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Premierenkritik

"...schade um

die Menschen"



Ein Traumspiel am Landestheater Niederbayern - Foto (C) Peter Litvai

Bewertung:    



Regisseurin Silvia Armbruster lotet zusammen mit Bühnenbildner Karlheinz Beer die Möglichkeiten des Theaterzelts Landshut raffiniert aus, weitet Strindbergs symbolischstes Werk Ein Traumspiel durch poetische Raumwelten, zarte Tanzsequenzen, atmosphärische Videoprojektionen, ironisiert durch Plastikblumenidylle und integriert durch Textcollagen große Dichter danach im Hinblick auf die politische Misere von heute. Wenig hat sich geändert im Weltenspektakel, das Silvia Armbruster zwischen Gartenzwerg und der Riesentür ins Nichts, der naturalistischen Kleinbürgerlichkeit und der debilen Spaßgesellschaft Revue passieren lässt.

Der Besucher sitzt wie in einem Planetarium unter dem Himmelszelt, aus dem die Himmelstochter Agnes in der Landshuter Version verdreifacht purzelt. Mit Ursula Erb, Paula-Maria Kirschner und Ines Schmiedt erkunden drei Frauen verschiedener Generationen die Welt als Schloss, das durch Leid gefangen hält. Gleichzeitig führen sie drei Frauenmodelle vor Augen, pointiert-facettiert im Sinne von Erich Frieds Gedicht „Was es ist“ – das Leben: Erb ist die personifizierte Vernunft, Schmiedt das naive Mädchen, dazwischen Kirschners Part, der ein tieferes Eindringen in das Wesen der Liebe zwischen Hingabe und Mut zur Selbstfindung eröffnet.

Strindbergs Weltbild lässt keinen Optimismus zu. „Alles Angenehme ist Sünde.“ Die Menschen finden sich nicht - und wenn doch, scheitert die Liebe an den armseligen Verhältnissen, an der Unfähigkeit der Menschen. Die Schuld liegt bei ihnen selbst. Ihre Tragik liegt in der Wiederholung. Sie verbiegen sich immer in den gleichen Situationen.

Darauf fokussiert die Landshuter Inszenierung. Die Menschen leben in den Einschränkungen ihrer Perspektiven und in der eigenen Perspektivlosigkeit. Leer ist die Bühne, geheimnisvoll - ein Alptraum (wie bei Kafka) die riesige versperrte Tür der Einsicht, vor der die Menschen inkl. ihrer Sachverständigen hilflos herumhampeln. Egal ob arm oder reich, ihr Leben ist possenhaft wie eine Comedy-Show. Rechts und links der Bühne, eingepfercht in große Holzschränke der Borniertheit, spannen sich Lebensentwürfe von naturalistischer Kleinbürgerlichkeit zur abstrusen Freizeit-und Partygesellschaft im amerikanischen XXXL-Format. Dazwischen läuft der Offizier (Roland Schreglmann) in Endlosschleife bis ins Osteoporose-Stadium. Der Anwalt für die Menschenrechte (Joachim Vollrath) wird gefeuert, der Europarlamentarier für die Öffnung der Handelsgrenzen und Abschottung der Landesgrenzen macht Karriere. Die Sachverständigen als Riesenpuppen mit Pappmacheköpfen entschlüsseln das Geheimnis um das „Nichts“, das sich schwarz in bester Beckett-Kafka-Tradition hinter der Tür eröffnet. In traumatischer Verlangsamung schlagen sich die Wissensträger die Köpfe ein, hyperventilierend wiederholen Liebespaare ihre Wiederbelebungsversuche. „Es ist schade um die Menschen.“ Resigniert ziehen sich die Himmelstöchter zurück. Es gibt keinen Guten Menschen von Sezuan und moralischen Imperativ wie später 1943 bei Brecht.

Der Landshuter Inszenierung von Strindbergs Traumspiel gelingen großartige Bilder und Verknüpfungen menschlichen Unvermögens über literarische Epochen hinweg mitten in die real gesellschaftspolitische Situation. Doch fehlt dieser Traumspiel-Version die Abgründigkeit traumatischer Bildsymbolik. In der Dreieinigkeit der Himmelstöchter glitzert zu viel märchenhafter Bollywood-Schein. Alles, selbst das Nichts, lässt sich so leicht entschlüsseln. Wenn Josepha Sophia Sem als Pförtnerin davor mit großem Gestus das Tuch des Leidens stickt, spürt man die Absurdität des Leids, doch das multiplizierte Pietabild bleibt dekorative Pose. Jochen Decker als Dichter, mit Lehm beschmiert, wandelt sich zur expressiven Kreatur der Verzweiflung über all den Schmutz des Seins und verkitscht dennoch in gläubiger Pose vor der funkelnden Himmelstochter. In der Vielfalt verliert sich der Schrecken. Strindbergs Alptraum mutiert zum leichtgewichtigen Traumspiel mit einem Gartenzwerg als Frontfigur.



Ein Traumspiel am Landestheater Niederbayern - Foto (C) Peter Litvai

Michaela Schabel - 4. Mai 2015
ID 8619
EIN TRAUMSPIEL (Theaterzelt Landshut, 30.04.2015)
Regie: Silvia Armbruster
Bühnenbild: Karlheinz Beer
Kostümbild: Iris Jedamski
Besetzung:
Ines Schmiedt (Agnes 1)
Paula-Maria Kirschner (Agnes 2)
Ksch. Ursula Erb (Agnes 3)
Roland Schreglmann (Der Offizier)
Joachim Vollrath (Der Anwalt)
Jochen Decker (Der Dichter)
Klemens Neuwirth (Der Zettelankleber, Der Blinde, Ein Sachverständiger [Theologe])
Josepha Sophia Sem (Die Mutter, Die Pförtnerin, Der Schlosser, Die dicke Frau)
Stephanie Marin (Lina, Die unglückliche Sängerin, Die Orchestermusikerin, Die ideale Frau, Eine Sachverständige [Medizinerin])
Reinhard Peer (Der Vater, Ein Tänzer-Zwilling, Der Quarantänenmeister, Ein Sachverständiger [Philosoph])
David Moorbach (Viktoria, Ein Tänzer-Zwilling, Der ideale Mann, Der dicke Mann, Ein Sachverständiger [Jurist])
Olaf Schürmann (Indras Stimme)
Premiere in Landshut war am 30. April 2015
Weitere Termine: 9., 10., 29., 30. 5. (in Landshut) / 17. 5. /in Passau) / 12. 5. (in Straubing)


Weitere Infos siehe auch: http://www.landestheater-niederbayern.de


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