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Premierenkritik

Zynische

Mittelstands-

komödie



Oliver Bukowskis Ich habe Bryan Adams geschreddert am Staatstheater Cottbus - Foto (C ) Marlies Kross

Bewertung:    



„Deutschland - Wunder und Wunden“ heißt das aktuelle Spielzeitmotto am Staatstheater Cottbus. Passend dazu hat Schauspieldirektor Mario Holetzeck das 2014 in Göttingen uraufgeführte Stück Ich habe Bryan Adams geschreddert des in Cottbus geborenen Dramatikers Oliver Bukowski inszeniert.

Der stellvertretende Chef der Belegschaft eines mittelständigen Sanitär-Keramik-Unternehmens veranstaltet eine Motto-Party, bei der er teambildendes Krisenmanagement betreiben will. Auslöser ist die Entlassung des Mitarbeiters Christopher, dessen angekündigte Teilnahme an der Festivität alle in helle Panik zu versetzen scheint. Im Laufe des Abends beginnt dann unter dem Einfluss der Wahrheitsdroge Alkohol die Fassade der heilen Reihenhauswelt zu bröckeln, und die Sommersonnenwendfeier im Kleingartenidyll wird zum allgemeinen Wendepunkt für die innerlich angstzerfressene Partygesellschaft. Das Wunder eines beschworenen Teamgeists erweist sich als hartes und opferreiches Überlebenstraining, das so manche seelische und körperliche Wunde schlägt. Eine Art Tanz auf glühenden Grillkohlen beginnt.

Dazu hat Gundula Martin eine spießige Partyhölle auf Kunstrasen mit Liegestühlen, Elektrogrill, Mini-Pool und einer Gartenschmalspurbahn gebaut. An der machen sich Schmalspurchef Frank (Amadeus Gollner) und Management-Kollege Patrick (Kai Börner) als fachsimpelnde große Jungs zu schaffen, während ihre Frauen Bowle, Schnapsflaschen, Grillgut und Frühlingssalate heranschleppen. Gastgeberin Tanja (Susann Thiede) und Simone (Kristin Muthwill) scheinen sich mit ihrem Schicksal in der zweiten Reihe abgefunden zu haben. Simones tägliche Motivation ist der Griff zur Flasche, was ihr bereits deutlich anzumerken ist und einige Spitzen seitens Ehemann Patrick einträgt. Der aalglatte Schleimer hegt selbst versteckte Ambitionen auf einen Chefposten. Simone bezeichnet ihn dann irgendwann auch als karrieregeile Ratte. Das Ziel der Lästereien wechselt kurzzeitig als Sachbearbeiterin Paula (Johanna-Julia Spitzer) mit ihrem neuen Freund Sascha (Thomas Harms) eintrifft. Der Mann aus der Luftfahrt im blauen Zweireiher mit Sonnenbrille entpuppt sich schnell als zum Bodenpersonal gehöriger Fluglotse, dem die einfache Buchhalterin selbst etwas von einer Deputy Key Account Managerin vorgegaukelt hat.

Der ausgebootete Christopher schwebt metaphorisch, wie sich Simone ausdrückt, über dem Abend, was Personalchef und Gastgeber Frank zur Rechtfertigung für das Gesundschrumpfen der Firma - er nennt es auch Ballast abwerfen - nötigt. Es herrscht eine spürbare Verspanntheit, die Frank mit ein paar Gesellschaftsspielen aufzulockern versucht, was hier immer wieder für Peinlichkeiten sorgt und jede Menge Anlass zu Slapstick-Nummern bietet. Als weiteren Katalysator für aufgestaute Aggressionen fungiert Franks 18jähriger Sohn Jannik (Johannes Kienast), der das zwanghaft fröhliche Feierkollektiv mit dem Handy filmt, die verzweifelten Gebaren der Partygäste mit zynischer Verachtung und coolen Sprüchen kommentiert und schließlich mittels selbsterdachter schräger Performance und später noch in Mutters kleinem Schwarzen provoziert.

Nach dem Austausch vieler hinreichend bekannter Klischees und mehrere Drinks später beginnen alle schließlich mit einer quälender Selbstreflektion, die weder vor der eigenen noch der Demütigung anderer Halt macht. Autor Bukowski lässt die Kollegen immer wieder neue Allianzen bilden, Fronten aufmachen und Gräben ziehen. Die das Jetset kopierenden Helden des Mittelstands gerieren sich als Highperformer in eigener Sache. Körperliches und verbales Muskelspiel als Ausdruck einer typischen Form der Selbstoptimierung für das Bestehen im täglichen Konkurrenzkampf. Frank schwört dabei auf Morgengymnastik zu Bryan Adams "Summer of 69". Yoga für das bessere Verbiegen im Job, wie es Tanja nennt. Sie ist es dann auch, die die Bryan-Adams-CD ihres Mannes im Gartenhecksler genüsslich zerschreddert. Den anderen Männern ergeht es nicht viel besser, bis der „Chor der Klageweiber“ sich auch gegenseitig zerfleischt. „Ich bin wenigstens noch Mutter, wenn alles den Bach runtergeht. Was seit ihr?“ hält Tanja den anderen beiden Frauen vor, die ihren Kinderwunsch der Karriere geopfert haben. Tanjas eigene Leibesfrucht macht es ihr allerdings nicht gerade einfach, den kurzzeitigen Triumpf zu genießen.

Jannik gibt einen Kurzeinblick in seinen bevorstehenden Werdegang von der Wohlstandsverwahrlosung über die persönliche Bedeutungslosigkeit bis ins soziale Prekariat. Den Alten prophezeit Jannik noch das große Sauriersterben. „Erst das Industrieproletariat, jetzt ihr, der Mittelbau.“ Die alkoholschwangeren Protest- und Rocker-Attitüden der bedrohten Mittelständler à la „Wehrt euch!“ entlarven sich allerdings recht schnell selbst. „Es gibt keine reelle Gegenwehr, solange einer immer besser sein will als die anderen.“ An diesem Abend frönt aber alles noch mal dem Partywahn und lässt den jugendlichen Störenfried einfach abtreten. „Du kannst nach Hause gehen.“ skandiert der drittklassige Cottbuser Fußballchor, bevor schließlich alle Hüllen und Hemmungen fallen. Die so heiß entflammte Selbstüberschätzung wird schließlich kalt mit dem Gartenschlauch abgespritzt. Der Ernüchterung folgen trockene Handtücher, Brandsalbe und schon wieder neue Pläne für die Zeit nach dem Ausstieg aus dem Job. "What a wonderful world this would be."



Oliver Bukowskis Ich habe Bryan Adams geschreddert am Staatstheater Cottbus - Foto (C ) Marlies Kross


Bukowski lässt in seiner schwarzen Komödie die Betroffenen selbst über ihre Ängste und den „blinden Fleck“ ihres Berufslebens sprechen. Ein Hamsterrad aus Leiharbeit, Sonderschichten, drohenden Versetzungen und letztlich dem Rauswurf, wenn man nicht mehr funktioniert. Vom großen Durchstarter zur finalen Bruchlandung. Der Mittelstand befindet sich in einem ständigen sozialen Jetlag. Mario Holetzeck macht daraus in Cottbus eine rundum spaßige Volldröhnung mit viel Rock und Pop aus der Konserve. Das Beste der 70er, 80er und 90er. Die gezeigte Wut und Depression des um seine Errungenschaften fürchtenden Bürgertums, das man ja auch unter den Zuschauern vermuten könnte, lässt einen aber kaum mal wirklich das Lachen im Hals gefrieren. Das Potential dieser durchaus bissigen Satire verpufft so ein wenig zu gut gelaunt.

Stefan Bock - 13. April 2015
ID 8567
ICH HABE BRYAN ADAMS GESCHREDDERT (Staatstheater Cottbus, 11.04.2015)
Regie: Mario Holetzeck
Bühne und Kostüme: Gundula Martin
Dramaturgie: Sophia Lungwitz
Regieassistenz: Matthias Grätz
Besetzung:
Frank Peukert, Chef einer mittelständischen Sanitärkeramikfirma ... Amadeus Gollner
Tanja Peukert, seine Frau ... Susann Thiede
Jannik, ihr Sohn ... Johannes Kienast
Simone Lange, angestellt bei Peukerts ... Kristin Muthwill
Patrick Lange, ihr Mann, ebenfalls angestellt ... Kai Börner
Paula Röder, Sachbearbeiterin bei Peukerts ... Johanna-Julia Spitzer
Sascha, Paulas Freund, Fluglotse ... Thomas Harms
Uraufführung am Deutschen Theater Göttingen war am 22. April 2014
Premiere in Cottbus: 11. 4. 2015
Weitere Termine: 15., 30. 4. / 7. 6. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatstheater-cottbus.de


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