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Premierenkritik

26. April 2014 - Staatsschauspiel Dresden

DIE JÜDIN VON TOLEDO

von Franz Grillparzer


Die Jüdin von Toledo am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) David Baltzer


Was würden Sie aus Liebe tun?

Manchmal gibt es hübsche Zufälle: Nachmittags stellte Figaro seinen Hörern diese Frage [s. Überschrift], und abends wurde das Thema im Dresdner Theater am praktischen Beispiel diskutiert. Aufschlussreich war beides, doch nur von Letzterem ist hier zu berichten.

Ein König, eher ein Königsdarsteller, in dessem fremdbestimmten Leben bislang nichts Echtes passiert ist, verliebt sich Hals-über-Kopf in eine aus dem anderen Volk, das nicht wirklich wohl gelitten ist in Kastilien und anderswo. Aber er ist überfordert damit, für seine Liebe einzustehen, dem kurzen Rausch setzt die Staatsräson ein Ende. Auf diese Schablone lässt sich das wohl reduzieren und passt dann auch auf ähnliche Lebenslagen.

Ein verblüffender Start des Stücks, vor dem Saal TV-Hofberichterstattung, Isaak (Tom Quaas ist an diesem Abend für die gesellschaftliche Dimension des Themas hauptverantwortlich und löst das auch schauspielerisch hervorragend) sitzt mit seinen Töchtern in der ersten Reihe und hat Mühe, die eine davon unter Kontrolle zu halten, die dann auch prompt im Unterholz des heute feierlich zu eröffnenden königlichen Gartens verschwindet. Dabei ist das Juden streng verboten.

Auftritt der königlichen Familie, ein schönes Paar mit Sohnemann (Linus Wacker), es glänzt vor lauter Glück und Harmonie, man möchte Tränen der Rührung weinen, als der Garten vom strahlenden König wortreich der geliebten Gemahlin gewidmet wird. Doch aus dem Baum kräht Pussy Rachel Riot „Propaganda!“ und geht dann gar zur Femen-Taktik über. Man ist not amused bei Hofe, zudem es das Ereignis dann gar in die kastilische Tagesschau schafft, allerdings positiv umgedeutet als Beweis für die große Güte des Königs und seinen aktiven Einsatz für Minderheiten.

Rachel (Sonja Beißwenger anfangs als übermütige Göre, dann als von sich selbst überraschte Verführerin und am Ende als Verzweifelte immer auf sehr hohem Niveau) hatte ihren Spaß, ihr Vater den Ärger und der Hof einen kleinen Skandal, der niemand weh tut. Damit hätte es sein Bewenden haben können, doch ehe Mädchen und König wieder in ihren Welten verschwinden, schießt ein bösartiger Amor Batterien von Pfeilen ab. Und jeder trifft. Berückend gespielt ist die Annäherung der beiden, die letzte Zigarette vor dem Gehen mündet in den ersten Kuss, das ist fein beobachtet, wenn ich mich recht an solche Konstellationen erinnere.

Mehr oder weniger in flagranti erwischt, plant König Alfonso kurz einen Feldzug gegen die Mauren, um die Schmach des Fehltritts in derem Blut abzuwaschen (eine sehr spezielle katholische Logik), aber eine höhere Macht hat schon das Zepter übernommen.
„Rachel, das ist verboten!“ Was denn? König küssen? Im Saal rauchen? Rachel darf alles. Und besitzt jetzt auch einen König, samt Lustschloss.

Wie diese Nachricht dann durch die bunten Medien kreist, ist einer der hübschesten Regieeinfälle an diesem Abend.

Ein klarer, wenn auch nicht ganz plausibler Schnitt: Vor dem Eisernen Vorhang wird von den Darstellern aus der Studie Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert vorgelesen, der Antisemitismus hat auch heute noch viele Ausdrucksformen. Das ist unbedingt eine Bereicherung des Abends, der ohnehin sehr politisch angelegt ist, kommt für mich aber zu früh, um mit der Handlung in Beziehung zu treten.

Wie Quaas dann aber die Klischees vom Juden formuliert und ausspielt, ist ein trauriges Kabinettstückchen.

Während auf Schluss Retiro Alfonso und Rachel in höchsten Höhen kreisen, steht praktischerweise der maurische Feind an der Grenze. Der König ist busy, und so greift Gemahlin Eleonore (Karina Plachetka british cool und staatstragend, aber mit sehenswerten Ausbrüchen) zum Zepter und nimmt sich mit Hilfe der Gräfin Manrique de Lara (bei Grillparzer ein Mann, aber die Besetzung mit Hannelore Koch ist eine glänzende Idee, sie ist eine wahrhafte Kaltmamsell der Macht) des Landes an, medial überzeugend dem Volke nahegebracht, mit einigen Tränchen und den Schluchzern an der richtigen Stelle.

Don Garceran (Matthias Luckey), Sohn der Gräfin und Jugendfreund des Königs, sitzt zwischen allen Stühlen. Soll er den Freund stützen oder doch die Ordnung wieder herstellen helfen? Einstweilen macht er sich im Auftrag des Königs auf den Weg, den hinter dessem Rücken einberufenen Thronrat aufzulösen.

Doch auch der König muss zurück ins Büro. Die Versöhnung mit der coolen Lady gelingt nur halbwegs, doch man zeigt sich professionell, das Geschäft muss ja weiterlaufen. Nur weiß sie mehr als er über den Fortgang der Dinge.

Die Trennung der Liebenden zuvor auf Schloss Retiro: Herzzerreißend und alles andere als rational. Am Ende trägt sie die Jacke des Königs mit dem Kreuz hinten drauf, eine schöne Symbolik, aber auch das wird ihr nicht helfen.

Das Urteil über Rachel wird öffentlich gefällt, die Machtmaschine läuft wie geschmiert, eine Mediokratie reinsten Wassers. Das Beziehungsgespräch zweier zufällig Vereinter ist dann eher eine Verhandlung, die bleibt allerdings ergebnislos, und irgendwann merkt der König, dass er nur noch mit sich selber redet. Die Residenz ist leer, die Meute schon aufgebrochen, ihr Opfer zu finden.

Zu spät für die Rettung. Alfonso findet nur noch eine tote Geliebte vor, bewacht von Vater und Schwester (eine starke Laiina Schwarz). „Alles was sie tat, tat sie aus sich selbst, und ich hab gemerkt, dass ich lebe.“ Nur leider folgten der Erkenntnis keine Taten, die Einsicht kommt nun zu spät.

Doch für die Rache ist es genau richtig, der Maure wird es büßen müssen. Zuvor noch eine Regierungserklärung, die königliche Familie geht gestärkt aus der Krise hervor und stellt sich neu auf. Im Hintergrund zwei Juden, die Schuldfrage wäre damit auch geklärt. War was? Die Karawane zieht weiter bzw. in den Krieg.

Sascha Göpel ist ein geborener König, wenn er anfangs in die Kamera winkt, und am Ende ein Häufchen Elend, das mühsam die Fassade aufrechtzuerhalten sucht. Schön zu beobachten beim Verlieben in Rachel (schon als Romeo hatte er auf diesem Fachgebiet seine stärksten Szenen), alles weitere bleibt eher passiv, es geschieht mit ihm, die Fäden ziehen andere, erst Rachel, dann die Manrique. Das scheint jedoch genau richtig angelegt, zumindest wenn ich mein Erfahrungsschatz-Nähkästchen befrage. Zum Glück für den betroffenen Beobachter verzichtet die Inszenierung auf weitere Tiefenpsychologie, der Ansatz des Stücks ist deutlich mehr politisch.

Nuran David Calis hat trotz seiner relativen Jugend bereits eine klar erkennbare Formensprache gefunden, die seine Herkunft vom Video und vom HipHop nicht verleugnet. Trotzdem, das ist keine Effekthascherei, was er macht, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den gewählten Stücken. Nach dem von mir hoch geschätzten und inzwischen leider abgespielten Endstation Sehnsucht eine weitere sehr sehenswerte Arbeit von ihm in Dresden.



Die Jüdin von Toledo am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) David Baltzer


Bewertung:    

Sandro Zimmermann - 27. April 2014
ID 7782
DIE JÜDIN VON TOLEDO (Schauspielhaus, 26.04.2014)
Regie: Nuran David Calis
Bühne: Irina Schicketanz
Kostüm: Ellen Hofmann
Musik: Vivan Bhatti
Video: Sami Bill
Licht: Björn Gerum
Dramaturgie: Beret Evensen
Besetzung:
Alfonso VIII., König von Kastilien ... Sascha Göpel
Eleonore von England, dessen Gemahlin ... Karina Plachetka
Der Prinz, beider Sohn ... Julius Schütze / Linus Wacker
Gräfin Manrique de Lara ... Hannelore Koch
Don Garceran, deren Sohn ... Matthias Luckey
Isaak ... Tom Quaas
Esther, Tochter Isaaks ... Laina Schwarz
Rahel, Tochter Isaaks ... Sonja Beißwenger
Ramiro, Diener / Reporter ... Max Rothbart
Alonso, Diener / Reporter ... Lukas Mundas
Roberta, Dienerin / Reporterin ... Nadine Quittner
Premiere war am 26. April 2014
Weitere Termine: 28. 4. / 7., 15., 30. 5. / 24. 6. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/


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