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Premierenkritik

Vorne Komödie, hinten Drama



Der nackte Wahnsinn am Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau | Foto (C) Pawel Sosnowski

Bewertung:    



Es ist eine Farce über eine Komödie: Ein Tourneetheater probt ein neues Stück für die Boulevards der Kleinstädte. Jenes Werk, „nackte Tatsachen“ benannt, ist von bemerkenswerter Schlichtheit, was dessen Einstudierung aber nicht einfacher macht. In der Nacht vor der Premiere steckt man noch mitten in den Proben, der Regisseur ist dem Wahnsinn nahe, die Schauspieler hätten gern noch was geändert, einer ist gar kurzzeitig verschollen, in der Technik liegen die Nerven blank. So weit also nichts Ungewöhnliches, auch die zwischenmenschlichen Turbulenzen in der Truppe kommen einem bekannt vor.

Man kann also als halbwegs mit der Materie Vertrauter gelassen bleiben bei den großen und kleinen Katastrophen, die sich auf der Bühne abspielen. Die sind meist schön in Szene gesetzt, auch wenn sich die Varianz der Lautstärke auf „sehr laut“ und „ganz laut“ beschränkt und man nicht immer erkennt, auf welcher Ebene des Stücks sich einige Darsteller grad bewegen. Einen schlechten Schauspieler gut zu spielen, scheint zwar dank der einschlägigen Klischees von Knattermimen (die auch reichlich zitiert werden) einfach, aber die Kunst liegt im sparsamen Einsatz der Mittel, und da wäre oftmals weniger doch deutlich mehr gewesen.

So bleibt es vor der Pause bei einer durchaus witzigen Ansammlung von Szenen. Binnenstück und Rahmenhandlung überlappen sich dabei auf unterhaltsame Weise, dank des boulevardesken Ansatzes wirken auch die unvermeidlichen heruntergelassenen Hosen nicht allzu peinlich und die klappenden Türen in einem unspektakulären Landhaus-Bühnenbild bilden den roten Faden des Stücks. Seriöses Handwerk im Rahmen der Möglichkeiten eines kleinen Stadttheaters, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Doch nicht nur die Bühne hat sich gewendet für den zweiten Teil: Man blickt nun backstage und sieht die Kulisse von hinten mit all ihren Konstrukten, die für den schönen Schein im Zuschauerraum sorgen. Das Stück ist nun schon einige Zeit auf Tour und der Regisseur noch mal inkognito zur Nachmittagsvorstellung vorbei gekommen, um nach dem Rechten und nach den Liebchen zu schauen. Es menschelt inzwischen noch heftiger in der Truppe, die Beziehungsdramen spielen sich während der Aufführungen auf der Hinterbühne ab, trotz aller Theaterdisziplin.

Aber wie das geschieht! Die nächste gute halbe Stunde vergeht im Flug, eine großartige Burleske wird geboten, Slapstick-Einlagen wie im Stummfilm, vorn (also in echt hinten) läuft das seichte Stück, in der Kulisse hinten (also in echt vorn) werden pantomimisch Eifersuchtsdramen ausgetragen, mit großen Gesten statt mit Worten und in ständig wechselnden Besetzungen, weil vorne die Vorstellung ja immer weiter läuft.

Öfter denkt man, nun geht es nicht mehr, nun muss das alles zusammenbrechen, doch das Ensemble setzt immer noch einen drauf. Es ist ein grandioses Chaos, ein anarchisch-eruptives Theater in einem unglaublichen Tempo ist zu bewundern, und am Ende fallen alle Hosen und Hemmungen, im Saal ist man ebenso erschöpft wie auf der Bühne. Ein ganz großes Bravo für diesen zweiten Akt!

Vor den dritten hat der Autor den erneuten Umbau gestellt, diesmal vor Publikum. Auch dieser ist beeindruckend, selbst eine große Schar Techniker braucht einige Minuten, um die Dreh-Bühne erneut zu wenden. Man erhält dabei einen tiefen Einblick in die sehr gelungene Konstruktion von György Csik und kann auch etwas durchatmen.

Der letzte Akt besteht dann im Wesentlichen aus der zweiten Vorstellung des Abends mit einem inzwischen lädierten und teilweise mehr als angeschickerten Ensemble, was in eine freie Improvisation mit Sardine, Telefonkabel und Whiskyflasche mündet. Stellenweise ist das weiterhin sehr unterhaltsam, aber der Höhepunkt ist deutlich überschritten, trotz einiger guter Regieeinfälle sehnt man dann doch nach zweieinhalb Stunden das Ende herbei. Das kommt auch mit einem großen Finale, dramaturgisch nicht wirklich schlüssig, aber irgendwie muss das Stück ja enden.

Großer Jubel im fast gefüllten Saal, den der Regisseur Viktor Nagy und das neunköpfige Zittauer Ensemble sich redlich verdient haben. Aus jenem ein wenig herauszuheben sind für mich Marc Schützenhofer als Regisseur Lloyd Dallas und Sabine Krug als Dotty Otley bzw. Mrs. Clackett, aber das für mich Beeindruckendste war zweifellos die geschlossene Leistung des gesamten Ensembles im hochkarätigen zweiten Akt. Abgerundet wird das alles durch ein gelungenes Programmheft in der Verantwortung von Dramaturgin Stefanie Witzlsperger, unter anderem mit dem hübschen Einfall eines doppelten Besetzungszettels für Stück und Binnenstück.

In den nächsten Wochen läuft die Inszenierung noch einige Male in Zittau und dann im Februar 2015 in Görlitz. Der Berichterstatter empfiehlt einen Besuch.



Der nackte Wahnsinn am Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau | Foto (C) Pawel Sosnowski


Sandro Zimmermann - 18. Oktober 2014
ID 8177
DER NACKTE WAHNSINN (Theater Zittau, 17.10.2014)
Regie: Viktor Nagy
Ausstattung: Gyōgy Csík
Dramaturgie: Stefanie Witzlsperger
Besetzung:
Mrs. Clackett, Dotty Otley ... Sabine Krug
Roger Tramplemain, Garry Lejeune ... Stefan Sieh
Vicki, Brooke Ashton ... Katinka Maché
Philip Brent, Frederick Fellowes ... David T. Pawlak
Flavia Brent, Belinda Blair ... Renate Schneider
Einbrecher, Selsdon Mowbray ... Tilo Werner
Scheich, Frederick Fellowes ... David T. Pawlak
Regisseur, Lloyd Dallas ... Marc Schützenhofer
Inspizient/Bühnenmeister, Tim Allgood ... Torsten Imber
Regieassistentin, Poppy Norton-Taylor ... Kerstin Slawek
Premiere war am 17. Oktober 2014
Weitere Termine: 22., 24., 26. 10. / 1. 11. / 13., 31. 12. 2014 (in Zittau) sowie 14., 22., 28. 2. / 6. 3. 2015 (in Görlitz)


Weitere Infos siehe auch: http://www.g-h-t.de


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