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Premierenkritik

Spritzige,

gesellschafts-

kritische

Komödie



Der rechte Auserwählte | Bildquelle: hamburger-kammerspiele.de

Bewertung:    



Mit einem Stück von Eric Assous, Der rechte Auserwählte, haben die Hamburger Kammerspiele eine kurzweilige Komödie ins Programm genommen, die dabei auch noch Tiefgang hat. Kurz: eine Komödie, wie sie sein soll, aber heute selten zu finden ist – hier bestens inszeniert von Jean-Claude Berutti.

Der 1956 in Tunis geborene Eric Assous ist einer der ganz großen Dramatiker des französischen Gegenwartstheaters, der nicht umsonst zweimal mit dem Prix Molière und 2014 mit den Grand Prix der Académie française für sein Gesamtwerk ausgezeichnet wurde. In Der rechte Auserwählte, auf Französisch etwas unverdächtiger L’Heureux élu betitelt, geht es um ewige Themen ebenso wie um die zeitgenössische französische Gesellschaft.

Die Geschichte: Das Ehepaar Melanie (Wanda Perdelwitz) und Greg (Ole Schloßhauer) erwarten am Abend Besuch von ihrem Freund Jeff (Volker Zack Michalowski). Zugleich hat Melanie die überraschend aus New York zurückgekehrte Charline (Ruth Marie Kröger) eingeladen, die in zwei Monaten heiraten wird und Melanie und Jeff zu ihrer Hochzeit eingeladen hat. Der Auserwählte: Noël (Stefan Jürgens). An der Oberfläche dieser Geschichte geht es um die Verwicklungen der Liebe: Jeff ist der Verflossene von Charline und hofft noch immer auf eine Erneuerung der Liebe, von den Hochzeitsplänen Charlines ebenso wenig ahnend wie von deren Rückkehr aus New York. Viel in dieser Komödie lebt von dem Spiel der Beziehungen, den Rivalitäten zwischen den Männern, den Entdeckungen immer weiterer Twists & Turns in dieser veritablen „ménage à cinq“. Spritzige Dialoge und ein brillanter Volker Zack Michalowski als Jeff machen diesen Abend zu einem unterhaltsamen Genuss.

Das Stück bietet aber mehr: Denn nur an der Oberfläche geht es um dieses Beziehungsgeflecht – wie es eben in einer guten Komödie auch sein sollte. Jeff verkörpert den Spross aus reicher Familie, der sich in seinem Rentierdasein unglücklich fühlt und sich selbst als hoffnungslosen Langzeitarbeitslosen wahrnimmt, ohne die Differenzen zwischen echter Armut und seiner Lage zu erkennen; Melanie und Greg sind Repräsentanten der Subkultur, die in Frankreich als Bobo (von Bourgeois-Bohème) bezeichnet wird – wohlsituiert, bürgerlich, mit weltoffenem, sozialen Gedankengut.

Sie treffen auf Noël, der sich im Gespräch schnell als Antisemit, Ausländerfeind und Waffennarr entpuppt. Er hat Charline kennengelernt, als er beherzt eingriff und Charline vor einer Vergewaltigung bewahrte, indem er ihren Angreifer niederschoss. Er rief weder die Polizei noch einen Krankenwagen für den verletzten Täter. Seine Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, ob der Täter seine Schussverletzung überlebt hat, empört Greg, Melanie und Jeff. Jedoch wird auch klar: Sie können nur schwer einen Grund angeben, warum sie Noëls Verhalten verwerflich finden. Sie haben auch keine alternativen Lösungen.

Diese abendliche Debatte unter Freunden bildet die gesellschaftliche Debatte ab, die die gesamte europäische und auch nordamerikanische Öffentlichkeit dieser Tage spaltet – und das freilich macht dieses Stück hochaktuell.

Jean-Claude Berutti bringt dieses Stück gelungen auf die Bühne der Hamburger Kammerspiele und versteht es, die gesellschaftskritische Ebenen so umzusetzen, dass sie sich von ihren spezifisch französischem Kontext ablösen lassen, ohne dass dieser ursprüngliche kulturelle Rahmen verlorengeht.

Das Bühnenbild ist wenig aufregend oder außergewöhnlich; es passt jedoch ästhetisch zu dem sozialen Milieu des Stücks und lässt diesem Raum, für sich selbst zu sprechen.

Die schauspielerische Leistung der fünf Darsteller überzeugt durch die Reihe – auch wenn Wanda Perdelwith, Ole Schloßhauer und Ruth Marie Kröger etwa bis zur Hälfte der Premiere brauchten, um zu ihrer Form zu gelangen. Stefan Jürgens überzeugt als Noël, der nicht klischeehaft gerät, sondern – sehr realistisch – als ein Mensch aus der Mitte unserer Gesellschaft angelegt ist und so bestens funktioniert. Ohne Frage ist die größte Wonne jedoch, Volker Zack Michalowski als Jeff zu sehen. Die spezifische Magie, die er dieser Rolle verleiht, ist kaum in Worte zu fassen; in jedem Fall würde ein Besuch des Stücks schon allein lohnen, um sie zu erleben.
Ann-Kristin Iwersen - 22. März 2018
ID 10600
DER RECHTE AUSERWÄHLTE (Hamburger Kammerspiele, 19.03.2018)
Regie: Jean-Claude Berutti
Ausstattung: Rudy Sabounghi
Mit: Stefan Jürgens, Ruth Marie Kröger, Volker Zack, Wanda Perdelwitz und Ole Schlosshauer
Premiere war am 19. März 2018.
Weitere Termine: bis 12.05.2018


Weitere Infos siehe auch: http://hamburger-kammerspiele.de


Post an Dr. Ann-Kristin Iwersen

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