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Premierenkritik

Gogols Stoff: brisant und zeitlos

DER REVISOR am Theater Osnabrück


Bewertung:    



Das Theater Osnabrück läutet die Spielzeit 2016/17 mit einer bitterbösen Komödie gekonnt ein: Der Revisor von Nikolai Gogol spielt im Russland des 19. Jahrhunderts, hat aber an Aktualität nichts eingebüßt, wie das neu zusammengesetzte Schauspielensemble beweist.


Eine Kleinstadt ist in Aufruhr, denn ein Revisor hat sich angekündigt, der inkognito die Abläufe vor Ort prüfen soll. Eine Hiobsbotschaft für die Bürger, denn hier läuft absolut gar nichts so, wie von Vater Staat vorgesehen. Korruption hat Hochkonjunktur, Personen in gehobenen Positionen nutzen diese, um sich den Alltag so bequem wie möglich zu gestalten. Im Gerichtssaal wird Wäsche getrocknet, die Polizisten sind in Kneipenschlägereien verwickelt, im Krankenhaus wird geraucht, und die Bettenbelegung reguliert sich in der Regel durch das Ableben der Patienten. Der Postmeister vertreibt sich die Langeweile durch das Öffnen und Lesen der ihm anvertrauten Briefe, während der Einsatz eines viel zu jungen und unerfahrenen Schuldirektors auch mehr als fragwürdig erscheint. Frau und Tochter des Bürgermeisters stehen in ständiger Konkurrenz um die Zuneigung der Männer im Dorf. Kungeleien und Vetternwirtschaft auf allen Ebenen. Der gerade angekommene Beamte Iwan Alexandrowitsch Chlestakow wird durch ein Missverständnis für den besagten Staatsvertreter gehalten, und das Schicksal nimmt seinen Lauf: Verleumdung, Bestechungsversuche und die Hoffnung auf ein besseres Leben.


Die Inszenierung ist ein gekonnter Saison-Auftakt, der mit zahlreichen Debüts auf der Osnabrücker Bühne aufwartet. So stellen sich Dominique Schnizer dem Publikum als neuer leitender Schauspielregisseur und Jens Peter als leitender Schauspieldramaturg vor und setzen von Anfang an hohe Maßstäbe an das, was diese Spielzeit noch folgen wird. Anhand von hervorragend ausgearbeiteten Charakteren, die subtil und mit viel Humor die menschlichen Schwächen aufzeigen, lernen wir ihre künstlerische Handschrift bereits in Der Revisor kennen. Szenenwechsel, die wie Momentaufnahmen wirken, und gezielt eingesetzte Gestaltungsmittel wie Farbgebung und Akzente in Hinblick auf Kostümgestaltung werden bewusst als Stilmittel genutzt, um einen umfangreichen Inhalt kompakt und kurzweilig zu halten. Als ergänzenden Part ist hier Christin Treunert zu nennen, die sich ihrerseits für Kostüme und Bühne verantwortlich zeichnet. Optimal stellt sich zudem der Umstand heraus, dass sich Schnizer und Peters auf ein Ensemble verlassen können, das sich eben diesen Anforderungen nicht nur gewachsen sieht, sondern wie gewohnt mit starken Schauspielern aufwartet. Insgesamt also eine runde Sache und beste Voraussetzung für gelungene Bühneninszenierungen.

Janosch Schulte, der frisch von der Schauspielschule kommt, brilliert in der Hauptrolle des vermeintlichen Revisors Iwan Alexandrowitsch Chlestakow, und zeigt, dass sein schauspielerisches Können dem seiner erfahreneren Kollegen in nichts nachsteht. Ein Nachwuchstalent, das das Ensemble bereichert und sicherlich auch in Zukunft als Charakterdarsteller überzeugen wird.

Als alte Bekannte unter den Osnabrückern sind Ronald Funke und Christina Dom nun Teil des festen Ensembles und treten überzeugend in ihren Rollen als Postmeister und Frau des Bürgermeisters auf. Eine Besetzungswahl Schnizers, die absolut nachvollziehbar ist. Gleiches gilt für die neue Kollegin Cornelia Kempers, die hier die Hospitalverwalterin mimt, wie auch dem Neuzugang Andreas Möckel als Reviervorsteher.

Wie ausgezeichnet das neu zusammengestellte Ensemble miteinander agiert, zeigt besonders eindrucksvoll in der Darstellung des Duos der beiden Gutsbesitzer: Stefan Haschke, bereits seit einiger Zeit festes Mitglied in Osnabrück, gibt den mit Goldkettchen und Sportanzug bekleideten, proletenhaften Typen. Im Gegensatz zu seinem Kumpanen, der von dem Neuzugang Valentin Klos dargestellt wird und trotz ähnlicher Gestalt eher von schüchterner Natur zu sein scheint, ist er aber „rhetorisch begabt“, wie er betont, wann immer er situationsbedingt vorprescht. Die beiden gewinnen trotz ihrer Tollpatschigkeit die Sympathie der Zuschauer und sorgen immer wieder pointiert für eine ordentliche Portion Humor im Zuge der sich entwickelnden Absurdität des Plots.

Auch die übrige Besetzungsliste zeigt, dass Schnizer und Peters ihr Handwerk genauso verstehen, wie die Kollegen auf der Bühne: Thomas Kienast (Bürgermeister), Marie Bauer (Tochter des Bürgermeisters), Niklas Bruhn (Schuldirektor) und Klaus Fischer (Richter) setzen ihre Rollen außerordentlich gut um und zeugen so wieder einmal davon, zu welch hohem Qualitätsstandard man die Arbeit an den Städtischen Bühnen Osnabrück beglückwünschen darf.



Der Revisor am Theater Osnabrück | Foto (C) Marek Kruszewski

Sina-Christin Wilk - 22. August 2016
ID 9495
DER REVISOR (Theater am Domhof, 20.08.2016)
Inszenierung: Dominique Schnizer
Bühne und Kostüme: Christin Treunert
Dramaturgie: Jens Peters
Mit Thomas Kienast, Christina Dom, Marie Bauer, Niklas Bruhn, Klaus Fischer, Cornelia Kempers, Ronald Funke, Valentin Klos, Stefan Haschke, Janosch Schulte und Andreas Möckel
Premiere am Theater Osnabrück: 20. August 2016
Weitere Termine: 25., 30. 8. / 4., 7., 10., 18., 20. 9. / 3., 9., 20. 11. / 13. 12. 2016 // 4. 3. 2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-osnabrueck.de/


Post an Sina-Christin Wilk

scriptura-novitas.de



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