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Performance

GOG /

MAGOG 1:

Ukraine



Foto (C) Nils Bröer / Bildquelle: theaterdiscounter.de

Bewertung:    



Im „Reich der Freiheit“ sind die Spiegelkünstler sehr gefragt, denn nichts liebt dieses Reich mehr, als sich den verschmutzten Spiegel vorhalten zu lassen, um sich richtig als Reich der Freiheit zu fühlen. Das Eigentümliche an diesem Reich ist, gerade die Spiegelputzer sind im Aussterben begriffen, denn im „Reich der Freiheit“ müssen die Spiegel eher Scherben als Spiegel sein, und ohne eine Verschmutzung gefallen sie sowieso niemandem. Das „Reich der Freiheit“ blickt gerne in diese Spiegel, und sie sind dort in jeder möglichen Art vorhanden, doch weder in der blitzblank funkelnden noch gar in der vollständigen. Alle besitzen eigene Spiegelstückchen und vor allem irgendwie unterschiedliche, denn alle wollen anders sein und keinesfalls: gleich. Auch können alle jeweils ihre eigenen Spiegelstücke herstellen. Die Kunst der Spiegelputzer und Spiegelbauer ist so unmodern wie die Wissenschaft von den Spiegeln.

Wir befinden uns in Berlins Mitte, im Theaterdiscounter, d.h. in einem Plattenbau aus DDR-Zeiten, in der einmal eine staatliche Institution saß. Um hier eine Aufführung der Theatergruppe internil zu erleben, muss man lange herumstehen und möglichst an der Bar etwas konsumieren (die Musik wird extra lauter gedreht), wir erhalten gegen einen kleinen Pfand Kopfhörer (na klar!), und dann muss man zwanzig Minuten nach Beginn der Vorstellung warten, bis die „Performance“ von der „Desinformationskampagne“ anfängt. Man hat auf den unbequemen Stufen eines Podiums eng gedrängt Platz genommen, denn natürlich wurden mehr Eintrittskarten verkauft, als Plätze vorhanden sind.

Wir gucken in eine offenbar militärische Raumlandschaft aus zeitgenössischen Tarnzelten mit einem Mischpult für den Theater-DJ. Im Reich der Freiheit gleicht alles einem Musik-Klub und ist Party, auch das Theater. Und das muss ironisch sein, in englischer Sprache, und einen hohen Wiedererkennungseffekt gewährleisten. Alles ist sofort verständlich und so ironisch, dass jeder sich zurecht finden kann. Ob auch die beiden Kleinstkinder im Publikum, denn dieses ist vor allem jung und studentisch und so irgendwie? So irgendwie fängt es dann an: man wird von einem ironisch vergnügten Moderator (Arne Vogelgesang) von talibanhaftem Aussehen aufgefordert, nun diese Theaterlandschaft aus Bar (na klar!), drei Video-Monitoren (na klar! die drei Journalisten aus dem Donbass mit ihren Reporten dokumentieren) und einem elektrischen Lagerfeuer mit Video-Projektion, wo einer schon zur Klampfe Songs auf Englisch singt (na klar!). Obwohl das Lagerfeuer nicht wirklich Feuer ist, klärt der Moderator auf, es sei nur „ein Fake“ (na klar!), und das ist, na klar, ironisch gemeint! Wir werden darauf hingewiesen, dass wir nicht unbedingt Englisch können müssen, um die Vorstellung zu verstehen, aber auch nicht unbedingt Deutsch und dass es von allem und für alle etwas geben würde und zwar gleichzeitig und alle sich ganz frei nach Belieben bewegen und sich etwas davon auswählen können, auch an der Bar (ich nehme erst mal einen Tee mit Wodka).

Am elektronischen Informationstisch informiert der „Taliban“ anhand einer Karte Europas über die Voraussetzungen für den Abschuss von MH17. Er beginnt mit einem „Märchen“, wie er betont, dafür allerdings habe er sich bei dem „wie man wisse, ja immer höchst zuverlässigen“ und zutreffenden Wikipedia (o Ironie!) und unter anderem auf der Internetpräsenz der Bundeswehr informiert. Seine „Recherchen“ bebildern die europäische Karte mit Bildern und Filmen aus der Politgeschichte. Aber seine Erzählung geht vom „Reich der Freiheit“ mit wenigen Reichen und vielen Armen und dem „Reich der Gleichheit“ mit weniger Reichen und weniger Armen und vielen kaum Reichen und kaum Armen, von der beiden Reiche Konfrontation, Angst, Aufrüstung, Pattsituation usw. aus. Sehr hübsch erklärt, auch wie sich dann das „Reich der Gleichheit“ übertölpeln und öffnen lässt und zum „Reich der Einheit“ wird und wie dann diese böse Geschichte, anstatt zu enden, erst richtig losgeht – und da auch ein weiteres „Reich“ ins Spiel kommt, das aber kein Land hat, sondern vernetzt ist und „schwarz“ und das der Erzähler kurz einfach das „Dritte Reich“ nennt. Das ist wunderbar und trefflich, nur leider entgleiten ihm mehr und mehr die Interessen und der Kampf zwischen Armen und Reichen aus dem Fokus, und er spricht dann doch mehr von Nationen. Und als die Bilder die Maidan-Kämpfe zeigen, widerspricht natürlich Jemand aus dem Publikum, der eine ukrainische Militäruniform trägt, fällt ihm ins Wort, muss ermahnt werden, es ginge doch „nur“ um ein „Märchen“, und der Erzähler hat den Faden verloren…

Politisch gesehen bin ich ganz auf der Seite des Sprechers, ich teile seinen Sarkasmus, seine Verbitterung und weiß, was er meint und will, vielleicht ist es Aufklärung, vielleicht nur die Vermittlung von Skepsis, von Aufrütteln des „Gefühls“, es gäbe noch „andere Wahrheiten“ als die offiziell verlautbarten (nein, es gibt immer nur EINE Wahrheit; aber wir sind ja nicht bei der Kriminalpolizei, sondern in einer freien Randszene). Die Idee mit dem „Märchen von den Reichen“ ist zwar sehr schön, nur eben Charisma ist nicht alles – und der Performer bricht ab.

Mittendrin wird das schöne Lied „Meinst du die Russen wollen Krieg?“ gesungen, es bildet quasi Herz und Kern des Ganzen, es setzt einen Lichtpunkt – und aus dem Publikum ruft der in ukrainischer Militärkluft die Antwort: „Ja!“ Auch das verpufft also leider im Nichts wohlfeiler Beliebigkeit: Übergriffige „Referenz für alle Teile der geplanten Serie sind die mit dem Ende der Zeiten verbundenen Stämme Gog und Magog aus Torah, Bibel und Quran.“

Die Geschichte von den drei Reichen kenne ich nur allzu gut und leider besser, und gehe also in eines der Tarnzelte, wo die „subjektive Wahrheit“, die „emotionale“ Seite der Geschichte zu Wort kommt - und Überraschung: durch eine Frau! (Leider habe ich ihren Namen nicht verstanden). Sie trägt in perfektem Russisch (synchronisiert) den Video-Bericht eines Überlebenden des Massakers von Odessa am 2. Mai 2014 vor. Sie imitiert seinen Gestus, und ihre Bewegungen werden als virtuelle Figur auf einen Monitor übertragen (Oho! Medien!). Diese Berichte sind seit dem grauenvollen Geschehen im Internet vorhanden. Die Akteurin erklärt in der Einleitung zu dem erschütternden Text, der aber auch Fragen aufwirft, dass viele die Tragödie von Odessa politisch instrumentalisieren (nein, wer hätte das gedacht!) – um sie abzuschwächen oder „aufzubauschen“. Nun, eine Tragödie lässt sich nicht „aufbauschen“: sie ist eine Tragödie, aber missbrauchen kann man sie, z.B. als Discount-Theater.

Wenn man schon so eine Art „Mitmach-Theater“ intendiert, ist schade, dass das Publikum inmitten dieses begehbaren „Dokumentarfilms“ (und als solcher wäre das Ganze besser, aber auch arbeitsaufwändiger gewesen, aber würde mehr Publikum erreichen), nicht life in die Gesetze von Ereignis, Widerspruch, Propaganda, Verfälschung, Lüge und deren Vermischung mit Tatsachen gezogen wird, sondern nur Versatzstücke wie in einem Kaufladen angeboten bekommt. Vielleicht wäre dann etwas passiert, das den Besuch dieses Environments rechtfertigt hätte. Am Ende geht die Filmprojektion am „Lagerfeuer“ weiter – dort ist auch ein noch brennendes Lagerfeuer zu sehen, aber ein echtes, und ein ausgebranntes Auto, und dann zeigt der Kameraschwenk, dass da Tote am Boden liegen, und man hört Schüsse, und es gehen Gefechte los, und die Kamera bewegt sich mit anderen Kämpfenden durch das Kornfeld, man sieht die Salven, und die (o Ironie!) Lagerfeuerromantik war also keine, und ja, Krieg ist das Schlimmste, was es gibt, aber er sät sinnlosen Tod.

Ich möchte noch etwas Unpassendes anmerken: hätte der Moderator seinen Text nicht à la Reich der Freiheit, sondern gebunden, also mit Kunst und in Versen vorgetragen, hätte ihn sicher niemand unterbrochen. Er wäre nicht aus dem Konzept gekommen, dann hätte er nicht vergeblich seine Utensilien gesucht, dann wären ihm nicht Bilder durcheinander gekommen um mit dem ihm angeborenen Charme und Reiz wäre eventuell sogar etwas von der allgemeinen Neugier nicht in Gleichgültigkeit ausgelaufen… Aber das ist ja nicht beliebt im Reich der Freiheit. Denn da muss - damit alles bleibt wie es ist - vor allem Mehrfachangebot und, o Ironie der Ironie, demokratischer Voluntarismus herrschen. Natürlich betrifft das nicht deren reiche Leute, sondern nur deren arme. Und wir sind ja auch richtig in so einer Art Kultur-„Aldi“: in einer Produktion von internil in Kooperation mit dem Theaterdiscounter Berlin. Gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes und durch den Kofinanzierungsfonds des Regierenden Bürgermeisters von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten. Alles genau da und so, wie es sein soll. Die Tarnzelte sind echt. Mit Kunst hat es garantiert nichts zu tun, die wäre auch nicht konform; aber es ist ja eine Desinformationskampagne.
o.b. - 30. Januar 2017
ID 9812
GOG / MAGOG 1: Ukraine (Theaterdiscounter, 28.01.2017)
Eine Desinformationskampagne

Performance: Marina Miller Dessau / Arne Vogelgesang
Lieder & Gesang: Brandon Miller
Klang & Dirigat: Christopher Hotti Böhm
Raum & Ausstattung: Moran Sanderovich
Video: Lenny Triefenschal
Premiere war am 26. Januar 2017
Eine Produktion von internil in Kooperation mit dem Theaterdiscounter


Weitere Infos siehe auch: http://www.theaterdiscounter.de



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