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Performance mit Julia Gräfner

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Das ist Julia Gräfner - Hauptakteurin der Performance ich würde alles für die liebe tun, ich mach's aber nicht | Foto (C) A. Boutellier

Bewertung:    



Dass ich diesen Text hier (3 Tage versetzt) erst heute schrieb, lag daran, dass ich das Erlebte (vor 3 Tagen) setzen lassen musste, um nicht völlig in verbale Überschwänglichkeiten auszuarten; so etwas passiert schon mal.

* * *

Von einer einzigartigen Performance - wie ich sie in dieser zwangvoll körperlichen Suggestion und großherzigen Leidenschaftlichkeit noch nie zuvor erlebt zu haben meinte - soll und muss sogleich Bericht gegeben werden, also:

Julia Gräfner trat in den Sophiensaelen auf und absolvierte das von ihr (und den zwei Mitprojektentwicklerinnen Anna Wille, Cora Frost) mit ich würde alles für die liebe tun, ich mach's aber nicht benannte Ein-Personen-Stück. Soweit der sachdienliche Fakt.

Ja und was war da los, was ging da ab??



Julia Gräfner: Wenn Blicke töten könnten... | Foto (C) A. Boutellier


Gräfner betritt durch eine Seitentür, die sie hinter sich zuknallt, schweren Schritts die Bühne. Sie trägt eine Sonnenbrille und hat, außer einem Slip, nichts weiter an. Ihr maskulin sich gebender Gesichtsausdruck, sofern man diesen unterhalb der Sonnenbrille auszumachen in der Lage ist, verweist auf ein zuvörderst irritierend-unaufblätterbares Wesen zwischen Er & Sie; aber ein "Es", mit sicherer Wahrscheinlichkeit, ist Dieses nicht. Nein, dieser unberechenbaren Sumo sollte höchstwomöglich Alles zuzutrauen sein - nur ja nichts Zärtlichgutes.

Das unzierliche Daherstampfen hat eine erderschütternd-erdbebige Dimension; man ist sogleich verführt an den so popelige Menschenkrümel arg verfolgenden T-Rex aus dem Jurassic Park sich assoziativ zu nähern - was verheißt das Alles?

Ein weit ausladender, fleischfarbener Ledersessel dient dem Darzustellenden als weich-gemütliche Verweilplatzzone - zur vorläufigen Inaugenscheinnahme des vor ihm hinplatzierten und es angaffenden Publikums... Gräfner juckt sich die Brüste, kratz sich wohltuend im Schritt. Der Mund hat einen Status zwischen Von-den-andern-Angewidertsein und außerordentlicher Aggressionsbereitschaft. Nicht zu nahe treten, bloß jetzt keine falsche Reaktion von ferne!

Sie (jawohl, allmählich kriegt das "Ding" eine einordbare Geschlechtlichkeit) steigt nun in eine übergroße schwarze Hose, deren Hostenstall sie freilich nicht verschließt - das führt dazu, dass gleichsam so ein lachsfarbener Stoffzipfel der übergroßen Rüschenbluse, die sie sich jetzt überzieht, wie'n raushängender schlaffer Männerschwanz rein optisch wahrzunehmen ist. Sie steigt in ein Paar schnürelose Halbstiefel. Unter dem diese Ankleidszene abschließenden Sakko muss es derart heiß und stickig sein, dass Furcht und Mitleid des die Art von Marter so Betrachtenden ergreift.

Sie öffnet eine himmelblaue Kühlbox und entnimmt ihr eine Dose, die sie aufschraubt und worein sie tief mit ihren Fingern wühlt und sich aus ihr eine Portion von Schmierzeugs (Vaseline?) aufs Gesicht verteilt; das sieht in dem Moment ganz "Iiiiiiiiii" aus - sofort stellt sie sich eine mit Wasser angefüllte Schüssel, die bis da hinter dem Sessel war, bereit, kniet vor ihr hin und taucht abrupt ihr vollgeschmiertes Face hinein, dann rafft sie sich blitzschnell hochauf zum Stand, schnappt etwas Luft, schaut in die Runde, testet die gerade Linie zwischen da und dort... Wenn Blicke töten könnten!!

Schließlich setzt sie (endlich!) ihre Sonnenbrille ab - - es fällt, verinnerlicht-rückblendend, dieses Alles aussagende Zahlwort "siebzehn" und der laut gedachte Zweifel, ob es eine "Bass - oder Akustikgitarre" gewesen wäre - - vor- und/oder nachdem wird zum Mikrofon gegriffen und der Mikrofonständer weit hinter sich geschleudert - - vor- und/oder nachdem setzt ein ohrenbetäubendes Playback ein, und/oder Gräfner rockt tatsächlich selbst, was bei der Heftigkeit des Phonpegels nicht eindeutig zu klären war - - ein Wispern zielt ins Leere; Gräfner: "Du hast nichts verstanden von Rock'n Roll."

Sie geht zu einem Säulenpfosten vor dem Ausgang links... Gewitterdonner, auf- und abschwellend... Sie treibt es mit dem Säulenpfosten; sie umbeint ihn, streichelt ihn, beleckt ihn... "Wenn man das erste Mal liebt..."

*

Lebt sie vor uns vielleicht eine Persönlichkeitsspaltung des so von ihr mal zwei Multiplizierten (= junge Frau hält sich für'n legendäres Rockmonster) in Folge aus?

Angst vorm Zurückgewiesenwerden wird, beinahe akademisch ausgeteilt, wie nebenher thematisiert.

Die himmelblaue Kühlbox war dann noch mit einer Tüte Popcorn, die die Gräfner vor sich ausschüttet, bestückt. Sie puhlt hieraus ein himmelblaues Matchbox. Popcorn/Matchbox drohen unter ihren Stiefeln plattgemalmt zu werden - aber sie besinnt sich...

"Ich bin Richard Wagner, und ich kriege den BH nicht auf." - Sex auf dem Rücksitz eines Gangsterautos - "öffne den BH" - 8, 9 oder (erst?) 13jährig...

Versatzfetzen en masse.

* *

Gräfner geht auf die Leute zu, spricht sie auf Englisch an, es sieht so aus, als sei es eine immer gleichlautende Frage: Willst du mit mir gehen?

Plötzlich hat sie mich erreicht und fragt mich (auch auf Englisch; ich versteh' kein Englisch) diese Frage, und sie blickt mir tief in meine Augen, dass ich fürchte, dass ich den Verstand verliere, und es treibt mir schlagartig die Tränen in die Augen. Sie hat mich gepackt. Ich bin gelähmt, will aber mit ihr gehen, doch es geht nicht, weil ich so gelähmt bin - - plötzlich wendet sie sich wieder von mir ab...

Sie paddelt mit dem Kanu nach Texas, "zur Mama"... Drei Seejungfrauen, ein Indianerdorf, brennende Maiskolben, Cher... Schüsse, Bikelärm + + +

Julia Gräfner = ein Gesamtereignis!!!!!



Julia Gräfner singt... | Foto (C) A. Boutellier


Die verstandsmäßige "Auflösung" las ich - im Nachhinein - auf dem Sophiensaele-Beipackzettel:


"Meat Loaf, der Körper. Meat Loaf, der Künstler. Meat Loaf, der Unzerstörbare. Meat Loaf. Tänzer. Schauspieler. Rocker. Patriarch. Macho. Super-Über-Tier. Einsamer Wolf und dickes Kind, 'who would do anything for love'. Vereinen sich in ihm der maßlose Zärtliche und das fleischgewordene Untier zu einer alles verzehrende Naturgewalt? Sein Begehren fordert, überfordert und überlebt: Will ich Meat Loaf sein oder doch die Frau an seiner Seite? Ein Spiel aus Intimität und Melancholie, Körperlichkeit und Brachialität." (Quelle: sophiensaele.com)


Egal - ich kannte diesen Typ ja eh' vorher (noch) nicht.



Julia Gräfner war (wahrscheinlich) doch bloß Meat Loaf? | Foto (C) A. Boutellier


Andre Sokolowski - 5. Mai 2015
ID 8622
ICH WÜRDE ALLES FÜR DIE LIEBE TUN, ICH MACH'S ABER NICHT (Hochzeitssaal, 02.05.2015)
Konzept und Projektentwicklung: Julia Gräfner und Anna Wille
Projektmitentwicklung: Cora Frost
Technische Leitung: Hunor von Horvath
Mit: Julia Gräfner (!)
Uraufführung im Konzerttheater Bern war im Juni 2014
Wiederaufnahme in den Sophiensaelen Berlin: 29. 4. 2015
Eine Produktion von Julia Gräfner und Anna Wille. Im Rahmen des Masterstudiengangs Scenic Arts Practice der Hochschule der Künste Bern


Weitere Infos siehe auch: http://www.sophiensaele.com


Post an Andre Sokolowski

http://www.andre-sokolowski.de

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