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Faust 1 am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) Matthias Horn

Bewertung:    



Es ist nicht ganz fair, aus der misslungensten Szene des Abends eine Überschrift zu machen. Aber den Faust auf die hier gesehene Art zu vierteilen, ist auch nicht fair, selbst wenn ein Vergleich mit den Schweden im Dreißigjährigen Krieg vielleicht zu weit hergeholt ist. Geviertelter Faust vervierfacht in dieser Form den Faust mitnichten, sondern hackt ihn so klein, dass den vier Darstellern kaum was zu spielen bleibt.

Dabei ist die Idee der Aufspaltung weder neu noch schlecht, nur unterschieden sich die Teilfäuste hier lediglich in Geschlecht, zugedachter Rolle (u. a. als Arzt und Patient) und Kostümierung. Wenn die Botschaft „Faust als Jedermann“ sein sollte, kam sie zumindest bei mir nur sehr verstümmelt an.

Sinngemäß gilt dies auch für das Bühnenbild (Esther Bialas): Die gesamte Handlung in ein Krankenhaus zu verlegen, klingt spannend, die Station einschließlich des trostlosen Wartebereichs und des unvermeidlichen Grünpflanzenensembles wirkte auch sehr durchdacht aufgebaut, nur sprang dabei außer ein paar naheliegenden Comedy-Ideen wenig heraus. Mephisto (auch dieser aufgeteilt in Physiotherapeutin und Krankenpfleger) war ein Teufel in Weiß, aber einen triftigen Grund dafür fand ich nicht. Dass ein echter Pudel hereingetragen wurde, mag man noch originell finden, für den folgenden Umtausch in ein Stofftier und noch mehr für das eingespielte Kläffen, das Rosa Enskat ins, pardon, Maul gelegt wurde, brauchte es dann doch Leidensfähigkeit.

Es war beileibe nicht so, dass der klassische Stoff unter all den Wunderlichkeiten des Abends verschwand, das Nationalheiligtum blieb zumindest inhaltlich im Wesentlichen unversehrt, und die dramaturgischen Eingriffe (z.B. die Aufteilung und Verlagerung des Prologs mitten in die Handlung oder die Neuordnung von Gretchens Familienverhältnissen) waren nachvollziehbar. Die vermutete radikale Neuinterpretation durch den Blick von außen (der Regisseur Linus Tunström ist Schwede, Intendant in Uppsala und inszenierte erstmals in Deutschland) war das nicht, man sah halt eine moderne Aufführung des Faust wie man sie häufig sieht, mit einigen Stärken, aber auch einer Menge Schwächen.

Dazu zählt für mich unbedingt, dass dem armen Jan Maak im Rahmen der Hexenküche erst das ideale Frauenbild abverlangt wurde, das er nackert und mit zwischen den Beinen geklemmten Schwänzchen zu verkörpern hatte, und wenig später die Darstellung der Hexe als ein vor das Gemächt gehaltener sprechender Totenkopf. Sicher ist das Geschmackssache, aber der Wahrheitsfindung diente es nicht wirklich.

Zur Walpurgisnacht wurde schon angedeutet, dass diese von mir als missglückt angesehen wird. Die Fäuste als Rockband playbacken zu lassen, na gut, warum nicht. Aber deren (schwedischer?) Hardrock grenzte an Körperverletzung, und für all den Aufwand war es dann doch recht wenig Erkenntnisgewinn. Den damit einhergehenden bluttriefenden Schwangerschaftsabbruch von Gretchen hätte ich bestimmt nicht vermisst, weniger ist eben oftmals mehr.

Auch die häufige Präsenz eines Kindes auf der Bühne legitimierte sich lediglich aus dessen späterer versehentlicher Einschläferung (anstelle der Mutter bei Goethe) und sorgte ansonsten nur für einen Niedlichkeitsfaktor.

Der Faust blieb als Figur insgesamt blass, da konnten auch Tom Quaas und Torsten Ranft trotz sehenswerter Einzelszenen wenig reißen. Hannelore Koch fremdelte in ihrer Rolle, und Peter Pagel schien sein Bademantel eher eine Zwangsjacke zu sein.

Als Teil-Mephisto hatte Jan Maak zumindest zeitweise die Chance, lakonisch und zynisch zu sein. Er nutzte diese und machte damit in Teilen die Peinlichkeit des Hexenküchen-Auftritts vergessen, zumal ihm auch die wesentlichen Sätze von Wagner und Valentin übertragen wurden, was für mich zu den besten Ideen der Inszenierung gehörte.

Auch Rosa Enskat hatte den (größeren) Part von Mephisto zu spielen und changierte zwischen großartig und nichtssagend. Wenn man sie in den Ratten gesehen hat, weiß man, wie viel Potential da regieseitig verschenkt wurde.

Christine Hoppe wirkte dagegen als von allen Regieideen unbeeinträchtigt und gab ihrem Gretchen trotz der modernen Verortung als Putzkraft mit äußerst präzisem Spiel Größe und Wahrhaftigkeit. In ihren Szenen spürte man am ehesten die Zeitlosigkeit des Stoffes.

Angesichts der hohen Erwartungen, die eine Faust-Inszenierung allgemein und in dieser Konstellation ganz besonders weckt, ging der Berichterstatter unzufrieden nach Hause. Dem doch verhältnismäßig spärlichen Beifall nach zu urteilen war er damit nicht der Einzige.



Faust 1 am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) Matthias Horn
Sandro Zimmermann - 1. Dezember 2014
ID 8286
FAUST 1 (Schauspielhaus, 29.11.2014)
Regie: Linus Tunström
Bühne und Kostüm: Esther Bialas
Musik: Knut Jensen
Dramaturgie: Armin Kerber und Felicitas Zürcher
Licht: Michael Gööck
Besetzung:
Faust ... Hannelore Koch, Peter Pagel, Tom Quaas und Torsten Ranft
Mephisto ... Rosa Enskat und Jan Maak
Gretchen ... Christine Hoppe
Gretchens Kind ... Eva Lotta Taggesell / Marysol Wandslebe
Patient ... Max Rothbart
Premiere war am 29. Novfember 2014
Weitere Termine: 2., 8., 17. 26. 12. 2014 / 3., 11., 28. 1.; 6., 21. 2. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de


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