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Neue Stücke

Coetzee´s

Schande im

La Colline



Bewertung:    



„Die Sprache der Religion spreche ich nicht, ich muss einen Weg finden, diese zu übersetzen, sodass es für mich Sinn ergibt.“ sagt David Lurie zu Melanies Vater. Dieser hat eine Affäre mit ihr...

Regisseur Jean-Pierre Baro war fasziniert von Disgrâce, dem Roman John Maxwell Coetzees aus dem Post-Apartheit-Südafrika [deutscher Buchtitel: Schande] und wollte also unbedingt das Werk mit all seiner trockenen und lapidaren Ausdrucksweise auf die Bühne bringen. Es geht hierin um Rassenprobleme, Machtausübung und Triebe der Menschen. Themen, die brandaktuell sind - gerade in diesen Tagen.

*

Das Stück beginnt, wie der Roman, mit der Illustration von Luries gefährlichen Liebschaften und der Selbstgefälligkeit, mit der sich Lurie das nimmt, was er braucht: Nach zweifacher Scheidung vergnügt er sich mit Prostituierten und mit Studentinnen seiner Kurse. Geschickt gelingt es Baro mit darstellerischen oder akustischen Mitteln, diese Themen am Anfang kurz aber verständlich zu übermitteln, um dem Zuschauer einen schnellen Einstieg in das Thema zu ermöglichen und Luries Machtausübung zu zeigen.

Baro teilt das Bühnenbild in zwei Teile. Der erste, in dem Lurie noch in Kapstadt ist, spielt bezeichnend vor verschlossenen Jalousien und einem weißen einrollbaren Teppich. Nach dem Bekanntwerden der Liaison mit Melanie und dem Verlust seiner Lehrtätigkeit transformiert sich die Bühne in eine Art Hof, wo Lucy, Luries Tochter, in Abgeschiedenheit ihr homosexuelles Leben führt. Nachdem diese von Einbrechern vergewaltigt wird, gelingt es Baro in kürzester Zeit, in einer Szene den paradoxen Konflikt von Lurie zu zeigen: Einerseits verweigert er dem Vater Melanies, ihn mit Hilfe Gottes für seine Machtausübung zu bestrafen - andererseits quält ihn die Tatsache, dass die schwanger gewordene und gedemütigte Lucy Opfer von einer anderen Art von Machtausübung wurde, diese aber weder Anzeige erstatten noch ihre Farm verlassen will.

Die Adaptation des Romans, in etwas mehr als zwei Stunden, ist in seiner Chronologie nahe an die Vorlage angelehnt. Die schauspielerische Leistung von Pierre Baux, der Lurie spielt, ist schnörkellos und gibt dem Zuschauer genau den Charakter, unter dem man sich Lurie vorstellen muss. Ein hagerer, nicht sonderlich gut aussehender Mann, der mit seiner Wortwahl Allen erhaben zu sein scheint außer seiner eigenen Tochter. Der Wechsel zwischen dem auf der Bühne stattfindenden Blackfacing und Abschminken, das in Frankreich (noch) nicht so stark kritisiert wird wie in Deutschland, hat in diesem Stück gut gepasst. Coetzee erwähnt Hautfarben nicht, was den Roman zu seiner Zeit zum Politikum gemacht hat. Verfechter beider Seiten kritisierten ihn so heftig, dass er sein Leben im Exil verbringt.




Disgrâce am La Colline, Paris | Foto (C) Simon Gosselin

Tobias Marian Wollenhaupt - 7. November 2016
ID 9669
DISGRÂCE (Petit Théâtre, 05.11.2016)
Inszenierung: Jean-Pierre Baro
Französische Übersetzung: Catherine Lauga du Plessis (Editions du Seuil)
Bearbeitung: Pascal Kirsch und Jean-Pierre Baro
Licht: Bruno Brinas
Bühne: Mathieu Lorry Dupuy
Sound: Loïc Le Roux
Kostüme: Majan Pochard
Mit: Jacques Allaire, Fargass Assandé, Pierre Baux, Simon Bellouard, Cécile Coustillac, Pauline Parigot, Sophie Richelieu und Mireille Roussel
Uraufführung am Théâtre National de la Colline: 3. November 2016
Weitere Termine: bis 3. 12. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.colline.fr


Post an Tobias Marian Wollenhaupt

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