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Premierenkritik

Gediegenes

Stadttheater



Europa am Hans Otto Theater Potsdam | Foto (C) HL Böhme

Bewertung:    



Tobias Wellemeyer, noch Intendant des Hans Otto Theaters Potsdam, denkt sicher schon ans große Abschiednehmen. Bevor er es jedoch im Mai noch mal mit Shakespeare stürmisch auf der großen Bühne zugehen lassen will, musste Wellemeyer für den Regisseur Christian Weise einspringen und das Stück Europa, ein Antiken-Digest des Autorenkollektivs Soeren Voima inszenieren. Für Voima-Spezi Weise wäre dieser Zusammenschnitt aus drei Tragödien nach Sophokles und Euripides wohl auch eher ein großer Spaß gewesen. Man kennt seine ironisch überbordenden Regiearbeiten aus dem Maxim Gorki Theater und dem Ballhaus Ost in Berlin. Tobias Wellemeyer kann sich hier aber nicht so recht zwischen Tragödie und Komödie entscheiden und macht auf gediegenes Stadttheater.

Europa wurde 2000 im Theater am Turm (TAT) in Frankfurter a.M. uraufgeführt. Hinter dem Autorenpseudonym Soeren Voima verbargen sich damals u.a. der Uraufführungsregisseur Robert Schuster, sein Kollege Tom Kühnel und der Schauspieler und Autor Christian Tschirner, der mittlerweile allein weitermacht. Gemeinsam wollte man ab 1999 das traditionsreiche TAT (u.a. inszenierten hier Claus Peymann und Rainer Werner Fassbinder) reformieren. Ein Versuch, der nach drei Spielzeiten beendet war. Seit der Flüchtlingskrise europat es wieder gewaltig auf deutschen Bühnen, und selbst Ersan Mondtag hatte Textteile des Voima-Stücks für seine Inszenierung von Ödipus und Antigone am Maxim Gorki Theater verwendet. Und auch in Potsdam geht es dann zunächst um Sophokles‘ Tragödie von König Ödipus, der ohne Wissen seinen Vater Laios tötete, das Rätsel der Sphinx von Theben löste und seine Mutter, die Königin Iokaste ehelichte.

Auch Ödipus-Tochter Antigone kommt im Stück vor, allerdings mehr als Randfigur im zweiten Teil, den Phönizierinnen von Euripides, der den Kampf der beiden Ödipus-Söhne Eteokles und Polynikes um den Thron von Theben behandelt. Eine weitaus größere Rolle als Antigone, die sich nach dem Zweikampf ihrer Brüder gegen den Befehl Kreons widersetzt und den Theben-Feind Polynikes begraben will, spielt aber die zweite Ödipus-Tochter Ismene, die hier eine vermittelnde, zukunftsgewandte Rolle an der Seite ihres blinden, von Kreon aus Theben verbannten Vaters im letzten Teil Ödipus auf Kolonos von Sophokles übernimmt. Das ist zwar so nicht ganz korrekt, da dieser Teil zeitlich eigentlich zwischen den ersten beiden steht. Für das Stück Europa stellt der heilige Eumenidenhain vor den Toren des demokratisch regierten Athens allerdings das erlösende Ideal gegenüber einem sich in Kriegen vernichtenden Theben als Sinnbild für Europa dar.

Soweit gut und schön gedacht. Allerdings dekliniert der erste Teil des Abends trotz Kürzungen die allbekannte Ödipus-Tragödie in fast ermüdender Weise durch. Theben ist hier eine moderne Schaltzentrale der Macht, ein sogenanntes „Silikon Theben“. René Schwittay sitzt als Konzernchef Ödipus am Schreibtisch. Hinter einer Glaswand sieht man einen blinkenden Schaltkreis, und die Bürger Thebens laufen in weißen Kitteln aufgeregt hin und her. Irgendein Fehler steckt im System. Gemeint ist der Fluch der Pest, der über der Stadt liegt. Der Mörder des Königs Laios muss laut Orakelspruch von Delphi gefunden werden. Dass es Ödipus selbst ist, wird erst nach und nach klar. Christoph Hohmann tritt hier in Pennerkluft erst prophezeiend als blinder Seher Teiresias und dann als Licht ins Dunkel bringender Hirte auf. Danach gibt es Großalarm, das System stürzt ab und alle schleppen kaputte Computerteile und verknäulte Kabelreste aus der zerstörten Leitzentrale.

Vor der Pause wird noch ein bisschen Krieg gespielt. Die Thebaner tragen nun Militärmäntel und bereiten sich auf den Ansturm der von Polynikes angeführten sieben Barbarenstämme vor. Frédéric Brossier tritt als drohender Samurai mit Talibanbart auf, und Florian Schmidtkes Eteokles verkündet heroisch das Verdikt, nach seinem Tod den Feind der Stadt nicht zu begraben, und bestimmt Kreons Sohn Haimon (Friedemann Eckert) zum Bräutigam seiner Schwester Antigone (Claudia Renner). Bevor er nach der Pause die Macht an sich reißen kann, wird Kreon (Bernd Geiling) aber noch gemäß Weissagung seinen jüngsten Sohn Menoikeus (wieder Friedemann Eckert) für den Sieg verlieren. Als Französisch singende phönizische Klageweiber in Schwesterntracht sehen wir noch Rita Feldmeier, Denia Nironen und Sabine Scholze.

Sehr viel kann hier im Wüten der Männer die besänftigende Ismene nicht ausrichten. Auch später als Ödipus-Begleiterin bleibt Franziska Melzer eher blass. Warum das alles mit einem fast heiligen Ernst, der immer wieder unfreiwillig komisch wirkt, und das vielleicht in ein paar Szenen auch soll, gespielt werden muss, bleibt unklar. Dafür haben Soeren Voima aber in ihr Stück einen erklärenden Erzähler eingebaut. Jan Kersjes gibt ihn als Kadmos, Bruder der phönizischen Königstochter Europa, der auf der Suche nach seiner von Zeus als Stier entführten Schwester vom heutigen Libanon bis nach Griechenland gekommen ist und dort gemäß des Orakelspruchs aus Delphi die Stadt Theben gründete. Aus den ausgesähten Zähnen eines von ihm getöteten Drachens erwuchsen sich bekriegende Männer. Nun ist der weitgereiste Kadmos Wachmann in Theben und später Rechtsanwalt in Athen.

Jan Kersjes unterbricht im ironischen Umgangston immer wieder die sonst im hohen Verston gesprochene Handlung und führt den Fluch der Zerstörung auf die von Gottvater Zeus verübte Untat zurück. Dazu kommt die Hybris der führenden Männer Thebens. Ein vorprogrammierter Zivilisationscrash. Wissenschaft und Fortschritt versinken im alles vernichtenden Krieg. Das moderne Theben sind wir, will uns das Stück sagen. Dem stellt Regisseur Wellemeyer im letzten Teil die heilige Halle eines Kulturtempels entgegen. Ein Museumssaal mit antiken Skulpturen und dem Gemälde Raub der Europa von Max Beckmann (wohl als Reminiszenz an die Potsdamer Beckmann-Ausstellung im Museum Barbarini), in dem der blinde Ödipus erstmal einen Vase vom Sockel haut. Athen ist zudem eine Stadt der Frauen. Rita Feldmeier, zuvor noch Iokaste, ist nun König Theseus und regiert Athen mit ihren adretten Museumswärterinnen, die dem tollpatschigen Mann, der darum bittet, hier sterben zu können, eine von ihm umklammerte Statue entreißen. Nicht ganz unwitzig kann das den ansonsten eher schwachen fast dreistündigen Theaterabend allerdings auch nicht mehr retten.



Europa am Hans Otto Theater Potsdam | Foto (C) HL Böhme

Stefan Bock - 8. April 2018
ID 10631
EUROPA (Hans Otto Theater, 07.04.2018)
Regie: Tobias Wellemeyer
Bühne: Matthias Müller
Kostüme: Ines Burisch
Dramaturgie: Christopher Hanf
Musik: Marc Eisenschink
Theaterpädagogik: Kerstin Kusch
Besetzung:
Kadmos, Erzähler ... Jan Kersjes
König Ödipus ... René Schwittay
Iokaste / Theseus ... Rita Feldmeier
Ismene ... Franziska Melzer
Kreon ... Bernd Geiling
Teiresias, Hirte ... Christoph Hohmann
Antigone / 1. Aufsichtshabende ... Claudia Renner
Eteokles ... Florian Schmidtke
Polynikes ... Frédéric Brossier
Menoikeus / Haimon ... Friedemann Eckert
Die Zuständige ... Denia Nironen
Frau aus Korinth / 2. Aufsichtshabende ... Sabine Scholze
Thebaner ... Philipp Mauritz
Thebanischer Chor ... Ensemble
Chor der Phönizierinnen ... Rita Feldmeier, Denia Nironen und Sabine Scholze
Uraufführung im Frankfurter Theater am Turm war 2001.
Potsdamer Premiere: 7. April 2018.
Weitere Termine: 11., 12., 22.04. / 05., 10.05.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.hansottotheater.de/


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