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Neue Stücke

Der Wert und

Gegenwert von

Leben



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Es ist eine wahre Horrorvorstellung: Ein gekapertes Linienflugzeug rast auf ein vollbesetztes Fußballstadion zu und droht dort einzuschlagen. Zahlreiche Menschenleben stehen auf dem Spiel, und die Kampfpiloten der Bundeswehr, die das Flugzeug eskortieren, sind zum Zuschauen verdammt, weil sie die Maschine nicht abschießen dürfen. Das Luftsicherheitsgesetz, erlassen im Januar 2015, schließt zwar in seinem § 14 die Möglichkeit nicht aus, ein Flugzeug abzuschießen, wenn „nach den Umständen davon auszugehen ist, dass das Luftfahrzeug gegen das Leben von Menschen eingesetzt werden soll, und sie [die unmittelbare Einwirkung mit Waffengewalt] das einzige Mittel zur Abwehr dieser gegenwärtigen Gefahr ist“. Allerdings entschied das Bundesverfassungsgericht knapp ein Jahr später, dass dieser § 14 Abs. 3 gegen das Grundrecht auf Leben und gegen die Menschenwürde verstoße.

Das Contra-Kreis-Theater, das älteste Privattheater Bonns, zeigt seit Mitte September und noch bis zum 23. Oktober Ferdinand von Schirachs Erstlingswerk als Theaterautor: Terror. Schirach, Rechtsanwalt aus Berlin und den meisten bekannt als Autor der Erzählbände Verbrechen und Schuld, hat mit Terror ein klassisches Courtroom-Drama geschrieben:

Lars Koch, Major bei der Luftwaffe, wird angeklagt, im Mai 2013 eine Passagiermaschine der Lufthansa mit 164 Menschen an Bord abgeschossen zu haben, die gekapert worden war. Der Entführer drohte, die Maschine in die vollbesetzte Allianz-Arena in München stürzen zu lassen. Niemand hat diesen Abschuss überlebt.

Koch bestreitet die Tat nicht. Er argumentiert, er habe die Entscheidung treffen müssen, die Menschen in der Maschine zu töten, um die Menschen im Stadion zu retten. Nach einer langen Ausführung seines Kollegen Lauterbach zu den Ereignissen dieses Tages fokussiert sich dieser Abend auf die Frage, ob ein Menschenleben gegen ein anderes aufgewogen werden kann. Die Ehefrau eines Opfers wird gehört, die Überheblichkeit der Behörden thematisiert, die zwar alles versuchen, das Flugzeug zum Laden oder Abdrehen zu bewegen, aber nicht den Befehl erteilen, das Stadion räumen zu lassen. Zudem wird die Frage thematisiert, ob die Passagiere die Möglichkeit hatten, das Cockpit zu stürmen und den Entführer zur Aufgabe zu bewegen.

Lars Koch (Bernard Niemeyer) dagegen macht in seiner Aussage die Gemütswelt des Soldaten deutlich, der einerseits Befehlen gehorchen muss (der in diesem Fall lautete, das Flugzeug nicht abzuschießen), andererseits aber auch ausgebildet wurde, in lebensgefährlichen Situationen Entscheidungen zu treffen und ggf. sein eigenes Leben für den Staat, dem er dient, zu geben. Schirach lässt in seinem Stück das Ende offen bzw. das Publikum über die Frage entscheiden, ob der angeklagte Kampfpilot schuldig ist oder nicht.

Regisseur Lajos Wenzel gelingt es, die Länge des Stückes und die sehr technischen Details aufzubrechen, etwa indem Oberstleutnant Lauterbach (Thomas Kahle), der im Führungszentrum die Lage vom Boden aus beobachtet, eine Erläuterung zu einem Detail im Schnellsprech absolviert. Der Richter (Bernhard Dübe) ist vielleicht etwas zu vertrottelt angelegt, und man wünscht sich ein wenig, er würde stärker durchgreifen. Der Rechtsanwalt (Volker Risch) ist eine coole Socke und hat dadurch die Sympathien der Zuschauer auf seiner Seite, während die Staatsanwältin (Kerstin Gähte) an übergeordnete Prinzipien wie Moral und Würde appelliert.

Die Inszenierung fingiert von Beginn an eine Verhandlung, an der man als Zuschauer teilnimmt: Ein Polizeibeamter (Benedikt Fiebig) steht an der Tür und führt eine Personenkontrolle durch, bei Eintritt des Richters müssen sich alle von ihren Sitzen erheben. Der Theaterraum des Contra-Kreis-Theaters eignet sich dabei außerordentlich gut für diese Gerichtssituation: Die Zuschauer sitzen wie in einer antiken Arena im Halbrund um die Spielfläche. Daher ist gar nicht viel Bühnenbild vonnöten: ein paar Aufbauten für das Richterpult und die erhöhten Plätze von Verteidiger und Staatsanwältin sowie ein einfacher Stuhl mit Tisch für die Zeugen. Einziger Technikkniff ist die Leinwand über dem Kopf des Richters, die denjenigen, der auf dem Zeugenstuhl sitzt, für alle Zuschauer von vorne zeigt. Es wäre vermutlich ansonsten etwas anstrengend für einen Teil des Publikums, die Vernehmungen zu verfolgen und dabei den Befragten nur von hinten zu sehen. Wünschenswert wäre nur gewesen, den Abend auch wie eine Verhandlung abzuschließen und nicht mit dem (dann doch im Theater üblichen) Applaus für die Schauspieler.

Terror schildert einen eindrücklicher Fall, der intensive Diskussionen auch in der Theaterpause nach sich zieht: Wie soll man diesen Fall nun bewerten? Zählen abstrakte Prinzipien und Überlegungen mehr als die Menschenleben im Stadion? Wie würde man selbst in einem solchen Fall entscheiden? Natürlich kann man sich Terror auch in der Verfilmung in der ARD ansehen, aber mal ehrlich: Im Theater ist man doch irgendwie näher dran und unmittelbar dabei.
Karoline Bendig - 14. Oktober 2016
ID 9621
TERROR (Contra-Kreis-Theater, 12.10.2016)
Inszenierung:  Lajos Wenzel
Bühne: Thomas Pfau
Kostüme: Brigitte Winter
Mit:  Bernhard Dübe (Vorsitzender), Bernard Niemeyer (Lars Koch, Angeklagter), Volker Risch (Biegler, Verteidiger), Kerstin Gähte (Nelson, Staatsanwältin), Thomas Kahle (Christian Lauterbach), Katharina Felschen (Franziska Meister), Karina Kirkuc (Protokollführerin) und Benedikt Fiebig (Wachtmeister)
Uraufführung im Deutschen Theater Berlin war am 3. Oktober 2015.
Bonner Premiere: 15. September 2016
Weitere Termine: 16., 21. - 23. 10. 2016
Eine Co-Produktion mit dem Jungen Theater Bonn


Weitere Infos siehe auch: http://www.contra-kreis-theater.de/theater-archiv/terror/


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