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Neue Stücke

Machtspiel mit

ungleichen

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Laura Sundermann und Bernd Braun in Anja Hillings Massiver Kuss am Theater Bonn | © Thilo Beu

Bewertung:    



Es ist ein hartes Material, mit dem die französischen Bildhauer Camille Claudel (1864-1943) und Auguste Rodin (1840-1917) ihre Figuren modellierten. Als Wegbereiter der Moderne schufen beide Künstler bedeutende Skulpturen aus Ton, Marmor, Gips, Terrakotta, Bronze oder Onyx. Mit Massiver Kuss klopft Autorin Anja Hilling nun in der Werkstatt-Bühne am Bonner Theater die Sprache ab, mit der sie die Beziehung der beiden Künstler in eindrückliche Wortspiele, komplexe Dialoge und Monologe auf einer Metaebene kleidet. Obwohl Hilling das Schicksal der beiden Kunstschaffenden als exemplarisch betrachtet, wenn sie das auftretende Paar bloß als „eine Frau“ und „ein Mann“ bezeichnet, lohnt eine kurze Skizzierung des Zusammenlebens der beiden Künstler, auf das das Drama vielfach anspielt:

1883 wurde Claudel Rodins Schülerin und bald seine Liebhaberin. Etwa 15 Jahre währte ihre Liebesbeziehung, die auf künstlerischen Austausch gründete. Sie kneteten und formten Seite an Seite und schufen gemeinsam Kunstwerke. Der sehr viel ältere Rodin scheute jedoch ein öffentliches Bekenntnis zu Claudel. Er heiratete Rose Beuret, die Mutter seines Sohnes.

Auf der Bühne sitzt Rose als Pianistin am Flügel (Anaïs Durand-Mauptit) im Zentrum des Geschehens. Sie bleibt schweigsam, setzt jedoch regelmäßig kurze Akzente am Klavier. Immer wieder lässt sie die Klappe des Flügels fallen und unterstützt so effektvoll die entstehende Spannung zwischen den beiden Hauptfiguren des Dramas. Im ansonsten leeren Raum, dessen Boden und Wände durch ein graues Tuch verhangen sind, treffen ein Mann (Bernd Braun) und eine Frau (Laura Sundermann) aufeinander. Der Mann findet Gefallen an der sehr viel jüngeren Frau. Die angehende Künstlerin fühlt sich geehrt, da ihr Lehrmeister bereits eine anerkannte Größe der lokalen Kunstwelt ist.

Regisseurin Friederike Heller findet effektvolle Bilder, in denen sie Inspirationsquellen und Handschriften der Kunstschaffenden spielerisch beleuchtet. So posiert die Frau regelmäßig für den Mann, während er sich seltener von ihr anweisen lässt, eine Pose einzunehmen. Beide sind kurzzeitig Muse des jeweils anderen und arbeiten sich immer mehr aneinander und an ihrer Kunst ab. Auf hohem Niveau wird eine geistige Nähe zueinander erkundet. Während es ihm darum geht, sie für die Arbeit an seinem eigenen Werk einzusetzen, wünscht sie sich bald, dass er sie öffentlich als ebenbürtige Künstlerin und Lebensgefährtin würdigt.

Heller schafft einen reduzierten Bildraum, vor dem Hillings komplexe Gedankenwelt schwer verständlich wuchert, die unter anderem Genderdiskurse befeuert, indem der männlich dominierte Kunstmarkt hinterfragt wird. Die Künstlerfiguren werden nur im übertragenen Sinne bei ihrer Arbeit gezeigt. Das künstlerische Schaffen der Bildhauer bezeugen Schwarz-Weiß-Fotografien von namhaften Objekten Claudels an der linken und bedeutenden Objekten Rodins an der rechten Seitenwand der Bühne. Im Drama dominiert schließlich Laura Sundermann in der Rolle der Frau, wenn sie als durchaus faszinierendere weil verletzlichere Figur ein Schlusswort spricht. Sie verschreibt sich ganz der Kunst, während sich der geschäftstüchtige Mann irgendwann elegant zurückzieht. Ihre schöpferische Kraft findet ein Ventil in ihrer Zerstörungswut. Regisseurin Heller und Autorin Hilling zeugen hier Claudel ihren Tribut, die bei ihren weiblichen Figuren insbesondere seelische Vorgänge darstellte, während Rodin die Sinnlichkeit seiner Figuren betonte. Claudels Werke bezeugen sowohl ihre persönliche Leidensgeschichte als auch ihre enorme Schaffenskraft. Während Rodins Skulpturen heute zu den teuersten der Welt gehören, zerstörte Claudel viele ihrer Werke später selbst, und es sind nur wenige überliefert. Während Rodin bis heute ein enormes museales Potential schuf, bleibt Claudel die bei weitem interessantere Figur des Paares.



Laura Sundermann und Bernd Braun in Anja Hillings Massiver Kuss am Theater Bonn | © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 2. November 2016
ID 9656
MASSIVER KUSS (Werkstatt, 26.10.2016)
Regie: Friederike Heller
Raum: nach einer Idee von Ricarda Beilharz / Friederike Heller
Kostüme: Sabine Kohlstedt
Komposition und Musikauswahl: Markus Reschtnefki
Licht: Lothar Krüger
Dramaturgie: Elisa Hempel
Besetzung:
Sie … Laura Sundermann
Er … Bernd Braun
Pianistin … Anaïs Durand-Mauptit
Uraufführung am Theater Bonn: 29. September 2016
Weitere Termine: 5., 12., 19.. 30. 11. / 9., 23., 30. 12. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de

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