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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Tod eines

Werkstatttäters



Alle meine Söhne von Arthur Miller am Staatsschauspiel Dresden | Foto (C) Matthias Horn

Bewertung:    



Nach den ersten zwanzig Minuten kann man meinen, das geht nicht auf, dieser Ansatz trägt den Abend nicht. Zu statisch ist das Ganze, zu reduziert in den Mitteln, zu beiläufig erzählt, und auch wenn man die logische Struktur darin spürt, ist es doch wenig aufregend.

Eingangs wird auf der leer geräumten weiten Bühne (auch die ersten sechs Reihen mussten dran glauben) aus der Regieanweisung zitiert, wie man sich das Bühnenbild vorstellen solle, eine Villa mit Auffahrt und Terrassen. Stattdessen bevölkert eine kleine Terracotta-Armee das Spielfeld, Vater, Mutter, Sohn und potentielle Schwiegertochter, alle mehrfach vorhanden, ständig neu angeordnet oder auch mal auf einem Haufen liegend, eine Familienaufstellung nach Miller/Strunz. Die Gummi-Figuren fungieren (ich weiß, das klingt komisch) als Mitspieler, als Wutpuppen, als Projektionsfläche, als Unterlage für allerlei Treiben, als Symbol für das, was nicht gesagt wird. Ein großartiges Bild geben sie stets dabei ab, man kann die Regisseurin Sandra Strunz und den Bühnenbildner Simeon Meier nur beglückwünschen zu dieser Idee.

Die Darsteller allerdings lösen sich nur langsam aus der Puppenschar, man sieht viel Stehtheater und Steifbeinigkeit, auch wenn jene durch angedeutete Tanzeinlagen gelegentlich aufgelockert wird. Die fast durchgängig frontal ins Publikum gesprochenen Dialoge sind gewöhnungsbedürftig, auch wenn man deren Intention begreift.

Doch nach und nach kommt Leben in die Bude des Fabrikanten Joe Keller und seiner Frau Kate. Von den zwei Söhnen (wir sind recht präzise im Jahr 1948) kehrte nur Chris aus dem Krieg zurück, der ältere Larry ist seitdem vermisst. Ein schwatzhafter Nachbar (Jan Maak) hilft beim Verständnis der Situation: Kellers Fabrik lieferte Flugzeugteile an die Army, darunter auch eine Tranche fehlerhafte, die für den Tod von 21 Boys sorgte. Im darauf folgenden Prozess konnte Joe Keller die Schuld auf seinen Partner Deever abwälzen, der seitdem für ihn im Knast sitzt. Alle in der Stadt wissen, wie es wirklich gewesen sein muss, doch der Haifisch ist kein Haifisch, wenn man’s nicht beweisen kann, und deshalb entwickelt sich das Nachkriegsgeschäft von Mr. Keller prächtig und die Bürger halten den Mund.

Gattin und Mutter Kate (Rosa Enskat ist auf diese hysterischen Rollen scheinbar festgelegt und füllt diese wiederum überzeugend aus) klammert sich seit drei Jahren an die Hoffnung, dass Larry wiederkommt. Sie paralysiert damit ihr Umfeld, weil jede Andeutung, ihr Sohn wäre tot, zu einem Ausbruch führt. Also lassen Mann und Sohn sie gewähren, ersterer hat mit dem Business genug zu tun und der blasse Chris scheint eines eigenen Standpunkts nicht fähig.

Das ändert sich erst, als er Ann, die Verlobte seines toten, pardon - vermissten Bruders mit eindeutiger Absicht zu einem Familienbesuch einlädt. Dummerweise ist sie die Tochter des Sündenbocks Deever, was die Konstellation schwierig macht. An ihrem Willen liegt es nicht, sie würde schon gern geheiratet werden, doch die Schwiegermama in spe empfindet das als Verrat an Larry, der doch bald zurückkehren würde. Und Joe Keller wird wieder mit seinem Betrug konfrontiert, obwohl das Ännchen anfangs voll auf seiner Linie ist und sich vom verbrecherischen Vater losgesagt hat.

Damit sind reichlich Minen in die heile Welt gelegt, es braucht nur noch einen Auslöser. Der findet sich in Anns Bruder George, dem nach einem Gefängnisbesuch bei seinem Vater der wirkliche Ablauf der Geschichte klar wird: Deever war nur das Werkzeug, Keller ließ den Schrott ausliefern, nur beweisen kann man es nicht (das flächendeckende Telefonabhören war damals noch nicht üblich). Er konfrontiert die Familie damit, und ab sofort hat jeder seine eigenen Ziele: George will seine Schwester aus dieser Familie retten, Joe will Ruhe im Geschäft, Kate das Familienidyll bewahren und weiter auf Larry warten. Ann will heiraten, Chris auch, aber sich vom Vater emanzipieren.

Das kann nicht lange gutgehen, und nachdem die Beweislage immer deutlicher wird, sagt sich Chris in einem großartigen Ausbruch von seinem Vater los. Benjamin Pauquet wird im Laufe des Abends immer stärker und krönt seine Leistung damit; der Jubel am Ende ist verdient. Sein Vater wird dagegen kleiner und kleiner, Ben Daniel Jöhnk setzt diesen Schrumpfungsprozess eindrucksvoll in Szene, fast hat man Mitleid mit dem Schreibtisch-, nein Werkstatttäter Joe Keller.

Ein dramaturgischer Kunstgriff (wenn es hier nicht um Arthur Miller ginge, könnte man diesen als sehr konstruiert bezeichnen) sorgt schließlich für die letzte Klarheit: Sohn Larry hat sich, als er vom Vergehen seines Vaters erfuhr, selbst mit seinem fliegenden Kriegsgerät umgebracht und dieses zuvor in einem Brief an seine Verlobte Ann mitgeteilt. Diese zieht an entscheidender Stelle das Papier hervor und lässt das mühsam gehaltene Kartenhaus von unternehmerischer Seriosität und familiärer Eintracht zusammenbrechen.

Joe Keller geht ab, ein Schuss knallt, der Epilog des Stückes wird als Begräbnis inszeniert. Ein letzter dramaturgischer Höhepunkt, der den Berichterstatter dann endgültig dazu bringt, diese Inszenierung als geglückt zu betrachten.

Dazu tragen auch Karina Plachetka, die ihre Ann von lieblich-naiv bis ernüchtert-entschlossen alle Gemütszustände äußerst glaubhaft durchleben lässt, und Matthias Luckey mit einem relativ kurzen Auftritt als zwischenzeitlich zweifelndem Racheengel, bei dem nicht nur die Körpersprache beeindruckt, große Teile bei.

Und das wiederum sehr lesenswerte Programmheft (Dramaturgie Julia Weinreich) rundet den Abend angemessen ab. Alles in allem: Gelungen.



Alle meine Söhne von Arthur Miller am Staatsschauspiel Dresden | Foto (C) Matthias Horn

Sandro Zimmermann - 23. Mai 2015
ID 8661
ALLE MEINE SÖHNE (Kleines Haus 1, 22.05.2015)
Regie: Sandra Strunz
Bühne: Simeon Meier
Kostüme: Ellen Hofmann
Musik: Kriton Klingler-Ioannides
Dramaturgie: Julia Weinreich
Licht: Björn Gerum
Besetzung:
Joe Keller, Geschäftsmann ... Ben Daniel Jöhnk
Kate Keller, seine Frau ... Rosa Enskat
Chris Keller, ihr Sohn ... Benjamin Pauquet
Ann Deever, Tochter des früheren Geschäftspartners und Verlobte des toten Sohnes Larry ... Karina Plachetka
George Deever, ihr Bruder ... Matthias Luckey
Frank Lubey, ein Nachbar ... Jan Maak
Premiere war am 22. Mai 2015
Weitere Termine: 26., 31. 5. / 10., 23. 6. / 10. 7. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Post an Sandro Zimmermann

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