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Berliner Erstaufführung

Kindheit: ein verspieltes Stück Leben

ENFANTS TERRIBLES im Theaterdiscounter Berlin


Enfants terribles im Theaterdiscounter Berlin - Foto (C) Donata Ettlin | Bildquelle http://www.theaterdiscounter.de

Bewertung:    



Ein Mädchen (Julia Schmidt) im knallbunten Strickpulli steht inmitten eines fünfzackigen Sterns aus fein säuberlich aufgereihtem Zwieback, die Hände vor den Augen. Während seine drei Freunde auf der Suche nach dem idealen Versteck über die Bühne irren, zählt es mit Engelsgeduld nicht etwa bis 1000, sondern bis 1068.

Kinder sind eben so. Dass sich jedoch hinter der vermeintlichen Unlogik der Kleinen bisweilen ganz schön viel Weisheit verbirgt, wird vom Basler Regisseur Marcel Schwald und einem vierköpfigen, kulturell diversen Darstellerteam im Stück Enfants terribles effektvoll vorgeführt. Die schweizerische Produktion, die am 19. Juni Berlin-Premiere im Theaterdiscounter hatte, folgt nämlich selbst ganz eigenen Regeln der Logik: Trotz kleiner dramaturgischer Ungereimtheiten ist die Inszenierung spannend, weil unberechenbar. Auch ohne stringente Handlung lässt sich der rote Faden klar erkennen: Anderthalb Stunden lang umkreist man Fragen nach Identität, altersspezifischem Verhalten und stößt auf die schwierige Sache mit dem Urvertrauen.

Dafür schlüpfen vier Erwachsene in ihr Kinder-Ich. Schwald, der sich auf seiner Website zu seinem Interesse an performativer „Spiegelschrift“ und Interaktion bekennt, macht es den Schauspielern so vielleicht auch einfacher, mit dem Publikum in Kontakt zu treten. „Wie heißt du?“ „Und dein Papa, wie heißt der?“ Man plaudert aus dem Nähkästchen: Von ihren Klassenkameradinnen berichtet Susanne (Abelein), eingewickelt in eine graue Plane, als schütze diese sie vor ungewollten Erinnerungen. Später wird Daniel (Hinojo) in fast beiläufigem Ton von dem Putzwahn erzählen, der ihn als Schulkind in den USA befiel. Kindheitsidylle geht anders - die Scherben- und Zwiebackhaufen vor schwarzem Hintergrund (Bühne: Manuel Gerst) sehen eher nach Grunge oder den düster tapezierten Zimmern einer No-Future-Jugend aus. Auch die Musik (Sound: Matthias Meppelink) passt so gar nicht zur eingangs noch schein-intakten Kinderwelt: Françoise Hardy, Billy Holiday, Elliott Smiths melancholisches „Needle in the Hay”. Ganz zu schweigen vom anschwellenden Klangteppich eines Streichorchesters, gegen den die Figuren anschreien.

Sicher, es gibt ins Visuelle übersetzte Kalauer wie die rohen Spaghetti, die geneigten Zuschauern „zum Rauchen“ angeboten werden. Verzeihlich sind diese allein schon deswegen, weil Schwald und sein Team weder Kindersehnsüchte ins Lächerliche ziehen noch mit Erwachsenenstereotypen aufwarten. Schlichte Büro-und Freizeitkleidung trifft hier auf kitschige Pullover mit Tiermotiv, als sei es das Normalste der Welt (Kostüm: Sophia Röpcke). Die Sprache mäandert zwischen kindlich-simplem Sandkastenpalaver und dem Jargon der „Großen“. Augenzwinkernd und naiv zugleich nimmt man auf Geschlechterrollen, aber auch auf Sexuelles Bezug. „Hoppe, Reiter“, zu dritt auf dem Besen: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Zwischen all den Spielereien wird immer wieder Nachdenkliches eingeschaltet: Manche Menschen seien als Kinder am meisten sie selbst, andere in ihren mittleren und späten Jahren – einer spricht's, und die Freunde plappern es nach.

Glücklicherweise entwirrt die Regie diese chaotische Beliebigkeit des Spiels, dessen anfänglicher Impro-Charme ein wenig unter der scheinbaren Notwendigkeit leidet, Lücken zu füllen. Die folgenden Szenen stecken voller Überraschungsmomente, in denen unsere Vorstellung von einer binär codierten Schwarz-Weiß-Welt vollends über den Haufen geworfen wird. Die Unschuld der Kinder und der Ernst der Erwachsenen verkommen sehr schnell zu fragwürdigen Konzepten, wenn vier Knirpse auf der Bühne des Theaterdiscounters „Picknick mit Drogen“ veranstalten.

Großartiger aber noch funktioniert die subtile Anleitung zum Umdenken, als sich die Gruppe in ein Abenteuer à la Enid Blyton stürzt. Die Fünf Freunde-Episode funktioniert mit ihrer feinen Situationskomik als Herzstück der Inszenierung auch ohne klassischen Handlungsaufbau erstaunlich gut. Die hervorragend aufeinander eingespielten Schauspieler begeben sich auf die Suche nach einer Schmugglerhöhle – hierfür muss wieder die Plane herhalten – und unternehmen zum Schluss eine Floßfahrt ins Ungewisse. Ihr „winke, winke“ gilt ehemaligen Mitschülern, an den sie flussab vorbeitreiben, aber auch prominenten Figuren der 70er und 80er Jahre, die alle einen Eindruck in der Kinderpsyche hinterlassen haben. Hier kippt die heitere Grundstimmung des Stücks unversehens ins Bedrohliche, ohne jedoch ahnen zu lassen, dass das dicke Ende erst noch kommt.

Kunstreich im besten Wortsinn nähert sich Marcel Schwald schließlich dem eigentlich unzeigbaren Thema kindlicher Traumata. In Enfants terribles ist es ein Mädchen (Marko Milic), das zur fleischgewordenen Bauchrednerpuppe wird, weil ihm die Worte fehlen. Wie unschuldig ist das Kind im Manne, der im rosafarbenen Cardigan mit einer riesigen Vogelmaske auf dem Kopf die Dämonen der Vergangenheit wegzutanzen versucht? Das Absurde als einziges Ventil für Emotion ist womöglich auch die letzte Möglichkeit, Kriegserlebnissen und Vereinsamung etwas entgegenzusetzen. Auch wenn es inhaltlich kaum Parallelen gibt, so hat die Produktion doch zumindest den düsteren Unterton mit Jean Cocteaus Roman Les enfants terribles gemeinsam.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass die Kindheit vielleicht doch kein so großartiger Abenteuerspielplatz ist, als den wir sie zurückerinnern - jedenfalls bleibt vom Zwiebackstern schlussendlich nicht viel mehr übrig als Bröselhäufchen. Enfants terribles ist indes eine recht intelligente Verschwendung von Keks: Der Theaterdiscounter entlässt sein Publikum mit viel Denkstoff in die große (Spielzeit-)Pause. An diesem Stoff wird es zu knabbern haben.




Enfants terribles im Theaterdiscounter Berlin - Foto (C) Donata Ettlin | Bildquelle https://de-de.facebook.com/Theaterdiscounter



Jaleh Ojan - 27. Juni 2014
ID 7923
ENFANTS TERRIBLES (Theaterdiscounter, 19.06.2014)
Von und mit Susanne Abelein, Daniel Hinojo, Marko Milic und Julia Schmidt
Konzept/Regie: Marcel Schwald
Bühne/Licht: Manuel Gerst
Sound/Licht: Matthias Meppelink
Kostüm: Sophia Röpcke
Produktion/Dramaturgie: Boris Brüderlin
Produktionsmitarbeit: Christiane Dankbar
Assistenz: Mattia Meier
Illustration/Grafik: Lukas Acton
Berliner Premiere war am 19. Juni 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.theaterdiscounter.de


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