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Ehre – ein Konstrukt der Unterdrücker

HABE DIE EHRE von Ibrahim Amir


Bewertung:    



Eine Komödie über den Mord an muslimischen Frauen, der durch Familienangehörige begangen wird – geht das? Habe die Ehre wird als Parallelgesellschaftskomödie angekündigt. Der Autor Ibrahim Amir wurde 1982 in Syrien geboren. Als er sich als Student der Theater- und Medienwissenschaft in Aleppo in einer kurdischen Studentenbewegung engagierte und eine Schweigeminute für die nordirakischen, kurdischen Giftgasopfer initiierte, wurde er exmatrikuliert und musste 2002 nach Wien emigrieren. Dort lernte er Deutsch und studierte Medizin. Inzwischen arbeitet er als Schriftsteller und „nebenbei“ als Arzt. Als 12jähriger erlebte der Autor, wie in seinem syrischen Heimatdorf eine Mutter von drei Kindern und ihr Liebhaber von ihrem Bruder ermordet wurden, weil die Familie es so beschlossen hatte.

Ibrahim Amir entschied sich, dass in seinem Stück die Frau nicht getötet wird, weil keiner der möglichen Täter dies tun möchte. Aus dieser Situation schöpft das Theaterstück sein komödiantisches Potential. Die Tochter (Julischka Eichel) wird nebenan im Schlafzimmer gefangen gehalten und geschlagen. In der Küche, einem zum Publikum hin geöffneter Containerraum, tagt der Familienrat. Bei Tee beraten der „betrogene“ Ehemann (Jakob Leo Stark), sein Vater (Benjamin Höppner), der Bruder der Frau (Johannes Benecke) und dessen Eltern (Guido Lambrecht und Sabine Orléans) nur noch darüber, wer die „Ehebrecherin“ erschießen soll. Doch jeder findet Ausreden, warum gerade er es nicht tun kann. Gleich zu Beginn der kurzweiligen und höchst unterhaltsamen Inszenierung des amtierenden Schauspiel-Intendanten Stefan Bachmann knistert die Luft im Container vom aufgeblasenen Machoverhalten der männlichen Akteure. Breitbeinig sitzend schaukeln sich die männlichen Figuren mit frauenfeindlichen Kraftausdrücken wie „diese Hure“ und homophoben Beleidigungen wie „du verdammte Schwuchtel“ derbe zu mehr aggressiver Gewaltbereitschaft hoch.

Die Zuschauer erfahren, dass der Liebhaber der Frau bereits erschossen wurde. Von den einzelnen Figuren vorgeschobene Gründe, die „Ehebrecherin“ selbst nicht erschießen zu können, erfrischen durch zunehmend absurder und grotesker werdende Situationskomik. Zwei plötzlich erscheinende Polizisten (Robert Dölle und Melanie Kretschmann) verkennen die Lage und bemühen sich lediglich um die Einhaltung der Nachtruhe. Im Kontakt mit ihnen wird erst klar, dass nur der Bruder der Gefangenen Deutsch spricht. Die Polizisten sprechen Laute, die wie deutsche Wörter klingen. Besonders grotesk wird dann der Show-Down, wo bereits Totgeglaubte wieder aus der Versenkung auftauchen. Es folgt eine unerwartete Wendung nach der anderen.

Das gut aufgelegte Ensemble spielt temporeich und pointiert. Im Publikum wird viel geschmunzelt, gleichzeitig ist die menschenverachtende und frauenfeindliche Haltung bedrückend gegenwärtig. Vielleicht kann gerade diese Farce zeigen, anders als eine tragische Bearbeitung des Themas, wie geradezu lächerlich es ist, aus Ehrenrettung einen Mord zu begehen. Es ist immer menschenverachtend, wenn Werte von Mächtigen im Staat oder in der Familie über das Leben und die Grundrechte von Menschen gestellt werden. Sollte vorher so etwas wie Ehre existiert haben, dann ist es doch gerade sie, die durch den Mord getötet wird, und es ist das Recht auf Selbstbestimmung, dass mit dem Menschen getötet werden soll.
Ansgar Skoda - 16. November 2015 (2)
ID 8984
HABE DIE EHRE (Depot 2, 14.11.2015)
Regie: Stefan Bachmann
Bühne: Thomas Garvie
Kostüme: Birgit Bungum
Licht: Michael Frank
Dramaturgie: Sibylle Dudek
Besetzung:
Der Liebhaber … Mohamed Achour
Der Bruder … Johannes Benecke
Ein Polizist … Robert Dölle
Die Ehefrau … Julischka Eichel
Der Schwiegervater … Benjamin Höppner
Eine Polizistin … Melanie Kretschmann
Der Vater … Guido Lambrecht
Die Mutter … Sabine Orléans
Der Ehemann … Jakob Leo Stark
Die Frau … Lou Zöllkau
Uraufführung am im Wiener Theater Nestroyhof Hamakom war am 29. Januar 2013
DSE am Schauspiel Köln: 9. 5. 2014
Weiterer Termin: 15. 12. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielkoeln.de


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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