierten Skateboards mit dem obligatorischen Coffe to go oder auch mal einem tollen Smoothie in der Hand. Schröders schöne NarzisstInnen sind Gina Henkel als schlafwandlerische Karola, Wieland Schönfelder als wuseliger Wendelin, Toni Jessen als philosophierender Clemens im Schlafrock, Tina Pfurr als Margot ohne t, Ina Tempel in den Rollen der treuen Oda bis zur Varietésängerin Fancy Freo, und Andreas Klopp gibt den Eißner mit goldglänzendem Gesicht.

Schrader parodiert mit sehr viel Selbstironie die in ihren Projekten verhafteten Kreativtüftler Berlins. Eine Leise Kritik an der schwadronierenden Künstlerbohème schwingt ja auch in Hessels Roman. Gleichzeitig gilt beiden natürlich Schraders Sympathie. Gleichzeitigkeit verheißt auch die schnelle Moderne. Morgens hier, abends da. Allerdings wird das hier zur schrillen Farce und mitunter bloßen Comedy. Hessels Ton treffen der Regisseur und seine Darsteller nicht ein einziges Mal. Alles ist etwas zu laut, zu hektisch, zu hyperventilierend. Wildes Sampling und Soundcollage aus Gegenwart und Vergangenheit will diese Inszenierung sein.

Ist Hessels Roman ein Großstadtmärchen aus anderen Tagen, so ist Schraders Inszenierung eine Zeitreise durch Berlin zwischen Utopie und Nostalgie. Dazwischen liegt das Provisorische, was den Reiz der Stadt Berlin noch immer ausmacht. Arm aber sexy gilt weiterhin als alles anziehende Duftmarke der alten wie neuen Berliner Bohème. Man zieht in die Paris Bar oder singt West-Ohrwürmer wie "Kreuzberger Nächte sind lang" verschnitten mit dem Ost-Hit "Du hast den Farbfilm vergessen". Dagegen sind ein alter Kulturfunktionär der DDR oder Walter Benjamin, den Schrader immer wieder als Sachwalter Hessels bemüht, die reinsten Anachronismen. Der Sturm des Fortschritts treibt den Engel der Geschichte unaufhaltsam in die Zukunft. Die Trümmerhaufen wachsen weiter. Utopische Zustände dauern höchstens 20 Jahre, heißt es. Das vom Roman abweichende Ende wirkt da nur noch angeklebt.



Heimliches Berlin im Ballhaus Ost - Foto (C) Cam Matheson 


Stefan Bock - 30. August 2014
ID 8049
HEIMLICHES BERLIN (Ballhaus Ost, 28.08.2014)
REGIE: DANIEL SCHRADER
BÜHNE: WIELAND SCHÖNFELDER
KOSTÜME: NINA KROSCHINSKE
MUSIK: CONRAD RODENBERG
DRAMATURGISCHE MITARBEIT: NICOLA AHR
LICHT: VOLKER M. SCHMIDT
MIT: GINA HENKEL / TONI JESSEN / ANDREAS KLOPP / TINA PFURR / CONRAD RODENBERG / WIELAND SCHÖNFELDER / INA TEMPEL
Premiere war am 28. August 2014
Weitere Termine: 30. 8., 4. + 5. 9. / 5. - 7. + 9. 11. 2014
EINE PRODUKTION VON DANIEL SCHRADER / BALLHAUS OST

Weitere Infos siehe auch: http://www.ballhausost.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de




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